Valkenburg-de-Rooij-Ausstellung Utrecht: Schönheit mit moralischem Abgrund
Mit einer Ausstellung in Utrecht thematisiert Gegenwartskünstler Willem de Rooij den Kolonialismus in der Malerei des Alten Meisters Dirk Valkenburg.
Wie wühlt der kleine grüne Papagei auf dem elegant ausgestreckten Zeigefinger auf einem Porträt der Amsterdamer Kaufmannsgemahlin Sara Munter in unserem Gedächtnis? Das Nachleben der Bilder ist ein Denkmodell von Aby Warburg. Der Kunsthistoriker Georges Didi-Huberman griff es vor einigen Jahren wieder auf und popularisierte es. Die Bilder sprechen zu uns, so Didi-Huberman, rufen wach, wo auch wir uns als Betrachter:innen befinden. Und so könnte zuweilen die Malerei des Dirk Valkenburg (1675–1721) in unsere Gegenwart wirken.
Das zumindest möchte die Ausstellung im Centraal Museum Utrecht, die erstmals allein dem Amsterdamer Künstler gewidmet ist. Valkenburg ist nicht sehr bekannt. Aber er dokumentiert die Spätphase des sogenannten Goldenen Zeitalters der Niederlande, als diese eine weltumspannende See- und Handelsmacht waren.
Auf seinen Leinwänden hielt Valkenburg die Elite von Amsterdam fest: die reichen Kaufmannsfamilien und die Verwalter, etwa der Westindien-Kompanie. Die hatte ein Monopol für den Handel in Westafrika und Amerika – und damit auch auf die Beteiligung am transatlantischen Versklavungshandel.
Valkenburg überliefert so Ansichten eines Milieus, in dem Bildung und Aufklärung, Kolonialismus und Ausbeutung gleichermaßen eine schillernde und schöne Bildwelt erzeugten. Dazu gehört der kleine grüne Papagei auf dem Porträt Sara Munters. Es wurde 1717 anlässlich ihrer Vermählung mit Jan Wolters angefertigt, dem späteren Direktor der Geoctroyeerde West-Indische Compagnie.
Kunst, die fesseln soll
Der direkt aus dem Gemälde schauende Vogel muss nach einem echten Vorbild gemalt worden sein, von den südamerikanischen Kolonien gekommen, wie so viele Tiere und Pflanzen in den privaten Gärten und Menagerien der Handelsstadt. Valkenburg arbeitete auch sie in seine Gemälde ein: Palmenblätter und flauschige Federn auf dem goldenem Jackenstoff des porträtierten Jan Wolters, die gekrümmte rote Frucht einer Cashewnuss in einem Stillleben.
Valkenburg zeigt die Natur von Übersee eingehegt, bezwungen und besessen – durch den europäischen Mann und für ihn. Seine Malerei ist anziehend, mit ihren roten, dunklen Grundtönen, den dramatischen Bildkompositionen, den lieblich blassen Gesichtern unter barocken Perücken und unscheinbaren Details am Rand.
Man müsse die „Augen der Menschen auf so süße Weise fesseln, dass … ihr Geist davon gefangen genommen wird“, hatte der flämische Maler Karel van Mander 1604 in seiner kunsttheoretischen Abhandlung „Schilder-boek“ geschrieben. Valkenburg scheint diesen damals sehr populären Anweisungen gefolgt zu sein.
Wie das Schöne von Valkenburgs Bildern auch koloniale Abgründe freilegt, interessiert Gegenwartskünstler Willem de Rooij. Die Valkenburg-Retrospektive in Utrecht ist zugleich seine Ausstellung. Schon lange beschäftigt sich de Rooij, Jahrgang 1969 und Professor an der Frankfurter Städelschule, mit dem Genre des niederländischen Stilllebens und damit, wie es auch den europäischen Kolonialismus bis heute weiterträgt.
