piwik no script img

Rücktritt wegen Tennis-Affäre?Das Laschet-Moment des Kai Wegner

Timm Kühn

Kommentar von

Timm Kühn

Während des Blackouts hatte Wegner nur einen Job: Unterstützung signalisieren. Dass er lieber Tennis spielt, ist abgehoben – und demokratieschädlich.

Hatte während des Blackouts noch Netz: Bürgermeister Kai Wegner Foto: Emmanuele Contini/imago

K ai Wegner hätte während des größten Stromausfalls in der Berliner Nachkriegsgeschichte im Grunde nur einen Job: da zu sein. Die tatsächliche Hilfe wird in solchen Fällen ohnehin überwiegend von Tausenden Freiwilligen und professionellen Rettungsdiensten geleistet. Der Regierende Bürgermeister muss nur die nötigen Stellen informieren – und dann vor allem durch Präsenz Vertrauen herstellen. Er muss zeigen, dass der Staat sich kümmert und die Not sieht.

Kai Wegner vor einer Wand, auf der "Berlin" steht
Foto: Michael Ukas/dpa
Pro & Contra zu Wegners Tennis

Soll Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner wegen seiner Tennisstunde während des großen Stromausfalls zurücktreten? Ja, sagt Timm Kühn, weil Wegners Verhalten der Demokratie schade. Nein, sagt Uta Schleiermacher, weil auch Po­li­ti­ke­r:in­nen mal eine Auszeit brauchen.

Doch schon diese Minimalanforderungen seiner Position hat Wegner verweigert. Statt vor Ort aufzutauchen, entschied er sich am Tag des Blackouts, eine Runde Tennis spielen zu gehen – gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin, der Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU). Und als Fragen aufkamen, wo der Regierende denn sei, täuschte er die Öffentlichkeit. Er habe den „ganzen Tag am Telefon“ gehangen und sich „in seinem Büro eingeschlossen“, behauptete Wegner noch am Sonntag auf einer Pressekonferenz.

Damit hat Wegner das Vertrauen in das Amt des Regierenden Bürgermeisters nachhaltig beschädigt. Er sollte zurücktreten.

Man erinnert sich unweigerlich an Armin Laschet, der sich während der – wesentlich schlimmeren – Flutkatastrophe im Ahrtal das Lachen nicht verkneifen konnte. Oder an Anne Spiegel, die als rheinland-pfälzische Umweltministerin erst mal in den Urlaub gefahren ist. Beide mussten schließlich – zu Recht – ihren Posten räumen. Denn in Situationen, in denen staatliche Versorgungssysteme wegbrechen, ist Kommunikation keine Lappalie, sondern eine Form staatspolitischer Verantwortung.

Rücktrittsdebatte nach dem Stromausfall

Die Berliner CDU-Fraktion hat sich in der Debatte um das Agieren des Regierenden Bürgermeisters im längsten Stromausfall der Nachkriegsgeschichte hinter Kai Wegner gestellt. Das meldete die dpa nach der digitalen Schalte am Morgen von mehreren Teilnehmern. Demnach gab es sehr viel Unterstützung für Wegners Krisenmanagement und auch keine Kritik an seinem einstündigen Tennismatch am Samstag – wenige Stunden nach Beginn des Blackouts. Mehrere Abgeordnete betonten, dass die Stromkrise nun aufgearbeitet und daraus die notwendigen Lehren gezogen werden müssten. „Das ist unser Fokus und nicht ein Tennisspiel.“ Wegner äußerte demnach gegenüber der Fraktion, dass er rückblickend die Öffentlichkeit besser bereits am Wochenende über seine sportliche Pause informiert hätte.

Wegner hatte am Mittwoch eingeräumt, dass er am vergangenen Samstag wenige Stunden nach Beginn des Blackouts Tennis gespielt hatte. Gleichzeitig machten sich 100.000 Betroffene im Berliner Südwesten ohne Strom und Heizung, Internet und Handy-Empfang mitten im Winter große Sorgen. Vor Ort wurden eilig Notunterkünfte aufgebaut und andere Hilfe organisiert. Wegner spielte zusammen mit seiner Lebensgefährtin, Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU), um – wie er es formulierte – den Kopf freizubekommen. Zuvor hatten RBB, Tagesspiegel und der Focus darüber berichtet.

