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Umstrittene PhilosophinWer hat Angst vor Judith Butler?

Die „Zeitschrift für Ideengeschichte“ widmet ihre aktuelle Ausgabe der kontroversen Theoretiker*in. Im Roten Salon der Volksbühne wurde diskutiert.

Einige sehen sie als kontrovers an: Judith Butler Foto: Paco Freire/ZUMA Press/imago

Es müssen anstrengende Redaktionssitzungen gewesen sein, die die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift für Ideengeschichte (ZIG) hervorbrachten, gewidmet dem Versuch, die in diesem Jahr 70 Jahre alt gewordene Theo­re­ti­ke­r*in Judith Butler zu historisieren und als Phänomen zu untersuchen. Der Titel des zwanzigsten Hefts, „Butler Trouble“ kann also durchaus programmatisch gelesen werden. Nicht nur für den Inhalt, sondern auch für den Zank, den innerakademischen Klatsch und Tratsch, der sich um den Entstehungsprozess rankte.

Mehr als 35 Jahre nach dem Erscheinen ihres wahrscheinlich bekanntesten Werks „Gender Trouble“ („Das Unbehagen der Geschlechter“) ist die US-Amerikaner*in eine der gleichermaßen bekanntesten und umstrittensten Phi­lo­so­ph*in­nen der Gegenwart, wohl nicht nur wegen ihrer Theorien und Positionen zu Fragen der Gender-Studies, die sie maßgeblich mitbegründete und mit denen sie so eng verknüpft ist, dass der Name Butler teils Synonym verwendet wird. Sondern auch aufgrund ihrer Äußerungen zum israelischen Staat und ihre Nähe zur BDS-Kampagne, mit der sie, selbst Jüdin und Nachfahrin von Holocaust-Überlebenden, schon 2009, wenn auch nicht vorbehaltlos, sympathisierte.

Insbesondere ihre Äußerungen auf einer Pariser Veranstaltung im März 2024, wenige Wochen nach dem Redaktionsbeschluss der ZIG zum Themenschwerpunkt, in denen sie das Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 als „bewaffneten Widerstand“ bezeichnete, sorgten für heftige Kontroversen. Wie dem Vorwort der Ausgabe zu entnehmen ist, schwappten diese auch in die Redaktion der ZIG selbst – bestehend aus einem Zusammenschluss unter anderem des Deutschen Literaturarchivs Marbach, des Wissenschaftskollegs zu Berlin, der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und des Leibniz-Zentrums für Literatur- und Kulturforschung, kurz: Institutionen, die staatlich finanziert werden.

Trotz allem Unbehagen erschien das Heft nun doch, wenngleich man es dann doch nicht übers Herz brachte die erste ZIG, die sich monothematisch einer zumindest nicht-männlichen Theoretikerin widmete, auch mit ihrem Anlitz auf dem Cover zu versehen, wie sonst üblich. Müde gefeiert wurde der Launch der Ausgabe am Mittwoch im Roten Salon der Volksbühne. Auf dem Podium moderierte Eva Geulen im Impetus einer klugen Erziehungsberechtigten durch den Abend, der schon allein durch die Datumswahl – parallel zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse – nicht den Eindruck erweckte, es auf noch mehr Aufruhr abgesehen zu haben.

Nahost blieb weitgehend unerwähnt

Statt organisiertem Streit mäanderten die Po­di­ums­teil­neh­me­r:in­nen Petra Gehring, Eva von Redecker, Thomas Meinecke und Diedrich Diederichsen, nach ausführlicher Einführung durch Carlos Spoerhase, entlang der eigenen Butler-Prägungen ihrer Jugend durch die frühen Jahre der Philosophin, blickten auf Einflüsse in Popkultur und Alltagspolitiken.

Das Thema Nahost blieb weitgehend unerwähnt. Fürs Publikum geöffnet wurde der Abend nicht, und DJ Meinecke drehte beim anschließenden Auflegen Sleater Kinney gleich so laut auf, dass sich auch informelle Nebenunterhaltungen schnell auflösten. Alle hatten wohl schon genug Trouble ausgehalten, und so richtig traurig darüber, dass es nicht mehr gab, schien wirklich niemand zu sein.

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