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TechnikforschungWas humanoide Roboter heute können

Tech-Konzerne pumpen Milliarden in humanoide Roboter, Fachleute erwarten eine große Zukunft. Doch erst müssen sie lernen, Unterhosen zu falten.

Während seines Chinabesuchs im Februar 2026 wurden Bundeskanzler Friedrich Merz diese zwei boxenden Roboter gezeigt Foto: Michael Kappeler/dpa

Kaum ein Science-Fiction-Film kommt ohne humanoide Roboter aus. Die Realität war dagegen lange ernüchternd. Roboter auf zwei Beinen stolperten selbst über kleinste Treppenstufen, bewegten sich mit Trippelschritten in Richtung Zukunft. Doch die Fehlbarkeit der Maschinen soll nun ein Ende haben. Glaubt man den Prognosen der Tech-Branche, sind Roboter auf dem Vormarsch und diesmal mit sicherem Schritt.

Ende letzten Jahres stellte die Managementberatung Horváth eine Studie zur Zukunft humanoider Roboter vor. Ihre Prognose: Bis 2030 könnten allein in den Robotik-Spitzenreitern China und USA über eine Million menschenähnlicher Maschinen im Einsatz sein. Als erste Einsatzgebiete sehen die Au­to­r:in­nen vor allem Logistik und industrielle Fertigung.

Roboter für diesen Einsatz werden auch im sogenannten RoboGym in München trainiert. Die neue Forschungseinrichtung ist eine Kooperation zwischen der Technischen Universität und dem Roboterhersteller NEURA Robotics. Im zugehörigen Imagefilm sind Roboter des Typs 4NE-1 zu sehen, die an einzelnen Stationen stehen und einfache Handgriffe üben, Kartons stapeln oder eine weinrote Unterhose falten.

Menschen steuern sie per Teleoperation, etwa mit Brille und Datenhandschuhen. Die dabei entstehenden Bewegungsabläufe werden genau aufgezeichnet und die entstandenen Daten verarbeitet. „Für uns Menschen sind viele dieser Handgriffe ein Leichtes, Roboter müssen sie erst lernen. Genau dafür brauchen wir möglichst viele Daten für Bewegungen und Interaktionen“, erklärt Lorenzo Masia, Direktor des am RoboGym beteiligten Munich Institute of Robotics and Machine Intelligence.

Mit den Daten werden die Roboter für spätere Aufgaben trainiert. Zum Beispiel sollen sie aus möglichst vielen Bewegungen ein Muster erkennen und ähnliche Handlungen ableiten. Ein Roboter lernt beispielsweise, mittelgroße Kartons zu falten, und überträgt sein Wissen dann auf kleine oder sehr große Pakete.

Onlinehändler experimentieren mit Robotik

Als ein mögliches Anwendungsgebiet sieht Masia die Logistik. Pakete falten, Waren verpacken und versenden, bisher übernehmen das vor allem Menschen im Niedriglohnsektor. Nicht umsonst experimentieren Onlinehändler wie Amazon im großen Stil mit humanoiden Robotern.

Für einen Jobkiller hält der Münchner Robotikexperte die Bestrebungen allerdings nicht. Viele dieser Jobs seien mühselig und eintönig. Passende Arbeitskräfte dafür zu finden, werde zunehmend schwerer. Dazu kommt der demografische Wandel mit immer älteren Arbeitnehmenden, die entweder bald in Rente gehen oder schwere körperliche Arbeiten nicht mehr leisten können.

Die Horváth-Studie geht noch weiter. Großmundig versprechen ihre Au­to­r:in­nen einen starken Produktivitätsschub. Entsprechend trainierte Roboter könnten 3,6-mal so effizient wie Menschen arbeiten und das bei doppelter Qualität. Dazu entfallen Pausen, Arbeitszeitgrenzen und andere menschliche Unzulänglichkeiten.

Roboter arbeiten 20 Stunden pro Tag, sieben Tage die Woche, ohne Gewerkschaft, ohne Murren. Und die Robosklaverei lohnt sich: Bis 2050 soll der Markt für humanoide Roboter einen Wert von einer Billion Dollar erreichen, mit jährlichen Wachstumsraten von 30 Prozent.

Humanoide Roboter müssen Flexibilität lernen

Von einem Schweizer Taschenmesser gegen lästige Aufgaben aller Art sind die Humanoiden im RoboGym allerdings noch stapelweise gefaltete Unterhosen entfernt. Wäsche zusammenzulegen sieht trivial aus, ist für einen Roboter heute aber alles andere als simpel. Eine Unterhose oder ein Pappkarton sind nicht immer gleich, die Wäsche liegt nie exakt an derselben Stelle, der Druck beim Greifen variiert.

Wir Menschen stellen uns auf kleine Abweichungen ganz selbstverständlich ein. Roboter müssen diese Flexibilität erst noch lernen, im ersten Schritt für ganz bestimmte Aufgaben. Ein Logistikroboter lernt, Kartons zu falten und Waren zu packen, vielleicht noch schwere Pakete zur Auslieferung zu transportieren, alles angepasst an das Logistiklager mit festen Wegen und strengen Regeln.

