Triathlon als Optimierungswahn: Totalitäre Körperkultur
Triathlon war einst ein Sport für Freiheitsliebende. Mittlerweile unterwirft sich das Gros der Ausdauersportler einem neoliberalen Optimierungswahn.
Lothar Leder ist heute nur noch den älteren Anhängern des Ausdauersports ein Begriff. In den 1990er Jahren war der heute 55-jährige Rheinhesse eine Legende im damals noch jungen Triathlonsport. Nicht nur, weil er der erste Mensch war, der die Ironman-Distanz in unter acht Stunden absolviert hat. Es war vor allem die Art und Weise, wie er den Sport betrieben hat, die unsere Generation von Triathleten begeistert hat.
Beispielhaft dafür war allein die Art, wie er den damals unvorstellbaren Rekord aufstellte. Leder ging Schulter an Schulter mit seinem Rivalen Rainer Müller auf die Marathonstrecke am Donaukanal in Roth. Nach wenigen Kilometern bemerkte Müller, dass das Tempo doch viel zu hoch war. Leder zuckte mit den Schultern und lief in seinem Rhythmus weiter. Wie schnell er war, wusste er nicht – er trug keine Uhr. Dass er den Rekord brechen würde, merkte er erst, als er auf der Schlussrunde am Marktplatz von Roth die Anzeigetafel sah.
Leder war der Prototyp des Bauchathleten. Er trainierte, wie er sich gerade fühlte, und entschied über seine Renntaktik aus der Situation. Trainer verzweifelten an ihm; er schaffte es nie, sich an einen Plan zu halten. Einmal erfuhr ein Coach davon, dass Leder ein Langstreckenrennen durch die Alpen auf dem Rad gewonnen hatte – aus der Zeitung. Der Trainer kündigte die Zusammenarbeit auf.
Heute organisiert Leder mit seiner Frau Nicole – ebenfalls einer ehemaligen Weltklasseathletin – Trainingscamps für Hobbytriathleten. Dazu postet er wöchentlich Instagram-Videos, in denen er sich recht ungefiltert darüber auslässt, was er bei seinen Schützlingen so alles beobachtet. Die immer wiederkehrenden Themen dabei sind ein in seinen Augen völlig überzogenes Datensammeln und eine Diktatur der wissenschaftlichen Trainingsmethodik, die für ihn am eigentlichen Sinn des Tuns vorbeigehen.
Smartwatch nicht so smart
Wenn ein Hobbytriathlet eine Gruppenausfahrt auf dem Rad durcheinanderbringt, weil er sich an den Zahlen auf seiner Smartwatch orientiert, anstatt an der Dynamik der Gruppe, dann kann Leder nur mit dem Kopf schütteln. Oder wenn er sieht, dass diese Feierabendsportler wie Tour-de-France-Profis ihr Essen mit einer Grammwaage abwiegen, um präzise ihren Ernährungsplan einzuhalten.
Ich gehöre zur selben Generation von Triathleten wie Lothar Leder. Als Leder Ironman-Rennen auf der ganzen Welt gewann, tingelte ich mit Kumpels am Wochenende im süddeutschen Raum herum – inspiriert von Leder und seinen Rivalen Jürgen Zäck, Wolfgang Dittrich und Thomas Hellriegel –, um in Baggerseen zu schwimmen und mit dem Rad durch Rübenäcker und Fachwerkörtchen zu jagen. Uhren trugen wir auch nicht; die einzigen Datenerfassungsgeräte waren Fahrradtachos, die Tempo und Durchschnittsgeschwindigkeit anzeigten.
Triathlon war damals meine zweite Sportkarriere. Ich hatte nach meiner Jugend als Leistungsschwimmer einige unsportliche und eher ungesunde Jahre hinter mir und wollte mich wieder bewegen. Was mir am Triathlon gefiel, war in vielerlei Hinsicht die Freiheit. Der Triathlonsport war noch nicht von der muffigen deutschen Vereinsstruktur vereinnahmt. Die soziale Organisation des Sports war informell – man traf sich in Gruppen unterschiedlicher Besetzung zum Fahren, Schwimmen und Laufen.
Der Begriff „Training“ wäre zu eng gewesen. Die Treffs waren grundsätzlich offen. Zu Wettbewerben trat man bestenfalls formal für einen Verein an. Es fühlte sich eher so an, als gehöre man zu einer Szene. Das Gemeinsame überwog – das Gefühl, zu einer damals exotischen Subkultur zu gehören, die etwas relativ Verrücktes treibt.
Auch im Training bewegte man sich zumeist auf ungesichertem Terrain. Eine ausgetüftelte Trainingsmethodik für den Triathlonsport gab es noch nicht. Personal Trainer, die dich in Form bringen und deine fortlaufend gesammelten Biodaten live auswerten? Undenkbar. Jedes Training war ein Abenteuer. Ganz nach dem Vorbild von Athleten wie Leder ging es oft darum, Grenzen auszuprobieren. Gerade darin, dem Diktat eines Trainingsplans zu entkommen, dem ich mich als Leistungsschwimmer über Jahre roboterhaft gefügt hatte, lag der Reiz.
Forschprung durch Technique
Eine gewisse Technikfetischisierung gab es gewiss auch damals schon. Triathleten waren Bastler. Man nutzte auch in diesem Sinne die Freiheit, die der Sport bot – die Freiheit von den technischen Regeln der Radsportverbände, nach denen sich weitestgehend die Fahrradbranche richtete. Man baute aus den wildesten Komponenten Räder nach den persönlichen Vorlieben zusammen. Kleine Marken und Werkstätten, die mit manchmal verrückten neuen Konstruktionsansätzen experimentierten, wurden im Triathlon zum Kult. Das Rad war Ausdruck der Individualität.
Ich fahre heute noch Rennrad und gehe schwimmen; Laufen mögen die alternden Gelenke nicht mehr so sehr. Aber es geht mir wie Lothar Leder: Die Ausdauersportkultur ist mir fremd geworden. Man hat das Gefühl, dass einem die einst ureigene Domäne enteignet worden ist. Als wäre man aus seinem Sport herausgentrifiziert worden.
Das Gefühl lässt sich schon an den Kosten des Sports festmachen. Selbst ein Mittelklasse-Rennrad ist kaum mehr unter 4.000 Euro zu haben. Bei einer Garnitur der textilen Grundausstattung kommen 1.000 hinzu. Ganz zu schweigen von der Datenerfassungselektronik, die heute dazugehört. Mein erstes Rennrad hat vor 40 Jahren 600 D-Mark gekostet. Und man schämte sich nicht, mit Turnschuhen und T-Shirt zu fahren.
Wer an Triathlonwettbewerben teilnehmen möchte, muss noch tiefer in die Tasche greifen. Startgebühren liegen in der Regel zwischen 600 und 1.000 Euro. Unsere Feld-, Wald- und Wiesenveranstaltungen kosteten weiland 30 D-Mark. Und wer sich heute auf einen solchen Wettbewerb vorbereitet, traut sich kaum mehr, das ohne Coach und Trainingslager in Angriff zu nehmen. Die jährlichen Kosten für das Rennradfahren oder den Triathlon gehen da schnell in die Zehntausende.
Neue Klientel
Die Kostenexplosion ist kein Zufall. Etwa seit der Jahrtausendwende strömt eine ganz neue Klientel in die Ausdauerszene. Zu den Zeiten Lothar Leders oder der US-amerikanischen Pioniere des Sports wie Scott Tinley und Dave Scott waren es Hippietypen, die den Triathlon betrieben. Der Radsport war, wenigstens in Deutschland, noch von der konservativen Klubstruktur bestimmt, die eher die Arbeiterschicht anzog. In beiden Fällen suchte man eine Welt außerhalb des Konsum- und Produktivitätszusammenhangs. Sechs Stunden für eine Radfahrt zu verschleudern, war ebenso antikapitalistisch wie auf Raves zu gehen. Es erzeugte nichts als Erlebnis.
Mit dem ersten Dotcom-Boom kam ein neuer Typus in den Sport. Insbesondere im Silicon Valley begannen Triathlon und Radsport das Golfen als Sport für Unternehmer und C-Suite-Angehörige zu ersetzen. Man wollte sich damit von der traditionellen Businesskultur absetzen. Anstatt in exklusive Clubs ging man auf die Straße. Die Tech Bros brachten ein neues Ethos in den Sport. Die algorithmische Optimierung war ihr Grundzugang zur Welt, und mit dem Sport hielten sie es nicht anders. Der Ausdauersport wurde Mittel zur Selbstoptimierung. Der Sport war keine Gegenwelt mehr zur Arbeit, sondern eine Fortsetzung davon.
Was Naomi Klein 2023 in ihrem Buch „Doppelgänger“ geschildert hat, wie die Wellness- und Selbstoptimierungsindustrien der Logik des neoliberalen Kapitalismus dienen –, zeichnete sich auf diesen Sonntagsausfahrten und an diesen Startlinien bereits ab: In einer grausamen, neodarwinistischen, hyperindividualistischen Ordnung wird der Körper zum zentralen Werkzeug der sozialen Differenzierung. Der optimierte Körper ist nicht einfach nur fit. Er ist ein Anspruch – auf Disziplin, auf Ressourcen, auf Überlegenheit.
Klein nennt es eine „Kosmologie der überlegenen Körper“. Die maßgeschneiderten Trainingsprogramme, die Diätpläne, die Schlafoptimierung, die Regenerationsprotokolle – sie sind die Mittel, mit denen das neoliberale Subjekt demonstriert, dass es autark ist, wettbewerbsfähig, auf der Gewinnerseite. Und nach der Logik jeder Kosmologie, die bestimmte Körper erhebt, müssen andere Körper fallen.
Dazu wurde allerlei wissenschaftliches Knowhow und Technik aus dem Hochleistungssport in den Freizeitsport importiert. Jeder Silicon-Valley-Feierabendradler wollte das gleiche Material, die gleiche Biotechnik und die gleiche trainingsmethodische Raffinesse zur Verfügung haben wie ein Tour-de-France-Profi oder ein Olympiasieger.
Nebenbei erblühten neue Branchen mit enormen Verdienstmöglichkeiten. Jeder wollte Puls- und Wattmessgeräte, Trikots aus aerodynamischer Mikrofaser und einen Account bei einer der neuen Plattformen, die Biodaten sammeln, auswerten und mit anderen vergleichen.
Dabei wurde zunehmend das Generieren von Daten zum Selbstzweck. Ein enormer Anteil des Radsports findet heute in Wohnzimmern und Garagen statt, wo man virtuelle Rennen fahren kann. Plattformen, die das organisieren, verdienen Milliarden. Sozial ist das Ganze allerdings nur noch insofern, als sich der eigene Avatar mit anderen Avataren misst.
Die faschistischen Anklänge sind bereits im sonntäglichen Peloton abzulesen. Die mit Hightech und bodenlosen Freizeitbudgets optimierten Körper grenzen sich von suboptimalen, schwachen und somit letztlich überflüssigen Körpern ab. Wer untrainiert, behindert, abhängig oder auch nur übergewichtig ist, ist in der neoliberalen Kalkulation selbst daran schuld und hat es nicht besser verdient.
Wie ich aufgrund meiner Sportartenwahl im Zentrum dieser neuen Herrenmenschenkultur gelandet bin, verblüfft mich noch immer.
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