piwik no script img

Über Klimakrise als nationales Interesse„Heimat wird völkisch aufgeladen“

Klimaschutz nutzen Rechte zur Abschottung gegenüber Migration. Jonas Voß vom Nabu über geschlossene Weltbilder, aus denen es keinen Ausweg gibt.

Interview von

Rida Agha

taz: Herr Voß, die Begriffe Klimawandelleugnung und Klimanationalismus wirken zunächst widersprüchlich. Was haben beide Phänomene gemeinsam?

Jonas Voß: Klimawandelleugner erkennen die Ergebnisse der wissenschaftlichen Gemeinschaft nicht an. Sie berufen sich darauf, dass Temperatur sich schon immer gewandelt hat und der Mensch keinen Einfluss darauf hat. Klimanationalismus bezeichnet die Strategie, die Klimakrise durch die Brille nationaler Interessen zu betrachten und nationale Lösungen für ein globales Problem zu finden. Das typische Narrativ ist da: Klimaschutz nur für die eigene Bevölkerung zur Abschottung gegenüber Migration.

taz: Wie nutzen rechte Akteurinnen Naturschutz, um ihre Narrative zu stützen?

Voß: Begriffe wie Heimat, Natur oder Schutz sind unproblematisch und gehören zum demokratischen Naturschutz. Problematisch wird es, wenn Heimat völkisch aufgeladen wird und die Vorstellung entsteht, Natur gehöre einer bestimmten Volksgemeinschaft und müsse vor vermeintlich Fremdem geschützt werden. Das zeigt sich in der Debatte über invasive Arten, wobei selbst das ein Framing ist. Das „invasiv“ schiebt der Art die Schuld zu. Dabei ist es auch das Handeln von uns Menschen, was gebietsfremde Tiere und Pflanzen auf der Welt verteilt. Gleichzeitig ist es eine gängige Praxis in rechtsextremer Denke, ökologische Begriffe 1:1 auf den Menschen zu übertragen. Das wirkt plausibel, aber negiert, dass wir Menschen einen freien Willen haben.

Im Interview: Jonas Voß

32, arbeitet hauptberuflich beim Nabu Hamburg und engagiert sich zusätzlich als Trainer bei der Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz, kurz FARN.

taz: Können Sie an einem Beispiel zeigen, wie aus einem ökologischen Begriff ein rechtes Narrativ wird?

Voß: Eine klassische Debatte, die rechtsextreme Akteure besetzen, ist das Thema Windkraft. Dadurch, dass der Klimawandel geleugnet wird, fehlt die Rechtfertigung für energetische Transformation. Deswegen wird das Thema Windkraft gerne einem Naturschutzthema gegenübergestellt. Bei Windkraftanlagen ist es das Thema Vogelschutz, weil es ein tatsächliches Phänomen ist, dass Vögel durch Windkraftanlagen ums Leben kommen. Da gibt es aber technische Lösungen für. Es ist nicht so, dass das ein ungelöstes Problem ist. Aber es eignet sich sehr gut, um Stimmung zu machen und Ängste zu schüren.

Problematisch wird es, wenn Heimat völkisch aufgeladen wird und die Vorstellung entsteht, Natur gehöre einer bestimmten Volksgemeinschaft und müsse vor vermeintlich Fremdem geschützt werden

taz: Wie kann man die Leute auf diesen Widerspruch aufmerksam machen?

Voß: Es kommt auf die Schwere der Glaubenssätze an. Es gibt auch eine abgestufte Variante von Klimawandelleugnern, sogenannte Klimaskeptiker. Aber wenn man glaubt, dass der Klimawandel nicht stattfindet und damit Wissenschaft diskreditiert, ist man nicht empfänglich für eine logische Erklärung. Je nach Schweregrad der eigenen Glaubenssätze kann man da nicht viel machen. Das Weltbild ist so geschlossen, dass es da keinen Ausweg gibt.

Workshop

„Grün gestrichen, braun gedacht – Zwischen Klimawandelleugnung und Klimanationalismus“, Workshop über rechte Ideologien im Klima- und Naturschutz, 3.9., 18 bis 21 Uhr, Nabu-Landesgeschäftsstelle, Klaus-Groth-Str. 21, Hamburg, Teilnahme kostenlos, Anmeldung ist erforderlich und zwar über die Website der Naturschutzjugend Hamburg

taz: Was braucht es, um solche Vereinnahmungsversuche von rechts frühzeitig zu erkennen?

Voß: Zum einen ein Bewusstsein dafür, dass rechtsextreme Akteure im Naturschutz aktiv sind. Es ist eine explizite Strategie von Rechtsextremen, sich an Naturschutzthemen dranzuhängen. Diese sind emotional aufgeladen, weil sie ökologisch und gesellschaftlich relevant sind. Als Zweites muss man in die Analyse gehen: Wird zwischen uns und „Fremden“ unterschieden? Tauchen Begriffe auf, die man aus dem rechten Milieu kennt? Demokratischer Naturschutz bewahrt Natur um ihrer selbst willen und aus Verantwortung für zukünftige Generationen und zum Schutz der Biodiversität. Rechte Ideologien knüpfen Naturschutz immer an Bedingungen. Natur wird immer als Bestandteil von einer ethnischen oder nationalen Identität interpretiert und ist immer Mittel zum Zweck.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare