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Trauer nach dem AnschlagAm Sonntag danach

Erst am nächsten Morgen hat unsere Autorin von dem Anschlag auf den Berliner CSD gehört. Den Tag über suchte sie zu Hause mit ihrer Freundin Trost.

D ie Guten sind unsterblich. So unsterblich, dass sie jahrhundertelang, vielleicht sogar jahrtausendelang Menschenleben retten können. Zumindest ist das so in dem Film, den wir uns am Sonntagnachmittag auf der Couch anschauen, eingekuschelt unter Decken, mit einer Wärmflasche, als wäre es schon Herbst.

Wir sind verkatert, weil wir am Samstagabend meinen Geburtstag gefeiert haben. Vor allem aber sind wir traurig und schockiert. Auch wir sind mit der Nachricht vom Anschlag auf dem CSD aufgewacht – beziehungsweise zunächst mit Whatsapp-Nachrichten von Freund*innen, die schrieben: „Ich habe die News aus Berlin gesehen. Wie geht es euch?“

Als mich die ersten Nachrichten erreichen, weiß ich noch gar nicht, was passiert ist. Ich war bereits joggen, hatte die Eichhörnchen gefüttert und lese zu Hause immer wieder dieselbe Frage: „Geht es euch gut?“ Zuerst stelle ich mir eine Naturkatastrophe vor. Ich denke, dass die Brände, die gerade in Südeuropa wüten, vielleicht auch uns erreicht haben. Dann öffne ich meinen Laptop.

„Ja, wir waren im Südblock. Wir hatten nichts mitbekommen …“, antworte ich. Wir texten uns hin und her, schicken uns Emojis wie weinende Gesichter und gebrochene Herzen und sprechen darüber, wie schlimm die Welt gerade ist und wie wichtig es ist, zusammenzuhalten.

Meine Freundin schläft noch. Es tut mir leid, sie mit dieser Nachricht wecken zu müssen. Wie viele meiner Geburtstagsgäste war auch sie zuvor auf dem CSD gewesen und anschließend zu mir gekommen. Sie waren mit ihren Kindern, ihren Freun­d*in­nen und Part­ne­r*in­nen dort gewesen. Sie hatten getanzt, gefeiert und Spaß gehabt. Ich bin 48 geworden – genauso alt wie der Berliner CSD.

Zu Hause umarmen meine Freundin und ich uns immer wieder. Wir haben keine Kraft, zur Trauerveranstaltung am Brandenburger Tor zu gehen, und schauen uns stattdessen zum Trost schlechte Filme, in denen zwar auch die Bösen im zweiten Teil für eine Weile unsterblich zu werden scheinen, am Ende aber doch immer die Guten gewinnen.

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Luciana Ferrando

Luciana Ferrando

Jahrgang 1978, ist freie Autorin. Fast 10 Jahre lang war sie in verschiedenen spanischsprachigen Redaktionen, Zeitungen und Magazinen in ihrem Heimatland Argentinien tätig. Im Jahr 2008 migrierte sie nach Deutschland. Seit 2015 schreibt sie unter anderem Porträts, Reportagen und Kolumnen für deutsche Medien wie die taz, am liebsten über Stadtleben, feministische Themen, Kulinarisches und die Liebe. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Foto: Naïma Erhart
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