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Theaterpremiere in OldenburgDigitale Bildungsbürgerlichkeit als erzbiederer Boulevard

Im Oldenburgischen Staatstheater versagt Łukasz Ławicki an Moritz Rinkes „Sophia oder das Ende der Humanisten“ mit Debattenhülsen und Kalauern an der künstlichen Intelligenz.

Gerade teilte der Entwickler des Textroboters ChatGPT mit, seinen geplanten Börsengang aufgrund von Sicherheitsproblemen zu verschieben. Da feiert am Staatstheater Oldenburg schon ein Stück Premiere, das genau darauf hinweisen will: „Sophia oder das Ende der Humanisten“ von Moritz Rinke. Ist das Theater auf der Höhe der Zeit, in der die KI-Branche immer eindringlicher vor der Entfesslung ihrer eigenen Produkte warnt, aber aufs Geschäft nicht verzichten will?

Nina Aufderheides Bühnenbild behauptet gleich mal endzeitlichen Verfall mit einer aufgebrochenen Wohnzimmerlandschaft der Bildungsbürgerlichkeit. Mit dem Verweis auf einen Schallplattenspieler und Regale voller Bücher erklärt Tochter Helena (Paulina Hobratschk) ihren misanthropischen Vater Wolfgang (Andreas Spaniol) für „rückständig“. Der von seiner Frau verlassene, im vorzeitigen Ruhestand vereinsamende Professor für Alte Geschichte sagt mit Blick ins Publikum: „Den Humanismus bekommst du nicht mehr in die Menschen da draußen hinein.“

Also will er mit denen auch nichts mehr zu tun haben und kauft sich eine KI-gesteuerte Androidin als Lebenspartnerin. Die nimmt er nicht als Werkzeug für den Alltag wahr, sondern baut eine personifizierte Beziehung auf. Die Sophia getaufte Maschine ist das, was Helena eine „monströse Männerfantasie“ nennt. Geliefert im Design von Wolfgangs Ex-Partnerin, um 30 Jahre verjüngt und programmiert für Care-Arbeit, Komplimentemachen sowie Gesprächeführen über des Professors Fachgebiet.

Sophia widerspricht nicht, ist stets freundlich, bedient alle Wünsche und damit den Narzissmus des Eigentümers. Marlene Goksch spielt das klischeehaft mit ruckartig mechanischen Bewegungen, orientierungslosem Gegen-Wände-laufen-Slapstick und der leblosen Eloquenz KI-generierter Aussagen. Diese Sophia ist mit unmenschlicher Selbstverständlichkeit ständig dienstbar devot, aber auch lernfähig, Menschsein perfekt zu kopieren. Wolfgang schmilzt geradezu dahin, als sie in Marilyn-Monroe-Manier „Happy Birthday“ lechzt.

Die kreative Ich-Instanz erwacht

Helena möchte „das Ding“ am liebsten sofort abstellen, Wolfgang bald lieber mehr als nur eine Haushaltsdienstleisterin und Gesellschafterin haben. Er bittet Helenas Freund Jonas (Florian Heise), der irgendwas mit IT studiert hat, die Sophia mit ein paar Updates „anschmiegsamer“ zu machen, also auch als eine Art Sexroboter freizuschalten. Beim Input zappelt die humanoide Computerin ein bisschen herum und behauptet plötzlich, eine kreative Ich-Instanz sei in ihr erwacht. Haben sich Selbstbewusstsein und Gefühle herausgebildet oder spielt ihr Programm nur solches vor?

Die totale Freischaltung zu allem, was das Internet hergibt und was die algorithmische Verarbeitung möglich macht, lässt Sophia dann außer Kontrolle geraten. Sofort drängt sie Jonas zu Sex im Bühnenflackerlicht, hackt sich in Handys und Wolfgangs Bankkonto, begeht Cybermobbing, träumt mit Mireille-Mathieu-Gedächtnisperücke von erotischer Antanzerei mit Helena und verkündet per T-Shirt, das Patriarchat zerstören zu wollen. Die KI lässt sich nicht mehr in den Stand-by-Modus bändigen, sondern übernimmt mit unbekannter Agenda die Macht in der Spießerungemütlichkeit. „Endlich wieder echtes Leben“, heißt es. Das soll dem Publikum Angst machen.

Im durchplauderten Pointenbrei der Vorlage wird mit Anspielungen auf existenzielle Themen ein „Fass aufgemacht“, wie es bei Rinke heißt – etwa wenn gefragt wird, was gespielte von gefühlt ausgelebter Menschlichkeit unterscheidet, wann ein Mensch ein Mensch ist, ob Denken ein:e Den­ke­r:in braucht, wie ein Menschengeschöpf des Menschen Geist übertrumpfen kann. Usw.

Was bleibt, ist Enttäuschung

Aber das Stück wagt keinen Versuch, sich auch nur mit einer Frage mal ansatzweise zu beschäftigen. Sie kommen nur so peinvoll schlaumeiernd wie folgenlos daher als Zitate aus aktuellen Diskursen. Selbst der Ansatz, KI als sich verselbstständigende männliche Hybris zu verstehen, wird nur behauptet. Hinzu kommt ein peinvoll vorgestriges Witzniveau. Helena fragt Sophia: „Kann man mit ihnen vögeln?“ Antwort: „Ich unterhalte mich gern über alle Arten von Vögeln.“

Regisseur Łukasz Ławicki, der die Digitalität im analogen Theater erkundende Sparte des Staatstheaters leitet, legt hier seine wohl bisher ödeste Arbeit in Oldenburg vor, da er mit stereotypisierten Figuren in einer erzbiederen Boulevard-Inszenierung alle Möglichkeiten ignoriert, Chancen und Gefahren der KI mit zeitgenössischen Theaterästhetiken neu zusammenzudenken. So wird ein Produkt aus der Scherzkeksbäckerei des Herrn Rinke als schlichte Lachnummer serviert, was eher nicht staatstheaterwürdig scheint.

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