Im Centraal Museum setzt er Valkenburgs Kunst in neue Zusammenhänge. Man kann tatsächlich von einer Montage sprechen: Die Konstruktion der Ausstellungswände aus Gipsplatten und Blechträgern ist sichtbar. Valkenburgs Bilder ließ de Rooij darauf in konzentrierten Gruppen hängen.
Eindringlich ist diejenige mit vier Jagdstillleben. Wie von einer Schablone gefertigt, baumelt auf jedem ein erlegter Hase an einem Bein. Er zieht damit eine dramatische Diagonale durchs Gemälde, die Augen des Tiers glänzen, als hätte es eben noch geblinzelt.
Manches Wandpaneel von de Rooij steht seltsam quer im Raum, als Hindernis. Der Blick kann nicht einfach an ihm abgleiten. Wie andere für ihr eigenes Œuvre hinterfragt de Rooij als Konzeptkünstler mit der Valkenburg-Schau das herkömmliche Blickregime klassischer Kunstausstellungen.
Politik der Benennungen
Und lenkt dabei selbst den Blick. Alles läuft bei einem zentralen Bild zusammen. Ganz klein ist es, nur 58 mal 46 Zentimeter. Gemalt hat es Valkenburg zwischen 1706 und 1708, als er sich im Auftrag des Plantagenbesitzers Jan Witsen in der Kolonie Suriname aufhielt.
Es ist zu einer Art Ikone postkolonialer Bildkritik geworden. Seine Benennungen im Laufe der Zeit spiegeln wider, wie unsere Gesellschaft den Kolonialismus thematisiert: Noch 1951 hieß es „Negro Merrymaking in Suriname“, später „Ritual Slave Party on a Sugar Plantation in Suriname“. In Utrecht wird es jetzt mit „Gathering of Enslaved People on One of Jonas Witsen’s Plantations in Suriname“ betitelt, „Versammlung versklavter Menschen von Jonas Witsens Plantage“, um auch sprachlich die dargestellten Personen als Subjekte zu bezeichnen.
Willem de Rooij: „Valkenburg“. Centraal Museum Utrecht. Bis 25. Januar. Ein Katalog ist in Vorbereitung.
Die Recherchen wurden vom Centraal Museum Utrecht unterstützt.
Das Bild hat, ganz im Sinne van Manders, wirklich etwas „Fesselndes“: Am Ufer eines tropischen Flusses versammeln sich Schwarze Menschen, Versklavte einer Zuckerplantage, um einen Trommelspieler. Valkenburg widmete ihrer Haut viel Aufmerksamkeit.
Sie changiert von Dunkel- über Rot- bis Hellbraun und glänzt an jeder Körperwölbung in kühlem Licht. Man meint, sich in den blanken prallen Brüsten, schwangeren Bäuchen und muskulösen Pos spiegeln zu können. Es wird an Genitalien gegriffen, innig geküsst. Alles hier ist sexuell aufgeladen.
Lebendig verbrannt
Vielleicht sind unter den Dargestellten auch Mingo oder Wally und Baratham. Die drei Brüder hatten im Juni 1707 eine Rebellion gegen den Direktor der Zuckerplantage angeleitet. Die ist gut dokumentiert. Valkenburg agierte hier als Zeuge. Die Rebellenanführer wurden zur Strafe lebendig verbrannt.
Über Interpretationen dieses Bilds wird gestritten. Kunsthistoriker Charles Ford sieht darin versklavte Menschen als Besitz und Rohstoff gezeigt wie „Vieh mit reproduktiver Effizienz“.
Katalog-Autorin Rebecca Parker Brienen wertet die überästhetisierte Darstellung als Ausdruck einer Faszination für Schwarze Menschen. Ambivalent bleibt es und auf erschreckende Weise anziehend. Willem de Rooij stellt die Ausstellungsbesucher:innen vor das Schöne – und vor einen moralischen Abgrund.
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