Politiker anderer Parteien übten harsche Kritik an Wegner – auch vom Koalitionspartner SPD. Vertreter von AfD und FDP forderten Wegners Rücktritt. Die Gewerkschaft der Polizei sprang Wegner hingegen bei. „Immerhin Kai Wegner hatte am Samstag Netz“, schrieb währenddessen die Grünen-Politikerin Ricarda Lang auf der Plattform X. (dpa)

Katastrophales Krisenmanagement

Wer nun argumentiert, auch Po­li­ti­ke­r:in­nen hätten ein Recht auf Pause, verkennt die Tragweite der Tennis-Affäre. Denn Tennisspielen ist nicht einfach eine Runde Spazierengehen. Tennis kommt gleich nach Golf – es ist ein Sport mit deutlicher Eliten-Konnotation. Auf die Idee zu kommen, dass dies während einer Krise der richtige Stressausgleich ist, beweist die Weltfremdheit und Abgehobenheit von Wegner, der sich so gern als bürgernah inszeniert. Dass er auch noch glaubte, alles verheimlichen zu können, zeigt, für wie selbstverständlich er sein Amt hält.

Auf die Idee zu kommen, während einer Krise Tennis zu spielen, beweist die Abgehobenheit von Wegner

Es ist kein Wunder, dass in den sozialen Medien längst die rechte Empörungsmaschinerie in Gang gekommen ist. Die berechtigte Kritik an Wegner wird dabei mit rassistischer Hetze vermischt. Die CDU hätte die Möglichkeit, dieser Vergiftung etwas entgegenzusetzen – indem sie ihren Regierenden zur Verantwortung zieht. Stattdessen aber stellt sich die CDU-Fraktion schützend vor Wegner. Und Justizsenatorin Felor Badenberg (CDU) heizt die Dynamik sogar noch mit an, indem sie pauschal mehr Repressionen gegen „die Antifa“ fordert.

Die Tennis-Affäre Wegners steht damit sinnbildlich für das desolate Bild, das der Senat beim Katastrophenmanagement insgesamt abgeliefert hat. Wenn es der CDU gelingt, einen Rücktritt ihres Regierenden zu verhindern, macht sie deshalb immerhin eines klar: Wenn die Ber­li­ne­r:in­nen das konservative Wahlversprechen von „Sicherheit“ eingelöst sehen wollen, müssen sie Wegner abwählen.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Timm Kühn
Redakteur
Chef vom Dienst bei der taz Berlin. Schreibt für die taz über soziale Bewegungen und mehr.
Mehr zum Thema

3 Kommentare

 / 
  • Wie wäre die Einschätzung des Ganzen gewesen, wenn Wegner statt Tennis zu spielen eine Stunde Yoga gemacht hätte? Oder Bouldern gegangen wäre? Oder irgendeine andere Trendsportart gemacht hätte? Herr Kühn spricht den irrationalen Moment der Bewertung ja sogar selbst an!

    Was man Wegner vorwerfen kann/muss: Diode versuchte Vertuschung.

    Alles andere ist hysterischer Zirkus, wie mittlerweile üblich als „Demokratierettung“ verbrämt. Solche Reflexe erwarte ich im medialen und auf dem tatsächlichen Boulevard - als Bewertungsmaßstab konnte man aber mal mehr erwarten in der taz.

  • Noch so ein lascher Moment eines „demokratieschädlichen“, politischen Kommentars. Der Autor tut so, als hinge das Management einer begrenzten Krise an der Aufmerksamkeit eines einzigen Manne, als hätte der ganze beauftragte Apparat aus Behörden, Einsatzkräften und Unternehmen keine Fähigkeiten zur Selbststeuerung. Was haben SpitzenpolitikerInnen, die zugleich die Spitze der Beamtenschaft der Republik stellen und einen 24/7-Dienst leisten sollen, mit Demokratie zu tun? Was ist demokratisch daran, sich an irgendeine Spitze zu stellen und das Heft des Handelns für sich zu reklamieren? Da wird einem Führungskult das Wort geredet, der nun gar nichts mit Demokratie zu tun hat. In einer Demokratie wie in der real-existierenden Republik ist der staatlich beauftrage Apparat dafür da, einen „Normalzustand“ wiederherzustellen. Den demokratischen Unterschied macht die Art und Weise, wie ein solcher “Normalzustand“ und die Zuständigkeit dafür bestimmt wurde. Während die elitäre Republik Führung liebt und verlangt, organisert Demokratie Mitbestimmung bei den poltischen Entscheidungen, die eine Gesellschaft gestalten sollen.

    • @DemokratischeZelleEins:

      Wer nicht erkennt, wo er in einer solchen Lage zu sein hat, braucht eigentlich nicht weiter zu machen…