Ukrainischer Olympia-Auftritt: Und dann wieder in den Krieg zurück
Die Freeski-Artistin Kateryna Kotsar ist über ihre Finalteilnahme in Livigno überglücklich, auch weil sie so an die Lage in der Ukraine erinnern kann.
Eine glücklichere Zehntplatzierte hat man bei diesen Olympischen Winterspielen vielleicht noch nicht gesehen. Viel war zwar nicht zu sehen vom Gesicht der ukrainischen Freeski-Artistin Kateryna Kotsar, die wie alle an diesem schneestürmischen Abend in Livigno fast vollständig von dicken Textilien umhüllt war. Was aber zu sehen war, strahlte. „Einfach nur danke, danke, danke, dass ich das erleben durfte“, sagte die 25-Jährige aus Kyjiw nach dem Rennen und wollte gar nicht mehr aufhören, von ihrem Glück zu berichten.
Dass alle anderen Teilnehmerinnen dieses Finals von der Big-Air-Schanze besser waren als sie, spielte keine Rolle. Auch dass das Interesse der meisten im Publikum Eileen Gu galt, der Chinesin aus Kalifornien, die so etwas wie die erfolgreichste Influencerin des Trickskifahrens ist und hinter der Kanadierin Megan Oldham zweite wurde, war ihr egal. „Ich bin einfach nur glücklich. Das sind meine ersten Olympischen Spiele, ich habe das Finale erreicht und im Publikum waren ukrainische Fahnen zu sehen. Das ist das Beste, was ich erreichen konnte.“
Das Besondere an diesem Tag war für Kotsar, dass so viele Fans in Blau-Gelb erschienen waren, die sie nicht kannte. Sonst sei das anders. Aber es waren auch Freunde da. Ihr Freund sowieso. Der hatte ihr nach dem Qualifikationswettkampf einen Heiratsantrag gemacht. Und Familie. Eine ukrainische Fahne war an der Absperrung im Ehrengastbereich am Ende des Auslaufs unter der riesigen Schanze angebracht. Ihre Eltern hatten sie dort befestigt. Sie hatten es sich nicht nehmen lassen, zum Wettkampf ihrer Tochter nach Italien zu reisen. 40 Kilometer von Livigno entfernt sind sie untergekommen.
Ein paar Tage heile Welt
Jetzt können sie ein paar Tage heile Welt genießen, bevor sie wieder mit ihrem Auto zurückfahren nach Kyjiw in ihre ausgekühlte Wohnung, in der es nur stundenweise Strom gibt. Natürlich sind sie stolz auf ihre Tochter, obwohl sie es schon ein wenig komisch finden, was sie da macht, diese Salti und Schrauben von der mehr als 50 Meter hohen Schanze.
„Das hat sich so ergeben“, erklärt Kotsar. Eigentlich konnte sie schon Skifahren. Aber um vielleicht einmal in den Skiurlaub fahren zu können, ohne sich um die Kleine Sorgen machen zu müssen, haben die Eltern sie in eine Skischule geschickt. Unweit von Kyjiw gebe es zwei Hänge, an denen man Skifahren können, erzählt Kotsar. „Dass es ein Freestyle-Klub war, war ihnen gar nicht klar, als sie mich angemeldet haben.“
Die Worte sprudeln nur so aus ihr heraus. Dass sie auch in diesem Moment an ihre Freunde in der Ukraine denkt, will sie noch unbedingt loswerden. Sie weiß, dass die ihren Wettkampf vielleicht nur auf ihren geladenen Smartphones in der dunklen Wohnung haben anschauen können. „Das motiviert mich ungemein“, sagte sie und wählte ganz große Worte: „Die ukrainische Sprache ist unglaublich reichhaltig, tiefgründig und sowieso die coolste Sprache der Welt, aber sie hat noch keine Worte gefunden, um meine Dankbarkeit gegenüber denen auszudrücken, die heute dieses Finale gesehen haben.“
In ein paar Tagen wird es auch wieder zu ihrem Alltag gehören, einen Umgang zu finden mit den täglichen Stromausfällen und -abschaltungen. Ein bisschen bleibt sie noch in Livigno, dann fährt sie über Polen zurück. Mit dem eigenen Auto. So sei sie auch aus Kyjiw gekommen. Drei Tage war sie unterwegs, über 2.200 Kilometer, bis sie in der Olympiawelt angekommen ist.
Ihre Konkurrentinnen kennen ihre Geschichte. Die Freestylerinnen seien eine eingeschworene Gruppe, sagt sie: „Als Girlband wären wir unschlagbar.“ Sie glaubt schon, dass sie alle hinter ihr, hinter der Ukraine stehen, so wie sich alle in der Szene gegenseitig unterstützen würden. Aber oft würde sie mit ihren Freestylekolleginnen nicht mehr über die Lage in ihrer Heimat sprechen. „Der Krieg dauert schon so lange, viele haben ihn verdrängt.“ Deshalb will sie dem deutschen Publikum unbedingt noch eine Botschaft mitgeben: „Vergesst uns nicht!“
Sie kann den Krieg sowieso nicht vergessen. Für sie gehört er bald wieder zum Alltag. Aber auch hier in Livigno ist sie in ständigem Kontakt mit ihren Freunden in Kyjiw. Den ukrainischen Journalisten, von denen einer eine riesige Fahne seines Heimatlandes in den Medienbereich mitgebracht hat, erklärt sie in aller Ausführlichkeit noch einmal ihre Dankbarkeit auch den ukrainischen Truppen gegenüber. „Ich bin hier auch als Botschafterin für die Streitkräfte. Ohne die würde ich hier nicht stehen, ohne die würde die ukrainische Fahne hier nicht wehen.“
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