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Vandalismus in der KunstGebannte Bewegung in der Stadt

Kunst ohne Erlaubnis? Der Kunstverein Hannover definiert in der Ausstellung „Under the Milky Way“ abstrakte Malerei um – und findet sie auf der Straße.

Es knallt und kracht im Kunstverein Hannover – akustisch wie auch visuell. Die Werke, die dort gezeigt werden, haben eine gewisse Sprengkraft. Denn verhandelt wird unser Verständnis von der abstrakten Malerei. Und vielleicht wird sogar ein ähnliches Andersdenken gefordert wie 1915 in Sankt Petersburg, als Kasimir Malewitsch in der futuristischen Ausstellung „0,10“ eine absolute Gegenstandslosigkeit mit einem „Schwarzen Quadrat“ erfasste.

Kein Quadrat, sondern Silvesterraketen sind es im Jahr 2026. Veli Silver (*1983 Bosnien-Herzegowina) zündete sie bei einer heimlichen Malperformance in den Räumen des Kunstvereins, während er eine Leinwand mit großen, expressiven Gesten bemalte. Sie wird von einem Roboterhund getragen, wie ihn auch die Deutsche Bahn seit 2024 verwendet, um illegaler Zug­be­ma­le­r*in­nen habhaft zu werden.

Im Hannoverschen Kunstverein hat der vom Kollektiv „Rocco und seine Brüder“ entwickelte Hund jedoch die Seiten gewechselt: Eigenmächtig besprüht er die Wände des Ausstellungsraums beziehungsweise verrichtet dort, je nach Interpretation, sein farbiges Geschäft.

Die Ausstellung

„Under the Milky Way. Abstraktion, Autonomie und post-vandalische Tendenzen in der Kunst der Gegenwart“. Kunstverein Hannover, bis 19. Juli

Gesprengt wird beim hier gehandelten Verständnis von einer abstrakten Malerei auch der Rahmen, wenn sich die Farbe, wie bei Hams Klemens (*1984 Frankreich) über die ganze Wand erstreckt. Oder, wie beim Urban-Art Künstlerkollektiv „Moses & Taps“, über die (nachgebaute!) Querseite eines U-Bahn-Waggons. Denn zerstört wird in der Ausstellung nicht. Im Gegenteil, es wird angeeignet, erschaffen, transformiert.

Völlig neue Kunstformen

Als „unautorisierte Malerei“ benennen die Ku­ra­to­r*in­nen Larissa Kikol und Christoph Platz-Gallus künstlerische Positionen, die ursächlich im öffentlichen Raum stattfinden. Mit dem Neologismus geben sie dem einen Namen, was Kunstszene und Öffentlichkeit lange unter „Street Art“ abtaten und links liegen ließen. In der Freiheit der Nichtbeachtung, der völligen Autonomie, haben sich eigene Kunstformen entwickelt.

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Kunstformen, die sich durch den impulsiven, energetischen und unmittelbaren Umgang mit Farbe, Geste und Bildträger auszeichnen, sind aufgeblüht. Oft finden sie im Stadtraum statt, agieren mit Aneignungsstrategien und sind jenseits einer Verschlagwortung in legal oder illegal angesiedelt. Sie entstehen vielfach nachts unter dem Leuchten der Milchstraße – eben „Under the Milky Way“.

Trennlinie zwischen abstrakter Malerei und Graffiti?

Ist abstrakte Malerei Kunst, wenn sie im öffentlichen Raum stattfindet? Wo verläuft die Trennlinie zwischen abstrakter Malerei und Graffiti? Es gibt keine klaren Grenzen mehr. Zusätzlich rückt eine ästhetische Strömung in den Fokus, die sich durch Widerständigkeit auszeichnet – der Roboterhund „Spot“ ist nur ein Beispiel dieser kreativen Selbstermächtigung mit vandalistischen Tendenzen.

Brad Downeys (*1980 USA) konzeptuelles Fassadenwerk ist eine weitere. 2025 erhielt er den Auftrag, eine 26 Meter hohe Hauswand in Berlin-Kreuzberg zu gestalten. Woraufhin er den Graffiti-Künstler Akim One (*1977 Vietnam) dazu einlud, Spraye­r*in­nen auszuwählen, die sich dort einbringen sollten. Um die Unmittelbarkeit zu bewahren, gestalteten sie unter Zeitdruck jeweils ein ihnen zugewiesenes Segment. Als das Wohnhochhaus renoviert werden musste, wurde die gesamte Fassade zerlegt und abgenommen. Die Einzelteile sind nun – in Bildmaß gebracht – im Kunstverein Hannover zu sehen.

„Postvandalismus“ nennt Co-Kuratorin Larissa Kikol solche widerspenstigen künstlerischen Äußerungen. Interessant ist der Umstand, dass viele der ausgestellten Künst­le­r*in­nen an namhaften Kunsthochschulen und bei renommierten Pro­fes­so­r*in­nen studierten. Akademie, Institution, öffentlicher Raum und die Grauzone der Toleranz künstlerischer Äußerungen jenseits der genormten Erscheinungskontexte verschmelzen zunehmend. Die Kategorisierung von Künst­le­r*in und Spraye­r*in ist überholt.

Abstraktion ist ein Begriff, dessen Auslegung von der jeweiligen Perspektive abhängt

Trotz oder gerade wegen all dem springt der Funke in dieser Ausstellung über. Das Publikum kann hier die Energie und die Freude an der malerischen Geste erkennen und verstehen: Abstraktion ist kein geschlossenes Format. Es ist ein Begriff, dessen Auslegung von der jeweiligen Perspektive abhängt.

Die Ausstellung „Under the Milky Way“ im Kunstverein Hannover macht deutlich, dass sich abstrakte Malerei längst aus ihren tradierten Grenzen befreit hat. Sie findet nicht mehr nur auf der Leinwand statt, sondern auch im urbanen Raum, in der Bewegung, im Akt selbst. Abstrakte Malerei ist ein Work in Progress, ein Entwicklungsprozess, der noch lange nicht an sein Ende gekommen ist.

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