Überleben in Feuerland

Lachs vertreibt Königskrabbe

Der Beagle-Kanal ernährt argentinische und chilenische Krabbenfischer. Doch nun bedrohen Lachsfarmen ihre Ernährungsgrundlage.

Krabbenfischerin Diana Méndez präsentiert zwei Krabben auf ihrem Boot.

Fette Beute: Krabbenfischerin Diana Méndez auf dem Beagle-Kanal Foto: Jürgen Vogt

PUERTO ALMANZA taz | Die Fahrt geht über den Beagle-Kanal. Schneebedeckte Berge bilden das Panorama entlang der Küsten. Eisig bläst der Wind ins Gesicht. Nach jeder Welle klatscht das Boot auf das Wasser. Kalte Gischt spritzt hoch. Diana Méndez steuert mit dem Außenborder, Sergio Carrera hält Ausschau. Die beiden sind Krabbenfischer und unterwegs zu ihren Reusen.

„Heute überprüfen wir die Viveros“, sagt Méndez und meint die geschlossenen Reusen, in denen die Königskrabben bereits gefangen sind, aber in ihrer natürlichen Umgebung heranwachsen und sich im nährstoffreichen Kanalwasser selbst ernähren.

Königskrabben sind die große Delikatesse auf den lokalen Speisekarten. Weltweit kommen Tourist*innen ans südliche Ende der Welt nach Feuerland, jene Inselgruppe an der Südspitze Südamerikas, die halb zu Argentinien, halb zu Chile gehört und die auf viele Reisende magisch wirkt. Beagle-Kanal klingt da eher nach künstlichem Verwaltungssprech.

Doch die 240 Kilometer lange Wasserstraße verbindet Atlantik und Pazifik auf natürliche Weise. „Beagle“ hieß das britische Schiff, das sie im 19. Jahrhundert erstmals passierte; heute bildet die Straße die südlichste Grenze zwischen Argentinien und Chile. Noch ist der Kanal eines der unberührtesten Gewässer der Welt. Doch das könnte sich ändern, wenn wie geplant Lachszuchtfarmen in den klaren und kalten Gefilden entstehen.

Größe eines Fußballfeldes

„Jedes einzelne Becken von so einer Lachsfarm ist so groß wie ein Fußballfeld“, sagt Sergio Carrera. Kaum vorstellbar, was sich da an Fäkalien, toten Fischen und Müll auf dem Grund darunter ansammeln würde. Für ihn ist klar: Jede einzelne Lachsfarm würde der Wasserqualität im Beagle-Kanal schaden. Carrera deutet jetzt auf eine Boje, Diana Méndez verlangsamt die Fahrt. Mit einem Hakenspieß zieht Carrera die Boje ans Boot und holt das daran befestigte Seil ein.

Am Beagle-Kanal am südlichen Ende der Welt liegt im Winter viel Schnee.

Verbindet Atlantik und Pazifik und trennt Argentinien von Chile Foto: Jürgen Vogt

Die Reusen liegen in zehn Meter Tiefe auf dem Grund. Die erste taucht auf, Carrera holt zwei Königskrabben heraus. Wie übergroße Spinnen hängen sie an seinen Armen herab. Ein Männchen mit dem dreieckigen Bauch, ein Weibchen mit einem runden. „Im Wasser sind sie extrem agil und schnell unterwegs.“ Außerhalb ihres Elements stellen sie sich tot.

Im März 2018 unterzeichneten Argentiniens Zentralregierung, Feuerlands Provinzregierung sowie die norwegische Entwicklungsagentur Innovation Norway ein Rahmenabkommen zur Evaluierung von Lachszuchtfarmen im Beagle-Kanal. Für Glanz und Gloria sorgte dabei das eigens nach Feuerland eingeflogene norwegische Königspaar. Ein Jahr später waren die sogenannten puntos de sacrificio ermittelt: neun „geopferte“ Stellen entlang der argentinischen Kanalküste, an denen Lachszuchtfarmen entstehen könnten. Seither wird an Machbarkeitsstudien gearbeitet.

„Vorsicht vor den Zangen“, warnt Méndez. Königskrabben sind Langusten mit drei Beinpaaren und zwei Zangen. Ihre Panzer sind rötlich gefärbt und mit spitzen Dornen übersät. Ausgewachsen erreichen ihre Beine eine Breite bis zu zwei Meter. Bis zu fünfzehn Jahre alt und drei Kilogramm schwer können sie werden. Im ersten Jahr sind sie jedoch nicht größer als eine Euromünze. Immer im Sommer wechseln sie den Panzer. Sie zwängen sich aus dem alten heraus und wachsen. Zwei Wochen dauert es, bis der neue Panzer sich verfestigt hat. In dieser Zeit liegen ihre natürlichen Feinde auf der Lauer: Kraken, Seesterne und Meeresschnecken.

