Rotes Trauerlicht mit der Aufschrift Papa

Trauer im Dezember in Berlin Foto: Omer Messinger

Trauer in der Pandemie:„Dann hab ich Papa einfach umarmt“

Rund 80.000 Coronatote werden inzwischen gezählt. Abschied zu nehmen ist schwer, wenn Menschen sich nicht nah sein dürfen. Vier Angehörige erzählen.

18.4.2021, 08:49  Uhr

Ein oder zweimal wurde mir in dieser Zeit der Trauer gesagt: „Na, du weißt ja, wie's geht.“ Das war schon verletzend. Ich bin im Bistum Speyer Referentin für Hospiz- und Trauerseelsorge. Mein Mann ist Diakon und macht auch Beerdigungen. Im Dezember haben wir beide innerhalb von wenigen Tagen unsere Väter verloren. Obwohl wir diesen professionellen Zugang haben, ist mir wichtig: Wir dürfen auch einfach als Menschen trauern.

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Am 11. Dezember haben wir die Nachricht aus dem Seniorenheim bekommen, mein Schwiegervater sei positiv. Er lebte dort nach einem Schlaganfall. Der Herbert hatte Fieber, nach kurzer Zeit schien es ihm besser zu gehen. Dann aber rief eine Schwester an: Er sehe gar nicht gut aus. Wir bekamen die Erlaubnis, ihn zu besuchen.

Ich habe geweint, weil ich Sorge hatte, dass ich, wenn ich jetzt dorthin gehe, möglicherweise nicht zu meinem eigenen kranken Vater kann, wenn dort etwas ist. Die Pflegedienstleiterin hat mir dann angeboten, mich alle zwei Tage zu testen, damit ich kommen kann. So ein Geschenk!

Wir hatten Visier, Mundschutz, Kittel und doppelte Handschuhe an und durften eine halbe Stunde bleiben. Als erstes bin ich ans Bett und habe gesagt: „Herbert, wir sehen schon komisch aus, so hast du uns auch noch nicht gesehen.“ Da hat er geschmunzelt.

Wir haben gleich gemerkt, dass es Zeit für einen Sterbesegen ist. Wir haben ihn gesalbt, ihm gedankt und es war klar: Wir nehmen voneinander Abschied.

Kerstin Fleischer, Referentin für Hospiz- und Trauerseelsorge

„Du wolltest uns vielleicht sagen, dass du uns auch lieb hast“

Er wollte etwas antworten und konnte nicht. Da habe ich das formuliert: „Du wolltest uns vielleicht sagen, dass du uns auch lieb hast.“ Er hat genickt und unsere Hände fest gedrückt.

Für meinen Mann war es am Tag darauf sehr schwer, dass sein Vater fünf Kilometer weiter im Sterben liegt und er nicht an seiner Seite ist. Dass niemand an dem Bett war und seinem Vater die Hand hielt. Unter normalen Umständen hätten wir uns Tag und Nacht abgewechselt.

Dann kam auch noch die Nachricht, dass mein Vater mit Corona infiziert ist. Er war im Krankenhaus, weil er gestürzt war, kurze Zeit vorher war er schon mal in der Klinik gewesen, möglicherweise hat er sich da infiziert. Er hatte vielen Baustellen: Diabetes, Fußamputation, das Herz schwach, Aneurysma.

Einen Tag nach der Nachricht, dass mein Vater positiv ist, ist mein Schwiegervater gestorben. Er war 81 Jahre alt.

Am Morgen nach dem Tod von Herbert, als wir mit der Bestatterin da saßen, kam die Nachricht, dass mein Vater intubiert worden war. Manchmal frage ich mich im Nachhinein, wie wir diese Tage geschafft haben.

