Psychedelische Substanzen in der Medizin: Trip gegen die Depression

Magic Mushrooms zur Behandlung psychischer Erkrankungen? Erste Studienergebnisse sind vielversprechend, Forschende skeptisch.

Ein Forscher hält einen Pilz in die Höhe, der den begehrten Wirkstoff Psilocybin enthält

In Magic Mushrooms steckt der Wirkstoff Psilocybin Foto: Alana Paterson/NYT/Redux/laif

BERLIN taz Nach fünfzig Jahren Pause ist die Psychedelikaforschung nach Deutschland zurückgekehrt. In einer gemeinsamen Studie untersuchen Wis­sen­schaft­le­r*in­nen derzeit am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim und an der Charité in Berlin, ob der Pilzwirkstoff Psilocybin bei sogenannten behandlungsresistenten Depressionen hilft.

Untersucht werden Pa­tien­t*in­nen, die zuvor bereits andere Behandlungsmethoden ausprobiert haben, denen es aber nicht besser geht. Etwa ein Viertel der insgesamt 144 der geplanten Pro­ban­d*in­nen wurden laut einer an der Studie beteiligten Ärztin bereits untersucht. Bis zum Herbst 2023 wollen die Forschenden alle Daten erhoben haben.

Seit knapp zehn Jahren steigt die Zahl der Publikationen in diesem Forschungsbereich weltweit rapide an – so schnell, dass es selbst Fachleuten bisweilen schwerfällt, den Überblick zu bewahren. Erforscht wird mittlerweile vor allem Psilocybin, der psychoaktive Wirkstoff von Magic Mushrooms. In ausreichender Menge konsumiert, löst die Substanz einen halluzinogenen Rauschzustand aus – in der Wirkung vergleichbar mit LSD. Wegen der kürzeren Wirkungsdauer hat sich die Substanz im Klinikalltag als praktischer erwiesen.

Abgesehen von Studienzwecken ist Psilocybin in Deutschland verboten – egal in welcher Darreichungsform. In Ländern wie Holland dagegen ist nur der Pilz illegal – das ebenfalls psilocybinhaltige Wurzelgeflecht nicht. Die Folge: Es gibt einen Markt für psychedelische Selbsterfahrungsretreats, der nicht der wissenschaftlichen Forschung dient. An so einem hat Sibren de Preter teilgenommen, ein 26-jähriger Belgier. Weil das Retreat legal war, ist er auch bereit, davon öffentlich zu erzählen.

Mit Pilzen zur Selbstfindung

De Preter ist kein Depressions­pa­tient, sondern das, was man unter Forschenden einen „healthy normal“ nennt. Aber auch er hatte mit psychischen Belastungen zu kämpfen, derer er sich mithilfe von Psilocybin habe widmen wollen. „Seit ich klein war, hatte ich Probleme mit meinem Selbstwertgefühl“, sagt de Preter. „Ich musste mich ständig beweisen, habe mich immer mit anderen verglichen und hatte das Gefühl, nicht gut genug zu sein.“

Er habe Selbsthilfebücher gelesen und sich coachen lassen, sagt er. „Ra­tio­nal habe ich dabei viel begriffen, aber emotional kam davon nur sehr wenig bei mir an.“ Auf Psychedelika brachte ihn Michael Pollans Buch „How to Change Your Mind“, das 2018 auf Englisch erschien und dafür sorgte, dass der Hype um die „Psychedelic Renaissance“ auch in den Mainstream schwappte. Dabei sind weder die Begeisterung noch die hohen Erwartungen an die Wirkmächtigkeit dieser Substanzen neu.

In den 1950er und 1960er Jahren wurde die Wirkung von psychedelischen Substanzen schon einmal erforscht. In den USA, aber auch in Europa. Der deutsche Psychiater und Psychotherapeut Hanscarl Leuner gehörte zu den Pionieren der sogenannten psycholytischen Therapie. Am Uniklinikum Göttingen hat er bis zum Verbot der Substanzen in den 1970er Jahren Psy­che­delika an seine Pa­ti­en­t*in­nen verabreicht. Wie Psychedelika genau wirken, ist nach wie vor unklar. Dank neuerer Studien aber haben Wis­sen­schaft­le­r*in­nen mittlerweile Theorien formuliert.