Mindestalter vor Verzehr: acht Jahre

Königskrabben wandern auf dem Grund des Kanals. Dort, in 100 Meter Tiefe, liegen die Fangreusen. Linie nennen die Krabbenfischer das Seil, an dem bis zu sechs Reusen angehängt sind. Fischstückchen dienen als Köder. Die Krabben klettern in die Reuse, kommen aber nicht mehr her­aus. „Wenn wir keine Fischköder haben, kaufen wir in der Fleischerei Knochen. Wenn an denen noch Fleisch dran ist, gibt es für die Krabben kein Halten“, sagt Carrera. Bis zu sechs Krabben gehen schon mal in die Falle.

Alle fünf Tage werden die Linien überprüft, die Reusen hochgezogen und der Fang wird eingeholt. Krabben, die knapp unter dem Mindestmaß sind, kommen ins Vivero. Mindestens acht Jahre müssen sie alt sein, bevor sie verzehrt werden dürfen. Mit dem Panzerumfang wird das Alter bestimmt. Carrera nimmt ein hölzernes Messbrettchen, das das Mindestmaß vorgibt. „Aber mit der Erfahrung hast du das intus“, sagt er. Für heute haben sie genug. Méndez wirft den Außenborder an und dreht das Boot Richtung Puerto Almanza.

Puerto Almanza liegt an der Nordküste des Beagle-Kanals, knapp 40 Kilometer Luftlinie vom 60.000 Einwohner*innen zählenden Ushuaia – eine der größten Städte auf Feuerland – entfernt. Im Winter zeigt das Thermometer im Durchschnitt 15 Grad minus an. Im Sommer klettert die Temperatur selten über 15 Grad. Mit dem Fahrzeug ist der Ort nur über die 75 Kilometer Anfahrt zu erreichen. Bequem geht die Fahrt zunächst über die asphaltierte Nationalstraße 3, die 3.079 Kilometer weiter nördlich vor dem Kongressgebäude in Buenos Aires endet. Doch nach wenigen Kilometern zweigt die Schotter- und Erdpiste ab, die entlang des Río Almanza durch den verschneiten Wald nach Puerto Almanza führt, und der Schnee in dem langen Winter wochenlang blockiert.

Die Krabbenfischer wohnen in einem einfachen Häuschen.

Home Sweet Home: Hier wohnen Sergio Carrera und Diana Méndez mit Sohn Lucas Foto: Jürgen Vogt

In den Wintermonaten brüten die Weibchen an ihrem Unterleib die rosinengroßen Eier aus. Mit ihren beiden kleinen versteckten Hinterbeinen bewegen sie die Eier und fächeln ihnen ständig sauerstoffreiches Wasser zu. „Deshalb ist die Wasserqualität das A und O für die Fortpflanzung der Königskrabbe“, sagt Méndez. „Lachszuchtfarmen stoppen die Sauerstoffanreicherung des Wassers“, sagt sie.

Kanonen nach Chile, Krabben nach USA

Méndez und Carrera sind nicht die Einzigen, die die Gefahr sehen. Je konkreter die Pläne wurden, desto stärker wurde der Widerstand der Inselbevölkerung dagegen. Vergangenen März stimmte Ushuaias Stadtrat für das Verbot jeglicher Vorbereitung, Logistik sowie die Einrichtung von Verarbeitungsanlagen für Lachszuchtfarmen innerhalb des Stadtgebiets. Einen Monat später ruderte auch die Provinzregierung zurück und erklärte, dass das Thema Lachszucht „von der Tagesordnung gestrichen“ ist. Und seit Mai liegt dem Provinzparlament ein Gesetzentwurf vor, der Lachszuchtfarmen in der gesamten Provinz verbietet.

Im kleinen Hafen von Puerto Almanza liegen die gelben Fischkutter. Holzhäuser reihen sich den schmalen Küstenstreifen entlang. 30 Familien leben hier. Schilder werben für Krabben- und Fischverkauf und laden zum Essen ein. „Wer nach Puerto Almanza kommt, kommt auch zum Essen“, sagte Méndez. Um den Tourismus zu fördern, haben sie vor einigen Jahren die „Straße der Königskrabben“ ins Leben gerufen.

Angeboten werden Tagestouren von Ushuaia nach Puerto Almanza inklusive einer Bootsfahrt zu den Reusen und anschließendem Krabbenessen. „Wir können nicht einfach nur verhindern, dass Lachsfarmen kommen. Wir müssen auch Alternativen entwickeln“, sagt Méndez, die zur Umweltaktivistin und Sprecherin der 30 Familien in Puerto Almanza wurde.

