Traditionshandwerk Buchbinden: Goldene Lettern auf Froschlederhaut
Seit 100 Jahren gibt es die Buchbinderei Klünder in Moabit. Das Handwerk zu erhalten erfordert Leidenschaft und Kooperation mit Gleichgesinnten.
Wer die „Buchbinderei Klünder“ in der Moabiter Rathenower Straße 60 betritt, spürt den Charme dieses seit 100 Jahren gewachsenen Ortes: Auf dem großen Arbeitstisch in der Mitte des Raumes türmen sich Bücher, zum Trocknen teils mit alten Bügeleisen beschwert. Die wichtigsten Werkzeuge liegen griffbereit neben Papier- und Zeitungsstapeln: Eimer voller Kleister, Pinsel, Bleistifte, Lineale, Bienenwachs, Fadengarn, eine Ahle zum Durchlöchern der Papierlagen.
Der Stolz der Werkstatt ist die Karl-Krause-Papierschneidemaschine, „die in hundert Jahren nie kaputt war“, schwärmt Buchbindemeister Christian Klünder. Kund:innen hingegen, verrät dessen Tochter und heutige Inhaberin Alexandra Klünder, bekämen vor allem bei der „Prägnant“ und dem dazugehörigen Sammelsurium an Prägeschriften im hinteren Teil der Werkstatt große Augen: einer Titel- und Vergoldepresse, mit der Wörter, Namen oder Verzierungen ganz klassisch mit Lettern aus Schriftkästen auf die Buchdeckel geprägt werden.
„Wir prägen damit individualisierte Notiz-, Skizzen- oder (Reise-)Tagebücher und auch Speisekarten“, erklärt Alexandra Klünder – und weist dann noch auf das Falzbein, ihren aus ihrer Sicht größten Schatz. Dieses 12 bis 20 Zentimeter lange, flache Multitalent mit abgerundeter Spitze, früher aus Rinderbein- oder Walknochen, heute meist aus Teflon hergestellt, benutzen Buchbinder:innen zum Plattdrücken der Papierfasern: „Ein Buch, das nicht richtig gefalzt oder gegen die Papierlaufrichtung gebunden ist, klafft auf“, erklärt die Expertin. Bei industriell gebundenen Zeitschriften und Magazinen sei dies häufig zu beobachten – „manchmal auch bei gebundenen Büchern.“
Wie groß der Unterschied zwischen handwerklicher und industrieller Buchbinderei ist, zeigt sich nicht allein im Ergebnis, sondern schon in der Arbeitsweise. Die Arbeit in einer der riesigen automatisierten maschinengetriebenen Buchstraßen industrieller Buchbindereien hat laut Klünder mit der in einer Handwerksbuchbinderei nicht mehr als die theoretische Ausbildung in der Berufsschule gemein: „Dort regieren die Maschinen. Die Arbeit ist laut und körperlich. Ein handwerklicher Buchbinder hingegen braucht geschickte Hände, gute Augen, Experimentierfreude und einen unendlichen Geduldsfaden“, sagt er.
Marmoriertes Papier und koptische Bindung
Diese Unterschiede prägen auch das Geschäft der Buchbinderei Klünder. Bis in die 80er Jahre – als er die Buchbinderei in dritter Generation von seinem Lehrmeister übernahm – war das Binden von Periodika für Bibliotheken und Universitätsinstituten das Alltagsgeschäft. Neben Reparaturen alter Kinder-, Koch- oder Gottesbücher mit eingerissenen, zerlesenen Seiten oder sich aus der klassischen Fadenheftung lösenden Einbänden, vor allem Einzel- und Sonderanfertigungen.
Dazu gehören Bucheinbände aus marmoriertem Papier oder mit der bereits im 2. Jahrhundert in Ägypten entwickelten „koptischen Bindung“ mit dekorativ freiem Buchrücken und sichtbaren Kettenstichen. Hinzu kommen Studienarbeiten mit Klebebindung, Fotoalben mit Buchschraubenbindung, Hochzeitsalben aus Samtstoff, geprägte Stammbücher oder Zickzackleporellos in Ziehharmonikaform bei Schulworkshops.
Ein zweiter wichtiger Bereich ist der Schachtel-, Schuber-, Kassetten- und Kastenbau – einige sehen auf den ersten Blick wie Bücher aus. Zu den Auftraggeber:innen gehören Galerien, Museen, Architekturbüros und Privatkünstler:innen. Das Repertoire reicht von Sammler:innen antiker Atlanten oder „Baedeker“-Reiseführern über Omis-Kochbuch-Nostalgiker:innen hin zu auf Goldfolienprägung fixierte Gastronom:innen oder Menschen mit abstrusen Materialwünschen wie Froschlederhaut.
Auch für die Berlinale, die Serie „Babylon Berlin“, den Berliner „Tatort“ und den Film „Der Phönizinische Meisterstreich“ des US-amerikanischen Regisseurs Wes Andersons hat die Buchbinderei bereits gearbeitet. Viele Kund:innen seien „Freaks“, sagt Alexandra Klünder. Doch gerade die aufwendigen Einzelstücke, ungewöhnlichen Materialien und künstlerisch anspruchsvollen Sonderanfertigungen haben eine Kehrseite: Sie erfordern viel Zeit und lassen sich nicht immer kostendeckend herstellen.