Mein Gefühl damals war: Wenn ich jetzt von meinem Vater nicht Abschied nehme, dann kann ich meinen Beruf als Trauerbegleiterin an den Nagel hängen. Ins Krankenhaus durfte eigentlich niemand rein. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich die Karte ausgespielt habe, Seelsorgerin zu sein. Als ich ans Bett kam, hat mein Vater als erstes nach Herbert gefragt, und ich musste ihm sagen, dass der gestorben ist. Ich habe gemerkt: Mein Vater möchte leben.

Bei Herbert wollten wir nochmal als Familie Abschied nehmen. Bei einem Corona-Infizierten ist das am offenen Sarg nicht möglich, aber am geschlossenen. Wir haben zwei Tage nach seinem Tod eine kleine Feier gemacht, Holzherzen mit Gedanken beschrieben und Gegenstände, die wir mit ihm verbinden, auf den Sarg geklebt. Und wir haben gemeinsam auch die Urne bemalt.

Das war am 19. Dezember und ich ging weiter alle zwei Tage zum Testen. Am 22. war ich negativ und fragte, ob am 24. auch mein Mann und Sohn mit zum Testen kommen könnten wegen Weihnachten. Am 24. Dezember waren wir dann alle positiv.

Am Sonntag, den 18. April 2021, wird mit einer zentralen Gedenkfeier in Berlin der Covid-19-Toten gedacht. Inzwischen hat die Zahl der Corona-Toten die Marke von 80 Tausend überschritten hat. Freitag meldete das Robert-Koch-Institut 247 neue Todesfälle im Zusammenhang mit dem Coronavirus. Seit Beginn der Pandemie sind insgesamt 80.184 Menschen in Deutschland an oder mit der Virus­infektion gestorben.

An der Gedenkfeier nehmen nur zehn Menschen teil. Fünf davon sind Menschen, die Angehörige verloren haben, dazu kommen die Spitzen der fünf Verfassungsorgane – neben Bundespräsident Steinmeier Bundeskanzlerin Merkel, Bundestagspräsident Schäuble, Bundesratspräsident Haseloff und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Harbarth.

Die Mi­nis­ter­prä­si­den­t:in­nen rufen dazu auf, sich am Gedenken zu beteiligen und am Freitag, Sonnabend und Sonntag abends Kerzen ins Fenster zu stellen.

Ich bekam Gliederschmerzen, mein Mann Markus Husten, Fieber und Schüttelfrost. Ich habe mir wirklich Sorgen um ihn gemacht und irgendwann eine Tasche gepackt, weil ich dachte, er muss ins Krankenhaus.

Zur gleichen Zeit ging es meinem Vater immer schlechter. Er hatte immer lustige Bilder per Whatsapp geschickt, aber nun kam gar nichts mehr. Auf der Intensivstation hat er zum Oberarzt gesagt: „Ich möchte nur noch meine Frau sehen.“ Und der Arzt hat eine Ausnahme gemacht und meine Mutter tatsächlich reingelassen. Noch so ein Geschenk. Sich nicht verabschieden zu können, da muss man nicht drumherumreden: Das ist scheiße. Sechs Stunden danach ist mein Vater gestorben. Er wurde 73 Jahre alt.

Ich sage, mein Schwiegervater ist an Corona und mein Vater ist mit Corona verstorben. Mein Schwiegervater würde noch leben, wenn es Corona nicht gebe. 14 Tage später wurde in dem Heim geimpft.

In einer Trauerkarte stand: „Corona hat ja auch was Gutes, jetzt habt ihr Zeit zu trauern“, Da haben wir gesagt: „Nee. Corona hat uns diesen Menschen genommen.“

Die Erfahrung von mir und meinen Kollegen in dieser Zeit ist: Je höher die Zahlen steigen, je gravierender Corona wütet, desto mehr tauchen Trauernde ab. Sie sind dann im Krisenmodus. Erst wenn es wieder besser wird, so wie vorigen Sommer, melden sich ganz viele. Trauer schafft Abstand und Distanz. Ich sage immer, Trauer ist ein Geschenk. Aber viele wollen sie loswerden. Deswegen macht Trauer oft einsam. Und Corona auch – das ist die Herausforderung.