In Puerto Almanza stehen noch die Kanonen. Die Mündungen sind auf das gegenüberliegende Puerto Williams gerichtet. Sie stammen aus den 1980er Jahren, als Argentinien und Chile wegen des Streits um den südlichen Grenzverlauf beinahe Krieg geführt hätten. Der damalige Papst konnte vermitteln. Und wie zuvor verläuft die Grenze in der Mitte des Kanals. Doch die Krabben kennen keine Grenze und sind ständig in Bewegung. „Und die Chilenen auch“, sagt Méndez und zeigt ein Lächeln.

100 oder 1.000 Reusen pro Fischer

In Chile sind gesetzlich bis zu 1.000 Reusen pro Fischer erlaubt. Im Nachbarland fangen sie rund 120 Tonnen Krabben pro Saison. Der größte Teil wird vor allem in die USA exportiert. „Obwohl sie sich als Kleinfischer ausgeben, fischen sie in Wahrheit für großen Fischereien“, sagt Méndez. Immer wieder kommt es zum Streit, weil es die Nachbarn mit den Hoheitsgrenzen nicht so genau nehmen.

„Wir schonen die Ressourcen für die Chilenen. Im Vergleich zu ihnen holen wir tatsächlich wenig aus den Kanal“, meint Carrera. Argentinien erlaubt pro Krabbenfischer das Auslegen von 100 Fangreusen. Zu den sechs Kleinfischern in Puerto Almanza kommen noch drei in Ushuaia.

Und auch in Puerto Williams treibt die Sorge vor den Folgen der Lachsfarmen die Menschen um. Erst vor wenigen Wochen war dort die Nova Austral von den chilenischen Behörden gezwungen worden, ihre bereits installierten Käfigbecken zu entfernen. Das norwegische Unternehmen hatte einen Rechtsstreit verloren, den die Einwohner*innen von Puerto Williams gegen den einflussreichen Konzern geführt hatten. Bereits 2005 waren der Nova Austral vier Konzessionen für die Einrichtung von insgesamt 134 Käfigbecken erteilt worden.

Ohne den Widerstand der Bevölkerung würden sich heute in den 134 Becken knapp 27 Millionen Lachse tummeln. Doch mit dem Erfolg in Puerto Williams wächst die Befürchtung, die norwegischen Firmen könnten nun noch stärker auf die Nordseite des Beagle drängen. Für das Leben der Krabbenfischer wäre es eine Katastrophe, wenn auf einmal eine riesige Zahl dieser Raubfische ausbrechen würde. „Die fressen alles weg, was ihnen vors Maul kommt“, sagt Carrera. Zuchtlachse sind im Kanal weder eine einheimische Art noch haben sie natürliche Feinde.

Von Buenos Aires nach Feuerland

Diana Méndez hat das Boot in den „Piratenhafen“ gesteuert, Sergio Carrera macht das Tau an der Mole fest. Aus Feuerland stammen die beiden 47-Jährigen nicht. Méndez kam aus den Nordprovinz Corrientes, Carrera aus der Hauptstadt Buenos Aires. Kennengelernt haben sie sich 1998 in Feuerlands Provinzhauptstadt Ushuaia. Sie arbeitete in einem Restaurant. Er reparierte Schiffe im Hafen. Später kam Söhnchen Lucas zur Welt. Als in Puerto Almanza eine Schule eingerichtet wurde, fällten sie die Entscheidung für den Umzug.

Sie bekamen eine Uferparzelle, errichteten eine winterfeste Hütte, kauften ein Boot, absolvierten die Fahr- und Fischerprüfungen und holten die Genehmigungen für den Fisch- und Krabbenfang ein. Puerto Pirata, Piratenhafen, haben sie ihr kleines Anwesen am Küstenstreifen getauft. Als sie zum ersten Mal ankamen, dachten sie an die Urbevölkerung und fühlten sich als Eindringlinge. „Wie Piraten, die an einer unbekannten Küste an Land gehen“, sagt Carrera.

Neben den Krabben schleppt er noch zwei Eimer Kanalwasser die Böschung hoch. „Alles fürs Kochen“, sagt er und geht ins Haus. In der großen Stube bullert es in einem zum Ofen umgebauten Fass. Die niedrige Decke drückt die heimelige Wärme nach unten. Auf der Ofenplatte kocht Teewasser. Carrera gießt auf.

Vor fünf Jahren hat er den Messtechnikern einer chilenischen Firma bei der Suche nach geeigneten Orten für die Einrichtung von Lachszuchtfarmen im Kanal geholfen. „Im Ort wohnen nicht viele erfahrenen Leute, und genau danach suchten die Chilenen“, erzählt er. „Wir waren damals nicht dagegen. Wir wussten einfach nicht, was da kommen sollte“, fügt Méndez hinzu. Die Messarbeiten waren für sie die beste Gelegenheit, sich zu informieren. Also fuhren sie mit den Chilenen hinaus. Legten Messgeräte statt Reusen auf dem Kanalgrund aus. Ermittelten Strömungsverhältnisse, Wellengang und Windstärken.