Der Schritt hinaus in die weite Welt ist dagegen noch eine vage Zukunftsvision. Auf der Straße oder im Supermarkt bewegen wir uns chaotisch und unvorhersehbar, durch das Wohnzimmer toben Kinder, Katzen und Hunde. Einen 80 Kilogramm schweren Roboter durch dieses Gewusel zu bewegen, erfordert immense Sensorik.

Unter Fachleuten nicht unumstritten

Aufwand und Kosten stünden derzeit noch in keinem Verhältnis zum Nutzen. „Ich brauche keinen Roboter, der durch meine Wohnung läuft“, sagt auch Masia. Hilfreicher sei da schon eine Waschmaschine, die nicht nur trocknet, sondern auch Wäsche faltet oder ein Herd, der das lästige Gemüseschnippeln übernimmt.

Tatsächlich sind humanoide Roboter auch unter Fachleuten nicht ganz unumstritten. In einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung IPA sahen rund 60 Prozent der über 100 befragten Fachleute Beine im Kontext Produktion und Logistik als nicht notwendig an.

„Der Hauptvorteil der zwei Beine liegt darin, dass unsere gesamte Infrastruktur für Menschen konzipiert wurde. Treppen, enge Gänge, Türen und Arbeitshöhen sind auf den menschlichen Körperbau abgestimmt“, sagt Simon Schmidt, Geschäftsbereichsleiter am Fraunhofer IPA und Mitautor des Whitepapers „Humanoid Capabilities Navigator“.

Der Hauptvorteil der zwei Beine liegt darin, dass unsere gesamte Infrastruktur für Menschen konzipiert wurde

Simon Schmidt, Fraunhofer-Institut

Gleichzeitig sei diese Fortbewegung aus technischer Sicht oft nicht optimal. Viele industrielle Aufgaben ließen sich mit stationären oder radgetriebenen Robotern effizienter lösen. Zweibeinige Systeme seien energetisch deutlich schlechter und technisch anfälliger.

Investorenkapitel fließt in den Sektor

Noch bis vor wenigen Jahren galten humanoide Roboter genau deshalb eher als Nischenprodukt. Nun ist von einem „ChatGPT-Moment für humanoide Roboter“ die Rede. Fortschritte bei künstlicher Intelligenz, Deep Learning und simulationsgestütztem Lernen haben die Bewegungssteuerung verbessert und die Autonomie solcher Systeme erhöht.

Außerdem fließe massives Investorenkapital in den Sektor, so Schmidt – was die Entwicklung weiter beschleunige, unabhängig davon, ob die Technik schon hält, was sie verspricht. Ein Beispiel dafür ist die Gangsicherheit, deren wachsende Zuverlässigkeit in Werbevideos von Boston Dynamics und Co. gerne demonstriert wird – wahlweise per Marathon-Teilnahme oder Kung-Fu-Tritten.

Abseits der Shows erfordert sie kontinuierliche Regelungsprozesse; dank besserer KI-Modelle und leichterer Bauweise ist das reine Eigengewicht der Roboter inzwischen gut beherrschbar. Auch das Tragen von Lasten klappt mit etwas Training bereits ganz gut. Eine größere Herausforderung bleibt dagegen ein kurzfristiger Systemausfall.

Ein stationärer Roboter stoppt einfach seine Bewegungen, genauso einer auf Rädern. Für zweibeinige Systeme gibt es bisher keinen sicheren Ruhezustand – ein kontrolliertes In-sich-Zusammenfallen ist technisch kaum realisierbar. „Ein umkippender Roboter sorgt im Zweifel für den Stopp der Produktion oder auf der Straße sogar für Verletzungen bei Menschen“, sagt Masia.

Auch die Finger und Hände sind wichtig

Mindestens genauso wichtig wie Beine und Balance sind auf dem Weg zu nützlichen Robo-Helfern die mechanischen Hände und Finger. Hinter dem menschlichen Vorbild steckt ein hochkomplexes System. Mühelos können wir greifen, drücken, tasten, drehen, unterscheiden und fein dosieren.

Dazu kommt die Haut als empfindlicher Sensor, der Temperatur, Struktur und Druck innerhalb von Millisekunden erfasst und den Griff entsprechend anpasst. „Genau diese Kombination aus Motorik und Wahrnehmung lässt sich mit einem künstlichen System bisher kaum nachahmen“, sagt Masia. Aus seiner Sicht sind die Hände derzeit der größte Flaschenhals auf dem Weg zu feineren Arbeiten als dem Falten von Kartons oder dem Tragen von Lasten.

Trotz dieser Euphoriebremsung bleibt der Hype groß, auch weil das Äußere der Maschinen Erwartungen weckt, die die Technik noch lange nicht erfüllen kann. „Menschen sehen einen Roboter, der aufrecht geht, Arme hat und vielleicht sogar einen Kopf, und schließen daraus schnell auf Fähigkeiten, die weit über das tatsächliche Leistungsvermögen hinausgehen“, erklärt Schmidt.

Bei klassischen Industrierobotern, oft kaum mehr als ein Arm, oder den fahrenden Tabletts aus dem Restaurant gibt es diese überhöhten Erwartungen nicht. Sie gelten als nützliche, etwas einfältige Helferlein. Humanoide Roboter dagegen sehen aus wie wir. Genau das könnte ihnen mittelfristig noch zum Verhängnis werden, nicht weil sie zu wenig versprechen, sondern weil sie mehr zu sein scheinen als ein Unterhosenfalter.

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