Unternehmen und Artensterben: Denn sie wissen nicht so genau, was sie tun
Der neue Bericht des Weltbiodiversitätsrats schaut auf die Wirtschaft. Demnach ignorieren Unternehmen oft ihren Einfluss auf die biologische Vielfalt.
Die Unternehmen der Welt setzen die Axt an den Baum, auf dem sie sitzen. Stellen wir uns vor, es wäre ein Apfelbaum. Wie schnell die Unternehmen abstürzen, wie viele Äpfel sie verlieren und ob sie den Schatten des Baums im Sommer nicht noch brauchen könnten – das können Wissenschaftler berechnen, aber nicht verständlich machen. Das ist in etwa die Aussage des Berichts zur „Bewertung von Unternehmen und Biodiversität“, die der Weltbiodiversitätsrat (IPBES – sprich: Ipes) am Montag veröffentlicht hat.
Drei Jahre lang haben 79 Experten aus 35 Ländern und allen Regionen der Welt, darunter Wissenschaftler und Vertreter der Privatwirtschaft, in Absprache mit indigenen Völkern und lokalen Gemeinschaften an dem Bericht gearbeitet. Vergangene Woche diskutierten sie auf einer Konferenz in Manchester mit Delegierten aus 150 Mitgliedsstaaten des IPBES. Der Rat fungiert als Bindeglied zwischen Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Politik – ähnlich wie der Weltklimarat (IPCC) für das Klima.
Wichtigste Erkenntnis der Debatte: Unternehmen fehlt es oft an Daten und Wissen, um zu verstehen, wie ihr Handeln die biologische Vielfalt beeinflusst – und wie sehr sie selbst davon abhängen. Weniger als 1 Prozent der börsennotierten Firmen thematisieren in ihren Berichten die Auswirkungen auf die Biodiversität.
Eine kürzlich durchgeführte Umfrage unter Finanzinstituten, die 30 Prozent der weltweiten Marktkapitalisierung repräsentierten, erklärt, wieso das so sein könnte: Der Zugang zu zuverlässigem Wissen über Biodiversität und die Gründe und Zusammenhänge ihrer Krise seien zu schlecht. Deswegen würde sie von den Unternehmen nicht stärker kommuniziert – und naturbezogene Risiken nicht gemanagt.
7,3 Billionen gegen die Natur, 220 Milliarden für die Natur
Dabei gehöre „der Verlust der biologischen Vielfalt zu den größten Bedrohungen für die Wirtschaft“, sagt Stephen Polasky, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität von Minnesota und Co-Vorsitzender des Treffens. Selbst Unternehmen, die sich unabhängig von der biologischen Vielfalt wähnen, sind gefährdet. Denn sie brauchten gute Umweltbedingungen wie Hochwasserschutz oder Wasserversorgung und immaterielle Werte wie Raum für Erholung, um existieren zu können.
Laut Bericht flossen 2023 weltweit 7,3 Billionen US-Dollar aus öffentlichen und privaten Mitteln in Aktivitäten, die der Natur schaden. Dem standen nur 220 Milliarden US-Dollar für den Schutz und die Wiederherstellung der Biodiversität gegenüber.
Um das zu ändern, schlagen die Experten 100 Maßnahmen vor. Regierungen sollen Biodiversitätskriterien in die Raumplanung an Land und auf See einbinden, sie in Genehmigungsverfahren, öffentliche Beschaffung und Unternehmensführung integrieren. Zudem sollen sie mithilfe moderner Technologien verlässliche Daten zur Biodiversität erheben und bereitstellen. Finanzinstitute sollen durch Gesetze und freiwillige Initiativen naturbezogene Risiken berücksichtigen.
„Wichtig ist, dass der politische Fokus nicht nur auf Problemminderung im Hinblick auf bestehende Wirtschaftsansätze gerichtet wird“, kommentiert Sarah Jastram, Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Hamburg School of Business Administration. Ebenso wichtig sei es, regenerative Geschäftsmodelle zu fördern, um eine nachhaltige Transformation der Wirtschaft zu erreichen.
Wissenschaftliche Literatur nicht für Unternehmen verfasst
„Hierfür sind die entsprechenden Anreizsysteme und Förderung von Best-Practice-Ansätzen relevant“, sagt Jastram. „In diesem Kontext ist es wichtig und richtig, dass der Report förderliche Rahmenbedingungen betont. Aber dieses muss deutlich stärker auf innovative, regenerative und transformative Geschäftsmodelle ausgerichtet sein, als es in dem Report bisher dargestellt ist.“
„Daten und Wissen sind oft isoliert“, sagte Ximena Rueda, Co-Vorsitzende des Bewertungsgremiums und Wirtschaftswissenschaftlerin an der Universidad de los Andes im kolumbianischen Bogotá. „Wissenschaftliche Literatur ist nicht für Unternehmen geschrieben. Der Mangel an Übersetzung und Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse der Unternehmen hat die Aufnahme wissenschaftlicher Erkenntnisse verlangsamt“, sagt Rueda. Am besten versteht den Apfelbaum eben der, der ihn gepflanzt und gepflegt hat.
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