Umgang mit Obdachlosen im Winter: Aus der Notunterkunft in den Frost
Hamburg zwingt Menschen auch bei Minusgraden und Schneefall die Notunterkünfte tagsüber zu verlassen. Hannover und Bremen gehen einen anderen Weg.
Wer in diesen Tagen auf die Wetter-App guckt, sieht, dass es noch tagelang mit dem Winter weitergeht und dass die Temperaturen im Minusbereich bleiben. Trotzdem müssen die Nutzer der rund 800 Plätze des Hamburger Winternotprogramms tagsüber wieder auf die Straße. Die Stadt agiert hier mit einer neuen Wetterampel. Erst bei länger anhaltendem Frost und Temperaturen „geringer als -5 C°“ wird den „Nutzerinnen und Nutzern der Standorte der Tagesaufenthalt ermöglicht und empfohlen“, heißt es auf der mit bunten Farben unterlegten Tabelle.
Das wären die Stufen Rot und Violett. Am Montag gilt Stufe Orange. Das heißt, die Menschen, die in einer beiden Winter-Unterkünfte in der Friesenstraße und der Chau-Lan-Straße in Hamburg Hammerbrook und Billbrook untergekommen sind, müssen nur von 11 Uhr bis 15 Uhr in die Kälte – statt wie sonst von 9.30 Uhr bis 17 Uhr.
Sie sollen, so die Idee, in der Zeit eine der Tagesausenthaltsstätten der Großstadt aufsuchen. „Das können sie nicht“, empört sich der ehrenamtliche Helfer des Hamburger Gesundheitsmobils, Ronald Kelm. „Es gibt zu wenig Kapazitäten und viele haben auch nicht geöffnet“, sagt er. So macht etwa das „Café mit Herz“ im früheren Hafenkrankenhaus erst ab 14 Uhr auf. „Ich sehe viele Obdachlose in der U-Bahn fahren, wo sie warten, bis das Winternotprogramm wieder aufmacht.“
Risiken des Winterwetters sind groß
Die reine Orientierung an Temperaturen übersehe zudem weitere Risiken des Winterwetters. „Es ist nicht nur kalt, sondern auch nass“, sagt die Intensivmedizinerin des Gesundheitsmobils, Lina Ko. „Gerade die nasse Kälte führt sogar tagsüber rasch zu Unterkühlungen.“
Der Sprecher der Hamburger Sozialbehörde, Wolfgang Arnhold, weist darauf hin, dass Obdachlose, die akut erkrankt sind, als Härtefälle gelten und den ganzen Tag im Winternotprogramm bleiben dürften. Für die übrigen stünden eben jene Tagesaufenthaltsstätten offen. „Mit denen ist komplementär auch die restliche Zeit des Tages abgedeckt“, sagt er. So werde etwa die Stätte an der Hamburger Spaldingstraße täglich von rund 400 Personen aufgesucht.
Das Thema ist seit Jahren ein Zankapfel. So hat die Stadt auch auf ihrer Homepage Antworten zur Frage, warum das Winternotprogramm tagsüber geschlossen ist, eingestellt. Dort heißt es unter anderem: „Bei einer ganztägigen Öffnung des Winternotprogramms wäre eine noch größere Sogwirkung nach Hamburg zu befürchten, da insbesondere auch andere Großstädte nur eine Aufenthaltsmöglichkeit als Erfrierungsschutz in der Nacht anbieten.“
Aus dem FAQ der Stadt Hamburg zum Winternotprogramm
Ist das so? Die taz hat sich umgehört. Die Stadt Kiel antwortet in der Tat, dass sie ein vom Roten Kreuz betreutes Erfrierungsschutzprogramm in Containern anbietet, das die Obdachlosen über Tag verlassen müssen. Es gebe aber nicht weit davon entfernt geöffnete Tagesaufenthalte. „Bislang gibt es keine Regelung für Tage mit sehr niedrigen Temperaturen“, sagt Sprecher Arne Gloy.
Die Stadt Hannover dagegen hat ihre vier Notschlafstellen an der Wörthstraße, der Langensalzastraße, der Podbielskistraße und dem Vinnhorster Weg seit Freitag dem 2. Januar, also seit dem Kälteeinbruch im Norden, durchgehend geöffnet. Die einzige Ausnahme davon sei die Notschlafstelle „Alter Flughafen“, sagt Sprecherin Christina Merzbach, weil sich dort direkt gegenüber eine Tagesaufenthaltsstätte befindet.
Bremen zeigt sich milder als Hamburg
Und auch Bremen zeigt sich milder. Dort gibt es neben den rund 600 Personen, die in Notunterkünften und schlichten Hotels und Pensionen untergebracht sind, weitere hundert Plätze, um Menschen, die nicht im Sozialleistungsbezug sind, in der kalten Jahreszeit vor Gefahren zu schützen. „Die Unterkünfte sind tags und nachts geöffnet“, sagt die Sprecherin des dortigen Sozialressorts, Nina Willborn.
Der Erfrierungsschutz nach Wettertabelle scheint also schon eine Hamburger Besonderheit zu sein. „Ich finde das Argument mit der Sogwirkung einigermaßen absurd“, sagt denn auch die Hamburger Linken-Politikerin Olga Fritzsche. „Als ob sich ein Obdachloser aus Bayern kurzfristig überlegt: ‚Oh, in Hamburg ist das Winternotprogramm tagsüber auf, da zieh‘ ich mal eben um.“
Klaus Wicher, Hamburgs Landesvorsitzender des Sozialverbands SovD
Sie sehe wenig Sinn in dem täglichen Ein- und Auszug für die Betroffenen, sagt Fritzsche. „Ich verstehe nicht, warum Hamburg die Menschen des Winternotprogramms partout in Bewegung halten will. Wissen wir doch, dass der Mangel an Sich-Ausruhen-Können der größte Stressfaktor an der Obdachlosigkeit ist.“ Nötig wären bedarfsgerechte Angebote.
„Eine Sogwirkung sehe ich nicht. Wie sollen denn die Obdachlosen bei Schnee und Eis hierherkommen?“, sagt auch Klaus Wicher, der Hamburger Landesvorsitzende des Sozialverbands SovD. Er sagt, das Winternotprogramm müsste den ganzen Tag geöffnet sein. „Die Stadt müsste die Menschen dort mit Essen und Trinken versorgen und ihnen Sozialarbeit anbieten und die Möglichkeit geben, zur Ruhe zu kommen“. So ein tägliches Hin- und Her zerreiße die Menschen. „Es kommt kein Heimatgefühl auf. Das ist eine schreckliche Situation.“
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