Kerstin Fleischer, 44, Referentin für Hospiz- und Trauerseelsorge, Speyer

Sarg mit Biohazard-Aufkleber

Ist Trauer wirklich so gefährlich? Foto: dpa

Nach Corona fällt auf, wer fehlt

Am 23. Dezember hat sich meine Oma infiziert, im Altersheim. Es war absurd: Am 24. saß ich mit meinem Bruder und meinem Vater dann vor Skype, alle in Quarantäne, alle allein in unseren Zimmern, und wir haben Weihnachten gefeiert.

Am Anfang zeigte meine Oma keine Symptome und es war so gut, wie es eben sein kann. Aber dann ging es total schnell, am 28. ist sie ins Krankenhaus gekommen, weil sie kurzatmig wurde. In der Nacht vom 30. auf den 31. Dezember ist sie gestorben.

Die Beerdigung war drei oder vier Wochen später. Wir haben lange überlegt, ob wir uns vorher isolieren sollen, damit wir Zeit miteinander verbringen können. Aber keiner hat sich damit sicher gefühlt, weil wir wussten, wie schnell es gehen kann und wie unberechenbar das Virus einfach ist. Man ist in so einem komischen Angstmodus.

Ann-Franziska Mai, Studentin

„Wahrscheinlich fällt erst nach Corona wirklich auf, wer fehlt“

Es durften dann nur 15 Leute in die Kirche. Und auch das war komisch, weil die Stühle mit viel Abstand herumstanden. Keiner umarmt sich, also streichelt man nur gegenseitig die Arme, aber kommt sich nicht zu nahe …

Am Morgen der Beerdigung kam meine Tante ins Krankenhaus. Es hatte sich herausgestellt, dass sie total mit Krebs durchfressen war. Deswegen haben wir gar nicht so wirklich um Oma getrauert und trotzdem alle geweint. Man wusste schon: Es sieht nicht gut aus.

Meine Tante hatte sich viel um meine Oma gekümmert, das war ihre Hauptaufgabe, jahrelang. Die Ärzte meinten, meine Tante muss schon Ewigkeiten Schmerzen gehabt haben. Nach dem Tod meiner Oma hat sich der Krebs bemerkbar gemacht, als wäre jetzt Platz dafür.

Sie kam wenig später ins Hospiz. Ohne Corona hätte man sie besuchen können, man hätte diesen Abschiedsmoment gehabt. Aber so ging das nicht. Mein Vater telefonierte mit ihr, mein Bruder und ich nicht. Man redet sich ein, man hat noch Zeit, und wir beide haben das aufgeschoben. Ich hatte das Gefühl: Das ist das letzte Gespräch, dann legt man auf und hört die Stimme nie wieder.

Die Beerdigung meiner Tante war ganz anders. Wir sind alle mit Maske hingegangen und haben uns erstmal nicht umarmt. Sie war viel jünger, es kam viel plötzlicher, sie war nicht mal 70 und das ist ja heute kein Alter mehr. Sie spielte in der Familie eine wichtige Rolle, war wie ein sicherer Hafen. Mein Vater hat mich in der Kirche gefragt, ob ich mit dem Stuhl ein bisschen näher rücken kann. Dann haben wir Händchen gehalten. Was aber trotzdem komisch war, weil man sich Gedanken gemacht hat, ob das sicher ist. Mein Vater gehört zu einer Risikogruppe.

Unser Autor ist auf dem Rad um die gesamte Ostsee gefahren: Zwölf Etappen in zwanzig Jahren, insgesamt 10.000 Kilometer. Ob das seine Vorstellung von Europa verändert hat – in der taz am wochenende vom 17./18. April. Außerdem: Ein Gespräch mit Aktivistin Kristina Lunz über feministische Außenpolitik. Und: Die politische Dimension von Fried Chicken. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und rund um die Uhr bei Facebook und Twitter.

