Tryp-Expo-Messe für Psychedelika: Die Dosis macht das Gift
Fliegenpilze, Froschgift und Breathwork: Auf Europas größter Messe für Psychedelika treffen alternative Therapieformen auf organisierten Rausch.
Ein junger Mann mit rotem Pilzhut steht inmitten einer zwergenhaften Landschaft, echtes Moos zu seinen Füßen, dahinter ein Regal aus Ästen mit Fliegenpilz-Produkten. Lächelnd bietet er von seinen giftigen Leckereien an.
Die Szene ist ein passender Auftakt zur Idee der Tryp Expo, der Messe für psychedelische Erfahrung und Bewusstseinserweiterung. Die Tryp, die am vergangenen Wochenende erstmalig in Berlin stattfand, versteht sich als offizielle Schnittstelle zwischen Medizin, Therapie, Gesundheit und Bewusstseinserweiterung. Ihre Zielgruppe reicht von Forscher:innen über Therapeut:innen bis hin zu Künstler:innen und Kulturschaffenden, die sich mit einem gesunden Leben auseinandersetzen. Bis zu 10.000 Besucher:innen wurden erwartet.
Am Fliegenpilz-Shop, einem der Ausstellerstände, stehen eine portugiesische Yogalehrerin, zwei Therapeutinnen aus der Nähe von Münster und ein Wikinger mit einem Regenstab. Die Yogalehrerin beendet schnell ihren Kauf und eilt zu ihrem ersten Atemseminar. Die Workshops finden nebenan in den Sälen des Funkhauses statt. Die besondere Fünfzigerjahre-Architektur gibt allem, was hier stattfindet, den passenden Rahmen.
Der Wikinger beißt schon in seinen ersten Pilz, ohne die Antwort der Frage nach der Dosierung abzuwarten. Diese bleibt dann auch vage – fast klingt es nach der Essenz des Festivals: Die Dosis macht das Gift. Kurz darauf wird Pilz-Spray versprüht, und ein zweiter Fliegenpilz-Verkäufer taucht auf, der dem ersten erschreckend ähnlich sieht. Vielleicht der Zwilling – oder wirkt das Spray schon?
LSD-Derivate, Froschgift und THC-Gummibärchen
Die Messe bietet LSD-Derivate und Holzstühle, die gleichzeitig Instrumente sind, an. Was interessant ist, da man beim Draufsitzen liebevoll von einem Herrn in weiter Kleidung bespielt wird. Sofort kommt die Frage auf, ob man ihn gleich mitbuchen kann zum klingenden Stuhl?
Insgesamt ist die Tryp Expo eine kuriose Mischung, die in ihrer Vielfalt an eine Reisemesse erinnert. Viele scheinen hier auf ihren individuellen Abenteuern unterwegs zu sein. Die Darreichungsformen unterscheiden sich von Froschgift und Schoßklangschalen bis hin zu THC-Gummibärchen. Das verbindende Element: die Suche nach sich selbst, nach Heilung oder einfach der Wunsch nach Rausch, auch wenn Letzteres nicht explizit ausgesprochen wird. Was in Ordnung ist, schließlich steht auch über dem Weinfest am Rüdesheimer Platz auch nicht: „Köstliches probieren und ordentlich einen reinzwirbeln“. Oft wird Rausch Genuss genannt, obwohl Naturwein, Joint oder Späti-Molle alle etwas Ähnliches bieten – nicht nüchtern sein.
Auch auf der Messe hat Konsum seinen Preis: Sich kopfüber aufhängen lassen kostet 180 Euro, eine Lichtmaske für zu Hause fast 300 Euro. Überraschend günstig ist hingegen das legale LSD, das deutschlandweit online sehr gut verkauft wird. Die hier erhältliche Dosis würde so manch einen bis Silvester (2027) wachhalten. Dazu kommt die Darreichungsart, etwa als Gummibärchen, was nicht nur für alle, die gern unüberlegt snacken, sondern auch für Menschen mit Kindern im Haushalt problematisch sein kann – vor allem, weil heute so hochpotente Wirkstoffe verfügbar sind, das schon winzige Mengen extreme Wirkung haben.
Die „psychedelische Renaissance“ und ihre Risiken
Auch die wissenschaftliche Forschung mahnt zur Vorsicht. Die Charité Berlin betont, dass die Langzeitfolgen von LSD-Derivaten unerforscht sind, wobei eine psychische Abhängigkeit möglich, eine körperliche jedoch (noch) nicht bekannt ist.
Demgegenüber erlebt die Forschung zu Magic Mushrooms (Zauberpilzen) und Psilocybin eine „psychedelische Renaissance“ mit vielversprechenden Ansätzen zur Behandlung psychischer Erkrankungen. Aktuelle Studien deuten darauf hin, dass Psilocybin die Neuroplastizität – die Fähigkeit des Gehirns, sich anzupassen und neu zu vernetzen – erhöhen kann. Deutsche Studien (zum Beispiel der Universität Tübingen) zur Wirksamkeit bei therapierefraktären Depressionen zeigten Verbesserungen bei vielen Patienten, wobei eine begleitende Psychotherapie essenziell ist. Die positive Beeinflussung der Gehirnaktivität kann Tage nach der Einnahme anhalten, was auf eine langanhaltende Umstrukturierung hinweist.
Nach dem Besuch der Ausstellungshalle geht es in verschiedene Workshops, die von wissenschaftlichen Vorträgen über Eisbaden bis zu Atem-Coaching reichen. Nach einer kurzen Hypnose lockt draußen am grünen Spreeufer eine Art Streckbank, die „Trauma Release in 30 Minuten“ anbietet. Wem gerade kein Trauma einfällt, der kann sich auch klassisch für einen Saunagang entscheiden.
Beim Aroma-Aufguss sitzen zufällig die Zwillinge vom Pilzshop mit Fliegenpilz-Nasenpflastern mit in der Sauna. Der Aufgussmeister ist der Wikinger, dessen Regenstab an der Wand lehnt – für später, wie er geduldig erklärt. Ohnehin sind die Menschen hier alle ziemlich nett; manchmal zittern die Hände, die ein Getränk halten, aber die Stimmung ist freundlich und gelöst. Es wird gemeinsam tief ein- und ausgeatmet, alles entspannt sich in der die Hitze, es riecht nach Minze im warmen Dampf.
Auf der Fahrradfahrt nach Hause kommt einem schnell die berühmte Fahrradfahrt des Chemikers und LSD-Erfinders Albert Hofmann, der im Selbstversuch dessen Wirkung entdeckte, in den Sinn. Danach wurde die Droge mal als Wunder gefeiert oder gesellschaftlich geächtet. Wahrscheinlich hat beides seine Berechtigung. Sicher ist, wie schön Berlin im Frühling sein kann, und wie großartig, dass es hier Raum gibt für kreative Veranstaltungen wie Tryp Expo oder, wie es der Wikinger ausdrückte: „Lovely insanity“.
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