Als wissenschaftlich erwiesen gilt, dass Psilocybin ebenso wie LSD einen bestimmten Serotonin-Rezeptor im Gehirn stimuliert. Serotonin ist ein Neurotransmitter und wird umgangssprachlich auch immer wieder als eines der körpereigenen Glückshormone bezeichnet. Auch verbessert sich durch die Gabe von Psychedelika wohl die Fähigkeit des Gehirns, sich umzuorganisieren. So werden unter dem Einfluss der Substanzen bestimmte Verbindungen gestärkt, geschwächt oder neu angelegt. Neu­ro­wis­sen­schaft­le­r*in­nen sprechen von einer erhöhten Neuroplastizität.

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Was passiert genau im Kopf?

Das wiederum könnte zum Beispiel für De­pres­si­ons­pa­ti­en­t Hanscarl Leuner wichtig sein, weil bei Depressionen genau diese Plastizität möglicherweise nachlässt. Studien zeigen, dass schon eine einzige hohe Dosis Psychedelika die Plastizitätsmechanismen des Gehirns auf molekularer, neuronaler, synaptischer und dendritischer Ebene rapide verändert.

Von einer weiteren, wenn auch verwandten Theorie spricht die Berliner Ärztin Andrea Jungaberle. Sie ist Teil des Forschungsteams, das derzeit die Wirkung von Psilocybin bei depressiven Pa­ti­en­t*in­nen untersucht. „Die Theorie, die mir auf neurobiologischer Ebene am sinnvollsten erscheint, besagt, dass durch die Substanzen plötzlich Hirnareale miteinander sprechen, die sonst nicht miteinander kommunizieren“. Sie wählt eine Metapher, um das Prinzip zu erklären: „Bestimmte Areale in unserem Gehirn haben so etwas wie Arbeitsgruppen gebildet und sind es gewohnt zu kooperieren.“

Durch Psychedelika kämen plötzlich neue Mitarbeitende hinzu. Dadurch würden andere Stimmen und Bilder zugänglich. „Ereignisse werden anders erinnert und andere gedankliche Zusammenhänge entstehen, die so vorher nicht möglich waren.“ Man spräche deshalb auch von „disruptiven Erfahrungen“. Menschen mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Suchterkrankungen oder Angst- und Zwangsstörungen, wie zum Beispiel Essstörungen, könnten von diesem Effekt profitieren.

Wie sich das anfühlen kann, hat Sibren de Preter erlebt. Unter dem Einfluss von Psilocybin sei er gestorben und wiedergeboren, sagt er. Dreimal habe er den eigenen Tod gespürt. Mit jedem Mal habe er besser loslassen und sich diesem Tod hingeben können. „Als ich zum dritten Mal wiedergeboren wurde, habe ich nur noch Liebe gefühlt“, sagt de Preter, „Liebe zu mir selbst.“ Seitdem habe er nicht mehr so derart mit Selbstzweifeln zu kämpfen.

Verbundenheit mit der Umwelt

Von sogenannten Auflösungserfahrungen, wie de Preter sie schildert, berichteten Pa­ti­en­t*in­nen immer wieder, sagt Katrin Preller, die als Neuropsychologin an der Universitätsklinik in Zürich zu Psilocybin und LSD forscht. Von vielen werde das als eine Art trans­zen­den­tale Erfahrung erlebt, abhängig von den Erwartungen und Erfahrungen jedes Patienten. Psychedelika gelten als Verstärker von Gedanken, Bildern und Konzepten, die in der Psyche einer Person bereits angelegt sind – nicht als Substanzen, die bei allen Menschen dieselben Effekte induzieren.

