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Tour de FranceMehr als eine Frage des Rahmens

Bei der Frankreich-Rundfahrt kommt immer mehr Sporttechnologie zum Einsatz. Künstliche Intelligenz hilft, Training und Wettkampf zu steuern.

Aus Chambery

Tom Mustroph

Technik macht den Unterschied. Remco Evenepoel legte am Dienstag die 26,1 Kilometer des Zeitfahrens der Tour de France als Schnellster zurück. Dem Belgier half beim Rennen am Lac Léman, auch bekannt als Genfer See, sein neues Zeitfahrrad, das sich durch eine neue aerodynamische Frontpartie auszeichnet.

Sie ist sehr spitz dort, wo der Wind unmittelbar auftrifft, und länger nach hinten gezogen, um dort den Fahrtwind besser abzuleiten. Das Sitzrohr wiederum ist so geformt, dass noch weniger Luft als gewohnt zwischen ihm und dem Hinterrad zirkulieren kann. Auch das soll aerodynamische Vorteile bringen.

Evenepoel jedenfalls bedankte sich nach dem Sieg ausdrücklich bei den Specialized-Entwicklern für sein neues Arbeitsgerät. Er war auch der einzige, der das neue Modell fuhr. Sein Teamkollege Florian Lipowitz, der unglücklich ausschied nach einem Sturz beim Zeitfahren, war noch auf dem Vorgängermodell am Start. „Sie hatten noch keinen Rahmen in meiner Größe“, nannte der Schwabe vor dem Start als Grund.

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass ziemlich viel Anpassungsleistungen an ein neues Rad erbracht werden müssen. Möglicherweise hat bei Red Bull-Bora-hansgrohe die Furcht, man verursache durch revolutionäre Veränderungen eher Verschlechterungen, den Ausschlag für das traditionelle Material bei Lipowitz gegeben. Gleichwohl ist Evenepoel natürlich der bessere Zeitfahrer, wie WM-Titel und Olympiasieg beweisen.

Der Fahrer als Avatar?

Um die aerodynamisch beste Verbindung von Mensch und Maschine überhaupt herauszufinden, werden die klassischen Windkanaltests mittlerweile von Simulationen mit Hilfe von künstlicher Intelligenz ergänzt. Das spart Zeit – und die Entwickler kommen möglicherweise auf interessantere Ideen.

KI wird immer stärker auch bei der Analyse von Training und Wettkampf eingesetzt. Denn Profiradsportler produzieren unentwegt Daten. Ihre Radcomputer messen Geschwindigkeit, Krafteinsatz auf der Pedale und Herzfrequenz. Auch die GPS-Daten werden abgespeichert, so dass sich gezielt ablesen lässt, an welchen Teilen eines Anstiegs welche Kraft eingesetzt wurde, wie schnell der Einzelne war und bei welchem Herzschlag er diese Leistung produzierte. Weitere Sensoren messen Schlafparameter – und damit die Regeneration. Aber auch Körperkerntemperatur – wichtig, um Überhitzung zu vermeiden – und das Atemvolumen können gemessen werden.

Als wichtigsten Sensor in jüngster Zeit bezeichnete Mathieu Heijboer, Head Coach von Team Visma–Lease a Bike, den Tymewear-Sensor, der eben das Atemvolumen misst. „Das gibt uns einen noch besseren Eindruck darüber, in welchen Belastungszonen sich die Fahrer befinden, und wir können ihnen auch besser vermitteln, in welchen Zonen sie trainieren sollen“, sagte der Betreuer des zweifachen Toursiegers Jonas Vingegaard. „So erfolgt das Training effektiver.“

KI sei wichtig, weil das Management der immer größer werdenden Datenmengen so bedeutend sei. Es gelte, frühzeitig Muster zu erkennen und das Training entsprechend anzupassen, erklärt Dan Lorang, lange Jahre Head Coach bei Red Bull–Bora–hansgrohe und ab 1. August beim zweiten deutschen Rennstall, Lidl Trek, unter Vertrag. Lorang sieht die Branche auf dem Weg, eine Art „digitalen Zwilling“ der Sportler zu kreieren.

In den fließt dann hinein, was man an physiologischen Werten und Leistungsparametern der Fahrer kennt. Nimmt man dann noch die ebenfalls bekannten Werte über das Profil einer Etappe, einschließlich Temperaturen, Windrichtung und -geschwindigkeit, lassen sich komplette Etappen simulieren und daraus Pacing-Strategien für die einzelnen Fahrer eines Teams entwickeln. „Ich denke, in Zukunft werden wir aufgrund der Daten immer mehr Live-Analysen eines Rennens machen können und damit auch bessere Strategien entwickeln“, sagt Visma-Mann Heijboer.

Werden die Fahrer zu bloßen Avataren, die ferngesteuert von ihren Trainern und sportlichen Leitern zu Bestleistungen getrieben werden? „Ich möchte weiter das menschliche Element im Radsport beibehalten“, sagt John Wakefield, der aktuelle Headcoach von Red Bull–Bora–hansgrohe. „Ich möchte den Fahrer nicht als Roboter sehen, und Radsport ist auch kein Videospiel, in dem du einem Sportler sagst: ‚Trete mal hier 400 Watt.‘“ Andere befragte Experten sehen das ähnlich. Denn, wie Wakefield sagt, „der Fahrer kann einen schlechten Tag haben, an dem das gar nicht möglich ist. Ich möchte auch weiter, dass Instinkt und Gefühl für den eigenen Körper eine Rolle spielen.“

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