Mein Onkel verliert seine Frau und man gibt sich die Faust. Wie absurd. Wir Jüngeren haben uns dann einfach umarmt. Und meinen Vater habe ich auch in den Arm genommen, mit dem Kopf weggestreckt und der Maske noch auf dem Gesicht …

Mein Onkel meinte dann: Kommt vorbei, es gibt Kaffee und Kuchen. Aber wir wollten natürlich nicht, dass es zu einer Beerdigungskette wird, aus diesem Bedürfnis heraus, sich nahe sein zu wollen. Ich habe gesagt: Es tut mir leid, aber ich traue mich gerade nicht. Ich will nicht das Gefühl haben, ich sei wie ein Todesengel.

Weil es so normal ist, dass man seine Familie gerade nicht sieht, fällt es wahrscheinlich erst nach Corona wirklich auf, wer fehlt. Ich glaube, danach wird das für alle nochmal richtig hart. Man sitzt dann mit der Familie, aber die Tante ist nicht mehr da, und Oma kann man nicht mehr im Altersheim besuchen.

Worüber ich viel nachgedacht habe, ist der Umgang mit Trauer generell. Das hat mich wütend gemacht. Ich habe das Gefühl, Trauer spielt bei uns keine Rolle, erst wenn es so weit ist. Mein Bruder und ich haben beide drei Tage gebraucht, bis wir unserem Onkel eine Nachricht geschrieben haben, was eigentlich viel zu lange ist. Wir wussten nicht, was. Ich habe irgendwann angefangen zu googlen, was sich total albern angefühlt hat.

Oder auch dieser Mechanismus, zu arbeiten, damit man nicht mehr darüber nachdenkt. Das war bei meinem Vater so, und ich habe das auch gemacht, meine Oma und meine Tante starben kurz vor der wichtigsten Prüfung in meinem Studium. Ich habe bis zum Limit weiter gelernt, bis es gar nicht mehr ging. Und als ich die Prüfung dann hinter mir hatte, sind mir unkontrolliert Tränen gekommen und ich wusste gar nicht so wirklich warum. Ich glaube, dass es manchmal gar nicht so schlecht wäre, wenn man den Anspruch an sich ablegen würde, immer funktionieren zu müssen. Man fühlt sich so allein, man stößt gerade ständig an Grenzen, weil man noch nie mit einer Einsamkeit auf dieser Ebene konfrontiert gewesen ist.

Ann-Franziska Mai, Studentin, 23 Jahre alt, aus Köln

Hand auf Sarg

Am offenen Sarg ist der Abschied nicht möglich Foto: dpa

Der Vater klagte nicht

Mein Vater wohnte in Witebsk. Die Stadt war von Corona schlimm betroffen, am stärksten in ganz Belarus. Fast alle meine Freunde im Land waren infiziert. In Belarus wird wenig getestet, es gibt kaum Schutzmaßnahmen und Einschränkungen. Jeder muss sich um sich selbst kümmern.

Ich hatte Sorgen um meine Familie dort. In dem Mehrfamilienhaus, in dem mein Vater lebte, waren schon drei Männer an Covid gestorben. Er hatte auch große Angst, das hat mir meine Schwester erzählt. Mein Vater war kein Mensch, der viel spricht. Er klagte nicht.

Anfang Dezember dann bekam mein Vater Fieber. Die Hausärztin sagte nur, er solle Zuhause bleiben. Als seine Frau den Notarzt rufen wollte, kam der nicht – es sei schließlich nur Fieber.

Über Bekannte schaffte seine Frau es dann, dass er getestet wurde. Er war positiv. Es ging ihm überhaupt nicht gut und er kam ins Krankenhaus. Drei Wochen konnte ihn dort niemand besuchen. Man konnte ihn nur per Handy erreichen.

