Tatort „Letzte Ernte“: Erschwertes Comeback mit Linienbus und Gefrierbeuteln
Charlotte Lindholm ist zurück – ohne Wagen, ohne Team, aber entschlossen. Der „Tatort“ aus dem Alten Land kommt mit Glyphosat-Streit und Dorfdrama.
Wenn die Hauptkommissarin mit dem Provinzbus zum Tatort fährt, ins Kaff im Alten Land, ist irgendetwas schiefgelaufen. Die Frau, die da im Bus sitzt und rausschaut auf die Apfelplantagen, als sei ihr alles fremd, ist Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler). Und ja, in der Tat: huch?! Lindholm ist wirklich noch da, noch nicht aus dem „Tatort“-Kosmos ausgestiegen, obwohl ihr letzter Fall in Göttingen nun knapp zwei Jahre zurückliegt. Jetzt also wieder in ihrem eigentlichen Job beim LKA Hannover, wohin sie vor fünf Jahren strafversetzungsmäßig gegangen wurde.
Egal, dass sie dort seit fast 25 Jahren für den „Tatort“ arbeitet: Irgendwie scheint niemand mit ihr gerechnet zu haben. Kein Dienstwagen in Sicht, kein Büro, kein Team, außer einer jungen Kollegin, mit der sie ab und an telefoniert. Dass sie sich in den Bus setzt, ist daher erst mal ein Fall von „Sonst nix zu tun“ – offiziell ist der Fall als Unfall deklariert, nicht als Mord: Ein rumänischer Aushilfsbauer lag tot unter einer Landmaschine, sein Kopf unauffindbar, angeblich vom Fuchs geholt.
Wie abgehängt sie intern ist, dämmert ihr spätestens, als sie nach 20 Minuten Film, nach der Tatortbesichtigung auf dem Hof, in der Dienststelle anruft, um durchzugeben: „Ich brauch ’ne Hundestaffel und das gesamte KTI-Besteck“ – und daraus dann nichts wird.
Lindholm improvisiert stattdessen. Sie mietet sich in die Ferienwohnung auf dem Tatort-Bauernhof ein, organisiert sich vom Bauern eine Rolle Gefrierbeutel für ihre eigenhändige Spurensicherung, überzeugt den überforderten Dorfpolizisten (Ole Fischer) davon, dass das Ganze kein Unfall war. Der ist eng in den Alltag der Gemeinde eingewoben, macht eher widerwillig mit: „Morgen ist Samstag, da will ich Estrich gießen!“
Ziemlich elegant eröffnet das Buch von Benedikt Röskau, Stefan Dähnert und Johannes Naber, dass es um mehr gehen könnte als um schnöde Zwischenmenschlichkeit. Sie platzieren die Story über den toten Rumänen an einem Ort, an dem sich zwei Gruppen bekämpfen: hier jene, die ihre Äpfel mit Pflanzenschutzgift spritzen; dort jene, die das kategorisch ablehnen, nebenher Bienen züchten. Aber alle kämpfen sie ums Überleben.
Der Ermordete arbeitete auf dem Hof der Feldhusens. Deren Altbäuerin (wie immer phänomenal: Lina Wendel) filmt stoisch „die Glyphosat-Mafia“ im Dorf – bis die den Dorfpolizisten schicken, um ihr zu sagen, dass sie es endlich lassen soll. Daheim hat Feldhusen es nicht leichter – Sohn und Schwiegertochter haben keinen Bock mehr, sich um alles zu kümmern, erst recht nicht um den Altbauern, ein Pflegefall.
Ein Kammerstück im Stall
Und mittendrin Lindholm. Nach Jahrzehnten Furtwängler wieder in dieser Rolle zu sehen: Es ist eine große Freude, wie sich diese Figur von nichts kirre machen lässt, stoisch ihr Ding durchzieht, ihre Ironie geschnitzt aus norddeutschem Minimalismus.
Das Improvisierte dieses Wiedereinstiegs zieht sich durch bis zum Schluss. Regisseur Sebastian Naber (man mag sich an „Zeit der Kannibalen“ von 2016 erinnern) lenkt die Story zu auf ein Kammerstück im Stall: Alle Verdächtigen versammelt, Lindholm dröselt den Fall Faser für Faser auf vor diesem Publikum, stark Agatha-Christie-verdächtig, klar. Man habe diese 17 Minuten lange Szene an einem Stück gedreht, erzählt Naber im Presseheft. Das ist bemerkenswert. In diesem Sinne: Willkommen zurück, KHK Lindholm.
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