Umwelthilfe über Biogasheizungen: „Für die Atmosphäre nichts gewonnen“
Biogas sei oft klimaschädlicher als fossiles, sagt Umweltschützer Müller-Kraenner. Es verbrauche Flächen, auf denen Lebensmittel wachsen sollten.
taz: Herr Müller-Kraenner, Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) will mit dem neuen Heizungsgesetz unter anderem Biogas fördern, weil das klimafreundlicher als fossile Brennstoffe sei. Gute Idee?
Sascha Müller-Kraenner: Was Frau Reiche hier anstrebt, ist aus mehreren Gründen eine Mogelpackung. Es soll nur eine teilweise Beimischung von nichtfossilem Gas und Öl in die Brennstoffe geben, begonnen 2029 mit 10 Prozent, und dann soll der Anteil gesteigert werden in Schritten, die noch nicht festgelegt sind. Der Rest ist dann weiterhin fossiles Gas. Beigemischt werden sollen übrigens nicht nur Biogas, sondern auch andere synthetische Gase, zum Beispiel „blauer“ Wasserstoff aus Erdgas. Damit ist wenig gewonnen in der Klimabilanz.
taz: Wie ist die Klimabilanz von Biogas?
Müller-Kraenner: Nehmen wir mal an, dieses Biogas wird in Deutschland erzeugt. Dann stammt es überwiegend aus Anbaubiomasse, vor allem aus Mais. Gerade im Maisanbau hat man einen hohen Input an Düngemitteln, Pestiziden, maschineller Bodenbearbeitung. All das ist auch CO₂-intensiv, und da ist die Klimabilanz nicht mehr so positiv.
taz: Was heißt das genau?
Müller-Kraenner: Es gibt verschiedene Berechnungen. Das Umweltbundesamt zum Beispiel sagt: Der Input an Energie über Düngemittel, Pflanzenschutzmittel und die maschinelle Bearbeitung macht oft den CO₂-Gewinn durch das Biogas wett. Der Anbau von Mais und anderen industriell hergestellten Arten von Anbaubiomasse verbraucht auch Fläche. Wenn man diese Fläche anders nutzen würde, zum Beispiel für Freiflächen-Solaranlagen oder Flächen, die extensiv bewirtschaftet werden und dadurch CO₂ binden, wäre der Klimaeffekt sehr viel positiver, als wenn man diese Fläche zur Biogas-Produktion benutzt.
taz: Aber zeigen nicht offizielle Angaben immer, dass Biogas CO₂ einsparen würde?
Müller-Kraenner: Diese Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen, weil die CO₂-Emissionen der Produktion von Anbaubiomasse in diese Statistiken nicht einfließen. Die werden unter den CO₂-Emissionen der Landwirtschaft bilanziert und nicht unter dem Ausstoß der Energiewirtschaft. Deshalb spart der Einsatz von Biogas im Vergleich zu fossilem Gas im Energiesektor Emissionen ein, aber insgesamt ist für die Atmosphäre nichts gewonnen, weil dieser Ausstoß dann teilweise in der Landwirtschaft wieder entsteht.
taz: Welche Rolle spielt, dass aus manchen deutschen Biogasanlagen Methan entweicht?
Müller-Kraenner: Wir haben derzeit ein dezentrales System von Biogasanlagen von landwirtschaftlichen Betrieben, die entweder über Tankwagen oder das Gasleitungssystem ans Netz angeschlossen werden. Überall kann es Leckagen geben. Dabei ist Methan ein hochpotentes Treibhausgas. Über einen Zeitraum von 20 Jahren hat es eine 80-mal so hohe Treibhauswirkung wie CO₂. Wir als Umwelthilfe haben an einer Vielzahl von Anlagen, Leitungen und Speichern gemessen und Leckagen festgestellt. Es finden leider in den meisten Bundesländern zu wenige Kontrollen statt.
taz: Welche Folgen hätte der Ausbau der Biogasproduktion für die Natur?
Müller-Kraenner: Es wird mehr Fläche gebraucht. Die landwirtschaftliche Fläche geht ja seit Jahren zurück, weil Fläche zum Beispiel für den Siedlungsbau und den Verkehr benötigt wird. Die Felder für die Biogasproduktion fehlen zwangsläufig für die Lebensmittelproduktion und die Extensivierung der Landwirtschaft, also etwa für Blühstreifen oder die Reduktion des umweltschädlichen Einsatzes von Pflanzenschutz- und Düngemitteln. Deswegen ist die Biogasproduktion nicht beliebig ausbaubar.
taz: Es scheint um so große Mengen zu gehen, dass man auch auf Importe zurückgreifen muss. Wie würde sich das auf die Klimabilanz auswirken?
Müller-Kraenner: Biogas wird in Deutschland zurzeit lokal produziert. Es ist aber auch vorgesehen, dass man Heizungsbrennstoffen biogene Öle beimischt. Ein Teil dieser Öle käme wahrscheinlich aus dem Import, zum Beispiel Zuckerrohr aus Brasilien. Das geht in Brasilien mit erheblichen klimaschädlichen Landnutzungsveränderungen einher.
taz: Ist Biogas billiger als Erdgas?
Müller-Kraenner: Nein, das stimmt so nicht. Bisher existiert die Bioenergieproduktion in Deutschland vor allem, weil es gesetzlich vorgeschriebene Quoten gibt und nicht deswegen, weil es sich am Markt durchsetzt. Sonst würde schon heute mit Biogas geheizt. Es ist ja nicht verboten.
taz: Was ist Ihr Fazit? Wie sollte man umgehen mit Biogas als Brennstoff für Heizungen?
Müller-Kraenner: Biogas ist eine Nischenanwendung, weil die Potenziale begrenzt sind. Deswegen ist es ein Fehler, Biogas als Lösung für die Dekarbonisierung des Gebäudebereiches zu nehmen. Hier kann die Lösung nur die Umstellung auf erneuerbare Energien sein, das sind vor allem die Wärmepumpe und erneuerbare Fernwärme.
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