Er hat Sauerstoff bekommen und wurde schließlich Anfang Januar entlassen – in einem Zustand, in dem er eigentlich kaum gehen konnte. Da habe ich mit ihm telefoniert, es war das letzte Mal, dass wir gesprochen haben. Ich habe schon am Telefon gehört, wie schlecht er Luft bekommt. Aber mein Vater war immer Optimist, er war überzeugt, dass er gesund wird.

Schon Dinge wie auf die Toilette zu gehen, kosteten ihn Kraft. Wieder durch Bekannte ist er dann noch mal in eine große Klinik gekommen. Dort sagte die Oberärztin nach einer Computertomografie: „Da ist keine Lunge mehr“. So einen schweren Fall habe sie noch nicht gesehen.

Jeanne Adamowitsch, Kunsttherapeutin

„Die Ärztin sagte: Da ist keine Lunge mehr“

Für Belarus war das ein sehr gutes Krankenhaus. Mein Vater hatte ein eigenes Zimmer mit Dusche und Toilette. Die Ärztin, das Pflegepersonal – alle waren sehr gut zu ihm. Ich freue mich, dass er am Ende gut versorgt wurde. „Mir geht es so gut hier, ich möchte gar nicht nach Hause“, hat er mal zu seiner Frau gesagt.

Er war schon stabil und brauchte keinen Sauerstoff mehr, da hat er sich im Krankenhaus einen Infekt geholt. Seine Lunge war durch Covid so schwach und auch das Immunsystem, da ging alles ganz schnell. Er kam auf die Intensivstation, sollte wieder an die künstliche Beatmung kommen. Aber er hat den Ärzten gesagt: Ich will selber atmen. Die hatten alle Respekt. Ein Bettnachbar, 36 Jahre alt, war intubiert und ist gestorben, das hat meinen Vater mitgenommen. Er war ja wach und bekam alles mit.

Ich stand so unter Spannung. Ich hatte Angst vor dem Handy, weil ich nicht wusste, was da kommt, wenn es klingelt.

Als ich von meiner Schwester gehört habe, wie schlecht es ihm geht, habe ich sofort einen Brief geschrieben, eine Karte. Für alle Fälle habe ich sie abfotografiert. Er wäre 73 geworden am 1. März. Am 10. Februar ist er gestorben.

Ohne Corona hätte ich meinen Vater im Krankenhaus besuchen dürfen, da hätte ich mich sicher auf den Weg gemacht. Aber jetzt? Selbst wenn ich geflogen wäre, hätte ich nach der Einreise in Quarantäne gehen müssen. Und dann noch einmal nach der Rückreise nach Deutschland. Ich kann mir das finanziell nicht leisten: zwei Wochen Quarantäne.

Eigentlich wollte ich voriges Jahr nach Belarus und hatte schon Flugtickets. Aber dann wurden die Grenzen dicht gemacht und alle Flüge gecancelt.

In den letzten Tagen, bevor mein Vater starb, bekam seine Frau eine Sondererlaubnis, sie durfte vormittags und nachmittags für eine Minute zu ihm gehen. In Schutzkleidung, auf eigene Verantwortung. „Schau mal, wieviel Kraft ich habe“, hat er ihr anfangs noch gesagt.

Es gibt kaum Studien oder Umfragen, um die Hinterbliebenen der Corona-Pandamie zu beziffern. „Man kann erfahrungsgemäß von 20 bis 100 Trauernden pro Beerdigung ausgehen“, sagt Christian Jäger, Geschäftsführer des Bestatterverbands Nordrhein-Westfalen. Hochgerechnet gehören also mindestens 1,6 Millionen Menschen zum engsten Familien- und Freundeskreis der mehr als 80.000 Corona-Opfer.

Als er die Maske nicht mehr halten konnte, wurde er doch intubiert. „Helfen Sie mir!“, das war das letzte, was er gesagt hat. Er hatte wohl Panik bekommen, als sie ihm die Sauerstoffmaske abnahmen, um ihn zu intubieren.

Um 2 Uhr nachts ist er gestorben. Seine Frau hat es um 7 Uhr morgens erfahren. Mich hat dann meine Schwester angerufen. Ich habe mich krankgemeldet.