„Häufig empfinden die Patienten ein sehr starkes Gefühl der Verbundenheit, sowohl mit sich selbst, als auch zur Natur und anderen Menschen“, sagt Preller. Darin liege ebenfalls ein heilender Effekt. „Diese Verbundenheit“, sagt sie, „ist etwas, das depressive Menschen oft durch die Krankheit verlieren.“

Bereits in wenigen Jahren könnte Psilocybin in den USA als Medikament zugelassen werden

Erste Studienergebnisse aus den USA legen nahe, dass Psilocybin bei Depressionen, aber auch bei Suchterkrankungen, Essstörungen und Zwangsstörungen helfen könnte – wenn auch bislang nur bei sehr kleinen Patient*in­nenzahlen. Wobei nicht alle Ergebnisse in eine Richtung deuten: Eine kürzlich im New England Journal of Medicine veröffentlichte Studie kam etwa zu dem Ergebnis, dass Psilocybin im Vergleich mit einem klassischen Antidepressivum bei depressiven Patient*in­nen lediglich gleich gut wirkt.

Trotzdem hat die US-amerikanische Zulassungsbehörde FDA Psilocybin aufgrund der bisherigen Forschungsergebnisse den sogenannten break­through status verliehen. Der soll die Zulassung als legal verfügbares Medikament beschleunigen. Bereits in wenigen Jahren könnte es zu einer Medikamentenzulassung von Psilocybin in den USA kommen. Europa könnte nachziehen. So vielversprechend die bisherigen Forschungsergebnisse aber klingen mögen, so unseriös sei es, daraus voreilige Schlüsse zu ziehen, warnen Forschende.

Hohe Erwartungen

Einer von ihnen ist Gerhard Gründer, der die aktuelle deutsche Psilocybin-Studie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim leitet: „Wenn man ehrlich ist, ist die Datenlage noch recht bescheiden und steht tatsächlich in einem gewissen Missverhältnis zu den großen Hoffnungen, die auch wir in die Substanzen haben“, sagt er. Es gebe – etwa in Bezug auf die Wirkung bei Depressionen – bislang nur eine Handvoll abgeschlossener Studien, noch dazu mit sehr kleinen Pa­tien­t*in­nen­zahlen und oft ohne doppelte Verblindung.

Ohnehin stellt die Verblindung Forschende vor ein Pro­blem, weil die Wirkung der Substanzen in hohen Dosen so stark ist, dass schnell klar ist, wer ein Placebo bekommen hat und wer nicht. Auch die oft hohe Erwartung, sowohl von Patient*innen, als auch von Forschenden – ausgelöst zum Beispiel durch den Hype um die Wirkung der Substanzen – kann sich verfälschend auf Studienergebnisse auswirken.

Gründer ist darum bemüht, die Erwartungen zu dämpfen: „Die Ergebnisse dieser Studien sind zwar überzeugend, weil sie einen starken Effekt nachweisen.“ Aber oft schwäche sich der zuvor in kleineren Studien gefundene Effekt in größeren Studien mit einer diversen Patient*in­nenpopulation noch einmal deutlich ab. Es ist Gründer wichtig, zu betonen: „Es ist nicht zu erwarten, dass Psychedelika ein Allheilmittel sind, das bei allen gleich gut wirkt.“

Sicher wisse man bislang, dass Psilocybin, eingebettet in ein kontrolliertes therapeutisches Setting, eine relativ ungefährliche Substanz sei, sagt die Psychologin Lea Mertens, die zu Gründers Team in Mannheim gehört. Jedoch gebe es klare Kontraindikationen für die Behandlung. Menschen etwa, die gefährdet oder familiär vorbelastet seien, eine Psychose zu erleiden, kommen für eine mit Psilocybin und anderen Psychedelika unterstützte Therapie nicht infrage.

Auch bei einer anderen Sache sind sich Forschende einig: Psychedelika könnten bei Pa­ti­en­t*in­nen in psychiatrischer Behandlung nur dann ihre möglicherweise heilsame Wirkung entfalten, wenn sie im Rahmen einer Therapie verabreicht werden. Der Konsum allein reiche nicht aus. Die Selbstmedikation ohne Begleitung durch geübtes Personal berge Gefahren: „Eine psychedelische Erfahrung ist immer ein Eingriff in die Hirnchemie“, sagt die Ärztin Jungaberle. „Da kann also auch immer was schiefgehen.“

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