Unterwegs mit Jungesellen: Die Verzweiflung in den müden roten Gesichtern
Unsere Kolumnistin, die eigentlich allen alles gönnt, trifft auf einen Junggesellenabschied in freier Wildbahn … und kommt dann doch ins Grübeln.
D ies ist eine urlaubsbedingt vorzeitig geschriebene Kolumne. Sie wird geschrieben worden sein, nach den heißen Tagen in Hamburg, die woanders noch heißer waren als hier. Aber auch hier ist es sehr heiß gewesen, und am Samstag musste ich dennoch raus, weil ich auf einem Sechzigsten eingeladen war. In der S-Bahn ein Haufen Männer im gleichen T-Shirt, die offensichtlich zu einem Junggesellenabschied gehörten. Vierzig Grad in der S-Bahn und ein Haufen Alkohol ausdünstender Männer. Das ist mein Thema.
Darüber habe ich nachgedacht, während die Männer jede Menge Spaß um sich herum verteilten. Darum geht es bei einem Junggesellenabschied, um Spaß. Und wenn man selbst darauf irgendwie nicht wohlwollend reagiert, dann ist man was? Genau, dann ist man eine Spaßbremse. Ich gönne allen alles, was andere nicht schädigt oder verletzt.
Das stimmt eigentlich nicht. Ich gönne schlechten Menschen gar nichts. Aber davon mal ab. Ich weiß nicht, ob diese Männer schlecht oder gut waren, sie waren nur laut und alles, was sie sagten, soweit man das verstehen konnte, war nicht intelligent. Aber muss ja auch nicht.
In meiner Jugend feierte niemand einen Junggesellenabschied, deswegen kam auch keine*r auf die Idee. Es gab einen Polterabend, am Abend vor der Hochzeit, zu dem jede*r kommen konnte, eingeladen oder nicht, und an dem in der Regel mehr getrunken wurde als auf der Hochzeit, weswegen die Hochzeit am nächsten Tag dann für Involvierte ein harter Akt der Selbstbeherrschung war. Aus amerikanischen Filmen erfuhr ich das erste Mal vom Junggesellenabschied, und dann gab es das plötzlich überall.
Wo trinkt es sich besser als hier?
Hamburg ist ein beliebter Junggesell*innenabschiedsfeierort. Auf die Reeperbahn wollen sie alle, wo kann man sich besser betrinken, die große Freiheit und die kleine Freiheit, Pornografie und Prostitution. Warum? Keine Ahnung. Aber irgendwas mit Sex muss sein. Der Bräutigam – die Braut – werden von sich, die/der sie vorher waren, verabschiedet. Obwohl sie dann immer noch die Gleichen sind, die gleichen Menschen, aber anders.
Zu diesem Zweck werden sie von ihren „besten Freunden“ verkleidet und zu albernen Spielen gezwungen, sie müssen trinken und sich lächerlich machen. Das Sich-lächerlich-Machen ist unverzichtbarer Bestandteil. Warum? Keine Ahnung.
Die Basics eines JGA
Auch das muss sein. Alle müssen trinken, kotzen, sich lächerlich machen und fremde Leute belästigen. Das sind die Basics eines JGA. Das Leben vor der Hochzeit war die Freiheit, das Leben danach ist ein Gefängnis. Wenn man das so sieht, warum wählt man das dann? Keine Ahnung. Aber es muss irgendwie sein. Die schöne Zeit ist zu Ende, die schönere Zeit beginnt. Alles wird immer schöner, aber eben auch schlechter, anders geht es nicht.
In Hamburg sind manche Menschen manchmal von diesen JGA-Menschen genervt. Es gibt Kneipen, die verbieten ihnen gar den Zutritt. Obwohl sie doch viel trinken und also viel zahlen.
Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!
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Aber ja, sie haben oft etwas Seltsames an sich, diese Junggesellenfreunde. Ihr Spaß scheint ihnen bitterernste Pflicht, während der eine oder andere vielleicht insgeheim weinen möchte. Diesem Frohsinn wohnt oft etwas Verzweifeltes inne, das ist, was ich sehe, in diesen müden, roten Gesichtern. Oft ist es alles aber auch nur vollkommen bedeutungslos und ich denke, zwinge mich dazu: Sie sind anders als du, aber auch sie dürfen glücklich sein. Und dann wünsche ich ihnen das, dass sie glücklich sind oder es bald werden. Mit ihren roten Gesichtern und den Pappkartons voller kleiner Feiglinge.
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