In Belarus wird man am nächsten Tag beerdigt. Es gibt dort auch kaum Beschränkungen für Trauerfeiern. Papa wurde in einer orthodoxen Kirche aufgebahrt und dort wurden ganze Nacht Gebete gesprochen und viele Menschen kamen, um sich zu verabschieden. Nur manche blieben aus Angst weg.

Ich konnte nicht Abschied nehmen. Meine Schwester habe ich gebeten, dass sie für mich ein paar Fotos macht. Sie sagte mir, zu welcher Zeit sie in der Kirche sein würde, so dass ich hier auch zur selben Zeit eine Kirche ging.

Es war eine katholische Kirche, ich habe Kerzen aufgestellt und gebetet. In der orthodoxen Kirche gibt es ein besonderes Gebet für den verstorbenen Vater, das wird vierzig Tage jeden Tag gebetet. Das habe ich gemacht. Ich habe zu Hause Fotos von uns auf den Tisch gestellt, Kerzen, Blumen.

Den letzten Brief, den ich meinem Vater geschrieben hatte, hat meine Schwester ihm am offenen Sarg vorgelesen und mit ins Grab gelegt. Das war für mich ein gutes Gefühl, dass ihn die Worte noch erreicht haben.

Jeanne Adamowitsch, Kunsttherapeutin, 50 Jahre alt, aus Mönchengladbach

Drei Hände über einem Bett

Die Ausnahme: Abschied im Krankenhaus Foto: dpa

Da war Trauer, aber vor allem Wut

Ich kann nur mit angezogener Handbremse erzählen, das muss ich gleich sagen. Es fällt mir noch sehr schwer. Ich habe meinen Vater verloren, er war erst Mitte 60.

Ende letzten Jahres ist es passiert, der zweite Lockdown war gerade losgegangen. Als mich mein Bruder anrief, an einem Donnerstag, wusste ich komischerweise sofort: Es ist etwas mit dem Vati. Mein Bruder sagte, dass er in der Nacht verstorben sei. Das war erst einmal die Information, die ich aufnehmen musste.

Man hat ihn zuhause gefunden, er muss schon Stunden tot gewesen sein. Sein Zustand war sehr schlimm. Und dann der Zusammenhang mit Corona. Seine Lebenspartnerin war positiv getestet, ihr ging es sehr schlecht. Sie hatte hohes Fieber, war ins Bett gegangen und hatte ihn deshalb erst in der Nacht gefunden. Auch mein Vater hatte schon starke Symptome. Der Notarzt ging aufgrund der Schilderung davon aus, dass er Corona hatte. Also haben sie ihn nicht einmal angefasst, sondern er wurde in eine Tüte gesteckt und mitgenommen. Ich bin direkt hingefahren, aber auch wir durften ihn nicht noch einmal sehen. Diese erste Woche, das Bewusstsein, dass er irgendwo in einer Tüte liegt …

Wir hatten das Thema Corona immer wieder. Mein Vater gehörte zur Risikogruppe, hatte Vorerkrankungen. Ich habe ihn angefleht, dass er aufpassen soll.

Man muss dazu sagen, dass er aus einer Gegend kommt, in der Corona lange Zeit nicht angekommen ist, viele Leute haben sich nicht an die Regeln gehalten, das Ganze abgetan. Mein Vater hatte zwar Respekt vor der Sache, aber er war auch immer schon in Richtung Verschwörungstheorien unterwegs gewesen, hat allen möglichen Sachen aus dem Internet geglaubt. Es gibt Verwandte, die bis heute leugnen, dass mein Vater mit Corona gestorben ist.

