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Unzufriedene MieterHeizungsausfall, Müll und nicht bearbeitete Anliegen

Die Initiative Bülow Ost hat eine Umfrage unter Mie­te­r:in­nen von Wohnungsunternehmen durchgeführt. Die städtische Gewobag schneidet am schlechtesten ab.

Immerhin schön bemalt: Gewobag-Mietshaus in Schöneberg Foto: Joko/imago

Der Hinterhof in der Potsdamer Straße sieht aus, als sei eine Bombe eingeschlagen. Hausmüll, Plastik und Pappe sind weit verstreut. „Bald haben wir hier wieder ein Rattenproblem“, sagt ein Mieter. An der Stadtreinigung liege es nicht. Eine Gitter-Einhausung für die Mülltonnen müsse her, damit diese nicht mehr von Außenstehenden nach Verwertbarem durchwühlt würden. Dem Grundstückeigentümer Gewobag sei das Problem seit Langem bekannt. „Aber es ändert sich nichts.“

Unter den sechs städtischen Wohnungsbaugesellschaften hat die Gewobag den schlechtesten Ruf. Das ist der Tenor einer stadtweiten Onlinebefragung von Mieterinnen und Mietern, die die „Mieter:innen Initiative Bülow-Ost“ vom 16. Januar bis 3. März durchgeführt hat.

Am Mittwoch wurde das Ergebnis der nicht repräsentativen Umfrage veröffentlicht. Für eine repräsentative Umfrage hätten ihnen weder Ressourcen noch erforderliche Daten zur Verfügung gestanden, heißt es in der Pressemitteilung der Initiative. Gleichwohl zeigten die Ergebnisse „ein klares und ernstzunehmendes Stimmungsbild“.

Die Umfrage war über Mieterinitiativen, Aushänge, Flyer sowie soziale Medien gestreut worden. Stadtweit hätten sich 500 Mie­te­r:in­nen beteiligt, die in verschiedenen landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften wie Degewo, Gesobau und Howoge sowie privaten, wie Vonovia, wohnen, heißt es. Das Ergebnis zeigt: Viele Mieterinnen und Mieter haben mit ihren Wohnungsgebern Probleme, was Kommunikation über Mängel und deren Beseitigung betrifft. Konkret genannt werden unter anderem undurchsichtige Heizungsabrechnungen, mangelnde Energieeffizienz, Müll und Verwahrlosung in Wohnanlagen. Bewohner von Gewobag-Häusern haben der Umfrage zufolge die größten Sorgen und Nöte.

Mehr als zwei Drittel sind unzufrieden

Zwei Drittel der antwortenden Mieter hätten angeben, insgesamt unzufrieden zu sein, heißt es. Unter Gewobag-Mietern liege der Anteil bei über 70 Prozent. Mehr als 70 Prozent hätten in der Antwort außerdem angegeben, dass sich ihre Mietsituation in den vergangenen zwei Jahren verschlechtert habe – bei den Gewobag-Mietern sogar drei von vier.

Auch nach dem Gefühl der Wertschätzung durch den Wohnungsgeber war gefragt worden. In drei von vier Antworten habe es geheißen, man fühle sich nicht oder nur wenig wertgeschätzt. Bei der Gewobag seien es 79 Prozent gewesen. Bei der Frage nach dem Umgang mit Anliegen hätten 78 Prozent angeben, offene Anliegen gegenüber dem Wohnungsgeber zu haben, die nicht oder nicht zufriedenstellend beantwortet worden seien. Bei Gewobag-Mietern liege dieser Anteil mit 83 Prozent ebenfalls höher.

Nach der Heizungs- und Warmwasserversorgung gefragt, hätten 50 Prozent der Teilnehmenden berichtet, dass sich die Situation in diesem Bereich verschlechtert habe. Bei den Gewobag-Mietern habe der Anteil mit 59 Prozent ebenfalls höher gelegen.

Die Pressestelle der Gewobag wies die „pauschalierten Schlussfolgerungen, insbesondere zur Gewobag“, gegenüber der taz am Donnerstag zurück. 485 Bewertungen bei rund 400.000 Wohnungen der landeseigenen Unternehmen „auf Basis methodisch fragwürdiger Erhebungen“ seien keine belastbare Grundlage. Die pauschale Darstellung, Mieterinnen und Mieter fühlten sich grundsätzlich nicht wertgeschätzt oder Anliegen blieben systematisch unbeantwortet, „verzerre“ die Realität. „Unser Fokus liegt auf konkreten Verbesserungen – im Dialog, faktenbasiert und verantwortungsvoll“, so die Gewobag-Pressestelle.

Für die SPD-geführte Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen verwies deren Sprecher, Martin Pallgen, gleichfalls darauf, dass die Umfrage nicht repräsentativ ist. Er kündigte an, dass die Landeswohnungsunternehmen und Berlinovo eine Befragung zur Mieterzufriedenheit und Servicequalität durchführen würden, die eine repräsentative Basis habe. Wann das geschehen soll, sagte Pallgen nicht.

Nachdenklich zeigte sich der Bezirksbürgermeister von Tempelhof-Schöneberg, Jörn Oltmann (Grüne): „Als städtische Wohnungsbaugesellschaft muss ich immer den Anspruch verfolgen, besser und kundenfreundlicher zu sein als private Mitbewerber“. Das müsse auch für Immobilien gelten, die in der Innenstadt kein einfaches Umfeld haben. „Insofern ist es vielleicht Zeit, dass die Aufbau- und die Ablauforganisation der Gewobag bei der Bewirtschaftung generell hinterfragt wird, ob sie diesem Anspruch gerecht wird. Vielleicht lassen sich ja doch Verbesserungen erreichen“, so Oltmann.

„Wir sind sehr frustriert“, sagte eine Sprecherin der Initiative zur taz. Sie verwies darauf, dass der zuständige Wohnungsstaatssekretär Stephan Machulik im Herbst 2025 einen Dialog zwischen Mie­te­r:in­nen­in­itia­ti­ve Bülowstraße-Ost, Gewobag, Senatsverwaltung und Berliner Mieterverein für beendet erklärt habe. Machulik habe den Dialog mit unabhängigen Mieter-Initiativen verweigert und die gewählten Mieterbeiräte als alleinige, legitimierte Ansprechpartner bezeichnet. Mit Blick auf die kommenden Wahlen ist sich die Sprecherin allerdings sicher: „Die Zufriedenheit der Mieter und Mieterinnen wird zunehmend zu einem politischen Gradmesser für die Berliner Wohnungspolitik.“

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