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Ungleiche BildungschancenLeider wieder nur schlechte Noten

Deutschland versagt weiter bei der Chancengleichheit, zeigt eine neue Studie. Jungs schaffen den sozialen Aufstieg besonders selten.

Wäre ein wirksames Rezept für mehr Chancengleichheit: eine sechsjährige Grundschule wie in Berlin und Brandenburg Foto: Martin Möller/Funke Foto Services/imago

Das deutsche Bildungssystem bleibt höchst ungerecht. Das zeigt der „Chancenmonitor“, den das Ifo Zentrum für Bildungsökonomik am Dienstag in Berlin vorgestellt hat. Demnach hängt der Bildungserfolg nach wie vor maßgeblich von Einkommen und Bildungsgrad der Eltern ab. So liegt die Wahrscheinlichkeit eines Gymnasialbesuches für Kinder, deren Eltern beide kein Abitur haben und die zur einkommensschwächsten Gruppe gehören, bei unter 20 Prozent – bei Kindern mit Akademikereltern, die besonders gut verdienen, sind es rund 80 Prozent.

Die Zahlen fallen damit sogar noch etwas schlechter aus als beim ersten „Chancenmonitor“ vor drei Jahren. Laut Studienleiter Ludger Wößmann ist der Einfluss des elterlichen Einkommens auf die Bildungschancen der Kinder sogar noch größer geworden: „Die Ungleichheit in Deutschland hat sich über diese drei Jahre hinweg weiter verfestigt.“ Um die Benachteiligung zu reduzieren, fordern Wößmann und sein Team unter anderem eine bessere personelle Ausstattung an Schulen im Brennpunkt, kostenfreie Nachhilfe- und Mentoring-Programme – sowie eine spätere Aufteilung in Gymnasien und andere Schulformen.

Wie viel ein längeres gemeinsames Lernen für den Abbau der Chancenungleichheit brächte, ist gut erforscht. Selbst eine zwei Jahre länger dauernde Grundschulzeit wie in Berlin und Brandenburg verbessert die Aufstiegschancen bereits merklich, zeigt eine frühere Ifo-Studie. Bund und Länder setzen hingegen auf andere Instrumente, allen voran mehr Ressourcen für Schulen im sozialen Brennpunkt (unter anderem über das von der Ampel aufgelegte „Startchancenprogramm“), mehr Stunden für Mathematik und Deutsch an Grundschulen sowie verpflichtende Sprachtests im Kitaalter mit anschließender Förderung.

Prien appelliert an Länder

Aus Sicht von Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) ist das aber noch nicht genug: „Wir müssen das Aufstiegsversprechen dringend wieder einlösen“, sagte Prien am Dienstag. Die Priorität müsse jetzt auf der frühen Bildung liegen. Prien forderte, dass in allen Stadtteilen ausreichend Kitaplätze zur Verfügung stehen müssten. Aktuell erhalten Kinder aus ärmeren Familien – trotz Betreuungswunsch – deutlich seltener einen Platz. Prien verwies bei der Umsetzung dieser und weiterer Maßnahmen auf die zuständigen Länder.

Anja Bensinger-Stolze, Vorstandsmitglied des Organisationsbereichs Schule der Bildungsgewerkschaft GEW, sieht auch den Bund in der Pflicht: „Es ist gut, dass der Bund viel Geld für benachteiligte Schü­le­r:in­nen zur Verfügung stellt“, sagte Bensinger-Stolze der taz. Gleichzeitig dürfe er nicht an anderer Stelle die Sozialprogramme zusammenkürzen: „Das geht schließlich zulasten der Familien, deren Kinder man eigentlich fördern möchte.“ Die Ergebnisse des „Chancenmonitors“ bestätigten, dass die frühe Aufteilung der Kinder in Gymnasien und andere Schulformen nicht mehr zeitgemäß ist: „Wir müssen diese Auslese so weit wie möglich nach hinten schieben.“

Wie die ifo-Studie zeigt, sind davon vor allem Jungs betroffen. Selbst bei gleichen Noten erhielten sie seltener eine Gymnasialempfehlung und schafften auch seltener einen Schulabschluss, so Bildungsforscher Wößmann. Insgesamt liegen die Chancen für einen Gymnasialbesuch mit 37 Prozent für Jungs auch deutlich niedriger als für Mädchen (43 Prozent). Die ifo-Forscher:innen empfehlen, stärkere Leseanreize zu setzen, etwa mit Büchern, die sich speziell an Interessen von Jungs richten – und mehr männliche Erzieher und Grundschullehrer einzustellen. Aktuell liegen deren Quoten bei 6 respektive 13 Prozent.

Ministerin Prien sieht das schlechte Abschneiden der Jungs im Zusammenhang mit anderen bedenklichen Entwicklungen – etwa der digitalen Gewalt gegen Frauen. „Wir haben die Jungs aus dem Blick verloren.“ Ihr Ministerium werde demnächst eine Strategie vorlegen, um das zu ändern.

Ein weiteres Ergebnis des „Chancenmonitors“: Auch der Migrationshintergrund und ein alleinerziehender Elternteil mindern die Bildungschancen von Kindern. Im Vergleich zu Bildungsstand und Einkommen der Eltern spielen sie aber eine deutlich untergeordnete Rolle. Für die Studie hat das ifo-Zentrum die Daten des Mikrozensus 2022 ausgewertet.

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