Ich habe den Bestatter dann angefleht, dass ich wenigstens den Sarg noch einmal sehen darf, bevor er verbrannt wird. Immer wieder habe ich ihn angerufen, schließlich konnten mein Bruder und ich tatsächlich in einer Trauerhalle am Sarg zusammenkommen und positive Erinnerungen an unseren Vater teilen. Bis zur Beerdigung zogen sich dann Monate hin und bis zuletzt war nicht klar, wann es möglich sein wird, uns in einem Rahmen zu verabschieden, der für mich und meine Geschwister angemessen ist. Diese offene Stelle, der fehlende Abschied, das hat mir Schmerzen bereitet.

Da war Trauer, aber vor allem Wut. Ich bin mehrmals in den Heimatort meines Vaters gefahren. Ich habe im Auto nur geschrien. Ich habe mit ihm geschimpft. Ich war so wütend auf ihn, weil er nicht aufgepasst hat, weil er sich doch mit Menschen getroffen hat, weil er es am Ende nicht ernst genommen hat. Ich denke, er wusste, dass er Corona hatte. Aber er wollte es einfach nicht wahrhaben, weil dann hätten die anderen ja doch recht gehabt.

Ich war so wütend und das war am Anfang gepaart mit ganz schlimmer Angst. Mein Bruder und ich hatten den Ort gereinigt, an dem er mehrere Stunden gelegen hatte, das war sehr traumatisch. „Warum hast du das denn gemacht“, haben viele Leute gefragt. Aber wer hätte es denn machen sollen? Es traute sich doch keiner mehr, das Haus zu betreten. Und auch ich hatte Angst, ob ich mich angesteckt haben könnte. Furchtbare Angst. Mit dem Bild vor Augen, was passieren kann.

Christiane Zimmer (Name geändert)

„Was? Dein Vater ist an Corona gestorben? Das war wie eine Attraktion“

Dann folgte Weihnachten und das neue Jahr und ich hatte Probleme, das überhaupt zu begreifen. Ich hatte immer wieder Momente, wo ich das Telefon nehmen wollte, ihm was erzählen, Weihnachten planen. Die Momente gibt es immer noch. Und dann muss ich mir sagen, halt, er ist jetzt nicht mehr da. Er ist nicht mehr da.

Trauer im Lockdown war superschwierig. Mit kleinen Kindern zuhause. Man hat keine Möglichkeit, sich mal zurückzuziehen. Mal richtig zu weinen, es rauszulassen. Man konnte nirgendwohin, es konnte niemand kommen. Ich hatte meine Kinder da und ich wollte ihnen auch keine Angst machen. Und dann erzählst du Leuten, dass dein Vater gestorben ist und sofort kommt die Frage: An Corona? Irgendwie verständlich, aber das war wie so eine Attraktion. Was? Wirklich Corona? Da ging es mehr um Neugier, als darum, wie es mir damit geht. Das hat mich wütend gemacht.

Eigentlich bin ich gar nicht diejenige, die Trauer oder Schmerz teilt. Aber hier habe ich mich irgendwann entschieden, genau das zu tun. Ich habe Freunde angerufen und gesagt, hey, mein Vati ist gestorben. Ich habe auch über die schlimmen Details geredet, die mich so belasteten. Am Anfang hatte ich deswegen ein schlechtes Gewissen. Aber genau das hat mir gut getan. Und auch meine Freunde haben gesagt, ja lass das raus, friss das nicht in dich rein. Ich habe die Trauer mit vielen geteilt, das hätte ich sonst vielleicht nicht gemacht. Aber in diesem Lockdown, in dieser Isolation: es hätte ja nicht mal jemand gemerkt, was mir passiert ist.

Die Frage, ob das mit meinem Vater passieren musste, ist eine, die ich beginne auszublenden. Es wurde an vielen Stellen zu spät reagiert, es gab viel Verantwortungslosigkeit. Und es gibt sie immer noch. Aber ich kann mich damit nicht auseinandersetzen, ich will die Wut darauf nicht weitertragen. Ich meide diese Gedanken, aber weg sind sie nicht. Das ist nur eine ganz dünne Schicht.

Christiane Zimmer (Name geändert), Mitte 30

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