Tiere in der Großstadt: Der Schwarmintelligenz unterlegen
Wenn sich zwei Kranichschwärme neu sortieren, kann man so viel schauen und überlegen, wie man will: Man wird nicht begreifen, wie sie es machen.
Unglaublich, welch archaische, fast spirituelle Regung man angesichts eines Vogelschwarms entwickeln kann! Aber es sind ja auch nicht irgendwelche Vögel, die zweimal jährlich über unsere Siedlung ziehen, sondern eine riesige Kranichschar. Hunderte jener in Japan heiligen, weltweit Glück und Frieden symbolisierenden Vögel, die uns verlassen und wiederkommen, verlässlich wie Ebbe und Flut.
Noch jedenfalls. Denn der Klimawandel wartet nicht; das Verhalten vor allem der Kurzstreckenzieher – zu denen Kraniche zählen – verändert sich. Anders als Langstreckenzieher wie der Storch, die für den mühsamen Überflug der Sahara exakte Flugrouten im Genom haben und schwer auf den Klimawandel reagieren können, sind Kurzstreckenzieher flexibler. Sie variieren ihre Abflug- und Rückkehrzeiten, richten sie aktuell nach Temperatur und Nahrungsangebot auch an den Unterwegsrastplätzen.
Ist es falsch, eine Katze in der Großstadt zu halten, wieso geraten sogar Freunde über die Frage, wie man es mit Stadttauben hält, in Streit und ist ein böser Mensch, wer Nacktschnecken hasst? Diesen und anderen Fragen zum Verhältnis von Mensch und Stadtier spürt diese kleine Serie in loser Folge nach.
Mönchsgrasmücken haben sogar – als bislang einzige Vogelart – binnen weniger Generationen eine andere Flugrichtung gefunden und vererbt. Seit einigen Jahren ziehen sie nicht mehr gen Spanien, sondern ins nahe Südengland. Auch dort ist es winters inzwischen warm genug – wozu also unnötig weite Strecken fliegen. Andere Arten verlassen Europa in immer wärmeren Wintern inzwischen gar nicht mehr.
So weit sind die Kraniche noch nicht, fliegen sie doch – so jedenfalls unsere nachbarschaftliche Beobachtung – im immer gleichen Winkel über die Siedlung. Trotzdem sind wir immer wieder (freudig) überrascht, wenn wir, Efeu oder allerlei Gesträuch im Garten beschneidend, das Trompeten der Kraniche hören – erst vereinzelt, dann lauter und vielstimmiger.
Von hoch oben senden sie einen weithin hallenden, die Raum akustisch vermessenden Gruß. Alle hören ihn, die Nachbarn kommen aus ihren Häusern, wollen sich zusammen begeistern, das Unglaubliche teilen. Keiner kann diese Grandiosität allein verkraften; schon stehen wir bei Kaffee und Kuchen zusammen.
Die Kraniche schweben derweil in vertrauter Pfeilformation hoch über unseren Köpfen, die Starken vorn, die Schwächeren mittig und hinten, vom Aufwind der Vordervögel profitierend. By the way: Wer unter ihnen hat diese Sortierung eigentlich vorgenommen und beaufsichtigt? Wird da einer ausgeguckt oder gar gewählt im Kranichschwarm? Und wer managt – wenn nötig – den Zusammenschluss mehrerer Schwärme zu einem?
Genau das nämlich passierte an jenem denkwürdigen Frühlingstag über unserer Siedlung, als immer mehr Kraniche auftauchten, in endloser Reihung. Dann löste sich die Pfeilstruktur eines der Schwärme aus ihrer Geometrie, bekam Ausbeulungen, es kam zum Vogelaustausch an den Rändern.
Wir standen, staunten, schauten. Versuchten Methode und Ziel dieser Umstrukturierung zu verstehen und schafften es nicht. Wir, die Analytiker, die alles wissen, begreifen, bewerten, waren tatsächlich der Schwarmintelligenz dieser kleinen Tiere unterlegen! Deren Flugbahnen wirkten, als zeichne Gott persönlich etwas in den Himmel hinein.
Des Rätsels Lösung erfuhren wir nie
Wir warteten 30, 45 Minuten, hofften des Rätsels Lösung zu erfahren: die sauber sortierte Neuformation, in der dann geordnet gen Süden geflogen würde. Aber es sollte nicht sein: Die Vögel waren noch längst nicht fertig, als sie unseren Blicken entschwanden.
Und ein bisschen fühlten wir uns wie die Auguren – jene Priester und Beamten, die im alten Rom vor wichtigen Politentscheidungen neben der Eingeweide- auch eine Vogelschau anstellten, um den Willen der Götter zu ergründen. Dafür wurde der Himmel in Quadranten aufgeteilt, einige Vögel auf ihre Rufe, andere auf ihre Flugbahn hin beobachtet.
Anhand welcher Indizien sie die Zeichen deuteten, ist nicht überliefert, aber klar war: Das Wort der Auguren hatte Macht. Und wehe, wenn einer korrupt war und die Zeichen nach seinem oder seines Auftraggebers Gusto deutete! Obwohl, wie hätte man das nachweisen wollen? Kein Wunder, dass ihre Entscheidungen gelegentlich der Willkür bezichtigt und gerichtlich angefochten wurden.
Und auch wenn uns das alles fern und heidnisch vorkommt: Den Impuls, den Vogelflug wenigstens in seiner inneren Struktur zu begreifen, spürten auch wir, als wir den konzentriert arbeitenden Kranichen zusahen. In diesem so poetischen wie philosophischen Moment, als die Vögel ihr Geheimnis, ihren kulturellen Code offenbarten und zugleich wahrten. Die uns zugleich einen Moment der Ehrfurcht und Ästhetik bescherten. Der uns weit vom Alltag entfernte und sich tief ins Gedächtnis grub. Gerade, weil er so vergänglich war.
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