Vasektomie – angesagt wie nie!: Schnipp, schnapp, ab

Als Reaktion auf das rigide Antiabtreibungsgesetz in Alabama fordert eine demokratische Abgeordnete: Alle Männer ab 50 sollen sterilisiert werden.

DemonstrantInnen mit Pappschildern und und einem Kind mit Ohrschützern.

Demonstration in New York gegen strengere Abtreibungsgesetze in Alabama und Georgia 2019 Foto: Jeenah Moon/reuters

Auge für Auge, Zahn für Zahn, Ei für Ei(-Zelle). So etwas in der Art muss sich die demokratische Abgeordnete Rolanda Hollis gedacht haben, als sie vergangene Woche einen Gesetzentwurf im Repräsentantenhaus des erz­evangelikalen Bundesstaats Alabama einbrachte. Die Forderung: Männer, die das 50. Lebensjahr überschreiten oder bereits drei Kinder haben, sollen zwangssterilisiert werden.

Der alttestamentarische Apho­rismus „Auge für Auge, Zahn für Zahn“ passt an dieser Stelle tatsächlich sehr gut. Denn natürlich ist es nicht der Plan der Abgeordneten Hollis, halb Alabama stillzulegen. Der Antrag ist lediglich eine Reaktion auf das derzeit strikteste Antiabtreibungsgesetz der Vereinigten Staaten, das die Gouverneurin von Alabama, Kay Ivey, im Mai mit den Worten „Jedes Leben ist ein Geschenk Gottes“ unterzeichnete.

Derzeit wird dieses Gesetz zwar noch vor dem Obersten Gerichtshof des Bundesstaates verhandelt, träte es jedoch in Kraft, wäre ein Schwangerschaftsabbruch selbst nach einer Vergewaltigung nicht mehr möglich.

Alle Männer, die dieses Antiabtreibungsgesetz zwar zu Recht schwachsinnig finden, bei Hollis’ Vasektomie-Antrag aber trotzdem kurz aufgeschrien und sich schützend an ihre Kronjuwelen gefasst haben, aufgepasst:

Männliche Bringschuld

Rolanda Hollis’ Seitenhieb auf die Gesetzgebung in Alabama macht nämlich ganz nebenbei auf etwas anderes aufmerksam: „Zum Tangotanzen gehören immer zwei“, kommentierte sie ihren Antrag sinngemäß auf Twitter. Trotzdem liegt die Bringschuld bei der Familienplanung bis heute bei der Frau. Nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch hier in Deutschland.

Pille, Spirale, Nuva-Ring, Depot-Spritze: Die Liste der Verhütungsmittel für die Frau ist lang. Männer haben das Kondom und die Vasektomie. Punkt. Die Pille für den Mann gibt es zwar theoretisch, sie ist aber nicht als Arzneimittel zugelassen. Der Grund: Der Eingriff in den Hormonhaushalt wäre zu groß. Ein Risiko, das man Frauen zumutet, Männern aber nicht.

Bleibt also die Vasektomie. Wenn man sich die Sache genauer anschaut, spricht wenig, sehr wenig gegen diesen Eingriff. Vorausgesetzt, die eigene Familienplanung ist bereits abgeschlossen.

Zwei kleine Schnitte in den Hodensack, zwei weitere, um die Samenleiter zu durchtrennen. Samenleiter abbinden, Hoden zunähen, das war’s. Das alles ambulant und bei örtlicher Betäubung. Dauer des Eingriffs: 15 bis 20 Minuten. Kostenpunkt für den Eingriff allein: circa 250 Euro. Die Vasektomie hat sich gegenüber der Pille also nach nicht mal einem Jahr amortisiert. Nebenwirkungen gibt es in aller Regel nicht, und wer nach einigen Jahren beschließt, doch noch Nachwuchs zeugen zu wollen, kann vorher Sperma einfrieren oder sich Samen zur Befruchtung entnehmen lassen.

Kaum Nebenwirkungen

„Im Prinzip ist die Sterilisation des Mannes die Methode mit den wenigsten Nebenwirkungen“ und dabei auch noch sicherer als das Kondom oder hormonbasierte Verhütungsmethoden wie die Pille, sagt der Urologe Wolfgang Bühmann der taz.

So abgedreht der Antrag von Frau Rolando Hollis also klingen mag und so sehr man den Männern in Alabama wünschen mag, dass ihre Forderung kein Gesetz wird, so lehrreich ist er auch. Erstens, weil er zeigt, wie daneben Antiabtreibungs­gesetzgebung generell und die in Alabama im Speziellen ist, und zweitens, weil er Aufmerksamkeit dafür schafft, wie einfach und risikoarm Familienplanung sein kann. Zumindest, wenn sie gleichberechtigt diskutiert würde.

In diesem Sinne: Schnipp, schnapp, Samenleiter ab!

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