Brot und Pralinen
Wie schwierig es ist, die wirtschaftliche Seite des Handwerks mit dem künstlerischen Anspruch in Einklang zu bringen, weiß Christian Klünder aus jahrzehntelanger Erfahrung. Fünf Auszubildende und 80 Praktikant:innen hat Christian Klünder in 40 Jahren Selbstständigkeit betreut. Seine Lehre begann er 1969, seine Meisterprüfung legte er 1978 ab. Sein Arbeitsethos „Brot und Pralinen“ war im Westberlin der 70er und 80er Jahre – als es „allein in Moabit noch sechs Buchbindereien gab“ – leichter durchzuhalten. Mit „Brot“ aus der sicheren Bibliotheksarbeit und „Pralinen“ zum Vergnügen: ausgefallenere, künstlerisch anspruchsvolle Arbeiten mit großem Zeitaufwand und geringem Verdienst.
Heute sei das Geschäft dagegen schwierig, sagt Klünder: Es gebe kaum mehr günstige Werkräume, Bibliotheken wie Universitäten seien ins Digitale abgewandert und bei der Vergabe öffentlicher Restaurierungsaufträge wie für die Berliner Staatsbibliothek werde immer nach dem günstigsten und nicht nach dem besten Buchbinder geschaut, kritisiert Christian Klünder. Seit seine Tochter 2020 die Buchbinderei übernommen hat, hätten sechs Berliner Buchbindereien aus Alters- oder Insolvenzgründen ohne Nachfolge geschlossen.
Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten betreffen nicht nur einzelne Betriebe. Sie werfen auch die Frage auf, wer das Wissen um traditionelle Bindetechniken künftig weitergeben soll. Denn das Buchbinderhandwerk ist nicht nur ein Beruf, sondern auch ein Wissensbestand, der sich über Generationen entwickelt hat und dessen Erhalt auf qualifizierte Ausbildung angewiesen ist.
Für den Beruf brauche man Idealismus, sagt auch Ria Tiemeyer vom „Atelier Tiemeyer für Einbandkunst und Restaurierung“ in Charlottenburg-Wilmersdorf, wo sich die selbständige Buchbinderin nach wie vor energisch und engagiert für Handwerkerinnen-Nachwuchs einsetzt. Aber ihr Bestreben, in ihrem Atelier mit sechs Interessentinnen eine Meisterinnen-Ausbildung durchzuführen, wurde von der Handelskammer Berlin mit „kein Bedarf“ abgelehnt, erzählt sie.
Das Beutelbuch zum Beispiel
Die 68-Jährige ärgert der Schwund des Qualitätsmaßes: Das Buchbinderhandwerk sei „nationales immaterielles Kulturerbe“. Daher treffe die Handwerkskammer eine kurzsichtige Entscheidung, die sowohl die Möglichkeit zur Nachwuchssicherung als auch die Weitergabe und Bewahrung von Wissen gefährde.
Frauke Schröder, Buchbinderin
Was auf dem Spiel steht, lässt sich an Techniken ablesen, die heute nur noch wenige beherrschen. „Irgendwann werden die teils jahrhundertealten Binde- und Restaurierungstechniken und heute fast vergessene Buchformen von niemandem mehr beherrscht“, befürchtet auch Buchbinderin Frauke Schröder von der Friedenauer „BuchWerkstatt“ und führt das Beutelbuch als Beispiel an, ein kleines Buch, das man im Mittelalter gern in einem Beutel oder am Gürtel mit sich trug.
Die gebürtige Moabiterin hat das Kunsthandwerk Mitte der 80er Jahre bei Christian Klünder erlernt und bereits 1993 fachgerechte Buchbinderkurse für sozial benachteiligte Jugendliche an ihrer eigenen ehemaligen Schule, der „Menzel Oberschule“ im Hansaviertel, angeboten. 2004 weitete sie das Angebot in ihrer eigenen Werkstatt in fortlaufender Kursen auf Erwachsene aus. Die Weitergabe des Handwerks ist für sie damit nicht nur eine Frage der Ausbildung, sondern auch der praktischen Vermittlung und der Begegnung mit Menschen, die sich das Buchbinden neu erschließen wollen.
Auch Alexandra Klünder sieht die Zukunft des Handwerks unter schwierigen Vorzeichen. Sie könne längst nicht mehr alle Techniken, sagt sie. Ihre Vision von der Zukunft: Die zwei, drei Berliner Buchbindereien, die am Ende übrigbleiben werden, werden noch stärker zusammenarbeiten und „Wissen, Räume, Geräte und Materialien teilen“ müssen.
Softcover zu Buchcover
Dass eine solche Zusammenarbeit bereits heute möglich ist, zeigt Buchbinderin Theresa Ippen von „bausatzbuch“. Sie arbeitet gemeinsam mit einer Schneiderin, Goldschmiedin, Illustratorin und Kunstgrafikerin im Neuköllner Gemeinschaftsladen-„Atelier am Weichselplatz“. Dort gibt Ippen Workshops zu Leporello-, klassischem Buch mit Fadenheftung oder dem momentanen Renner Re-binding, bei dem altes Softcover zu neuem Hardcover verwandelt wird. So gibt sie ihre Begeisterung für das traditionsreiche Handwerk auch an eine jüngere Zielgruppe von „New Adult-Leser:innen mit Vorliebe für Farbschnitt“ weiter.
Wie viel Erfindungsgeist in dem alten Handwerk steckt, zeigt ein Buch, von dem Christian Klünder bis heute schwärmt: „Fischefangen“, ein zweisprachiges schwedisch-deutsches Fischrezeptebuch, das er gemeinsam mit der Illustratorin Julia Fabricius entworfen hat. Es ist auf 30 Exemplare limitiert – und mit Fischleder eingebunden. Eine jener „Pralinen“, die viel Zeit kosten und sich kaum rechnen. Altmodisch? Vielleicht. Aber in Zeiten, in denen selbst New-Adult-Leser:innen ihre zerfledderten Taschenbücher aufwerten möchten, könnte ein solches Buch genau den Nerv treffen: eines, das nicht wischt, sondern zum Blättern verführt – und dazu, sich Zeit zu lassen.
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