Kritik an Lachsfarmen unerwünscht

Am letzten Tag, als die Messgeräte von Kanalgrund eingeholt und die Aufzeichnungen ausgewertet waren, kamen die Verantwortlichen der Provinz- und der Zentralregierung. „Hier an diesem Tisch haben alle gesessen.“ Carrera zeigt auf den großen Holztisch. „Der Chef der chilenischen Messfirma hatte sogar versucht, den staatlichen Vertretern davon abzuraten, den Norwegern die Zuchterlaubnis auszustellen, schildert Carrera. Man habe ihn nicht nach seiner Meinung gefragt, sondern nur nach der Studie, sei er zurechtgewiesen worden.

Die Staatsvertreter wollten keine kritischen Einwände, die wollten schon damals die Zuchtfarmen. „Wir sind gar nicht an sich gegen Lachszuchtbetriebe, aber diese Mega­anlagen müssen gesetzlich verboten werden“, sagt Méndez. „Und wenn der Druck der Bevölkerung nachlässt, gewinnt die Zuchtlachslobby wieder die Oberhand.“ Die Mobilisierung für ein nationales Verbot für große Fischfarmen und der entsprechenden Änderung des nationalen Aquakulturgesetzes gehen denn auch unbeirrt weiter.

Lucas, heute 20 Jahre alt, hantiert in der kleinen Küche nebenan. Auf dem Herd steht ein großer Topf. Wasser brodelt, Dampf macht sich breit und schlägt sich an der Scheibe des kleinen Fensters nieder. Jetzt hebt er den Deckel an und taucht eine Königskrabbe ins kochende Wasser. „Vier Minuten kochen lassen, dann raus und zwei Minuten dort ins kalte Wasser.“

Er zeigt auf einen der Eimer mit dem Kanalwasser, den sein Vater hingestellt hat. „Das Geheimnis ist das Kochen mit dem klaren Wasser aus dem Beagle“, sagt er und zeigt auf die Krabbe im brodelnden Kanalwasser. „Da geht kein bisschen vom Geschmack verloren“, lacht er und rollt Daumen und Zeigefinger zum Exquisit-Zeichen.

Schritt eins: Beine abreißen

Den Restaurants in Ushuaia werden die Krabben tiefgefroren angeliefert. Im Ort steht eine kleine Anlage zum Schockfrieren von Krabben, Fischen und Meerestieren. Nur wenige Königskrabben kommen lebend in die Aquarien der Restaurants, aus denen sich die Gäste ihre Krabbe auswählen können. „Erstens dienen die der Dekoration, und zweitens leiden die Krabben unter Stress“ sagt Lucas. „Krabbenfleisch ist sehr empfindlich, Feinschmecker erkennen das sofort am Geschmack.“ Dass Ushuaias bekannteste Küchenchefs Zuchtlachs als eine öffentliche Protestaktion gegen die Farmen von ihren Speisekarten gestrichen haben, erzählt er mit Stolz.

Jetzt richtet er die Königskrabbe auf einer großen Platte an und stellt sie in die Mitte des großen Holztischs. „Und so wird sie gegessen“, sagt er, reißt eines der Beine ab und bricht es am Gelenk entzwei. „Am größeren Ende muss man noch ein Stück aufbrechen.“ In der Hand hat er einen Teelöffel. Er dreht ihn um, bricht mit dem Stiel­ende den Beinpanzer auf und zieht das weißrötlich schimmernde Fleisch heraus.

Carrera ist zum Rauchen in den Garten. „Im Sommer watscheln hier die Pinguine durch“, sagt er. Und wenn draußen im Kanal die Wale vorbeiziehen, geht ihm das Herz auf. Bisher konnten sie die Lachszuchtfarmen verhindern. Doch spätestens in zwei Jahren wird sich dennoch einiges verändern. Die Bauarbeiten für eine asphaltierte Küstenstraße zwischen Ushuaia und Puerto Almanza sind in vollem Gang, erzählt Carrera. Die Fahrzeit wird sich erheblich verringern und Puerto Almanza ganzjährig zugänglich sein. Doch bleibt auch das Wasser im Kanal unberührt?

Sergio Carrera zeigt auf einen niedrigen Baum. 200 Jahre sei der alt. Ökologische Schäden entstünden schnell, aber hier in der Kälte dauert es sehr lange, bis sie überwunden sind. „Über Wasser und unter Wasser.“

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben