Tagebuch aus der Ukraine: Geschichten von der Rettung der Fledermäuse
Zu den Kriegsfolgen in der Ukraine gehört, dass sich Tausende Fledermäuse in leerstehenden Gebäuden einnisten. Etliche Gruppen kümmern sich um sie.
Foto: Nature Picture Library/imago
E s gibt Menschen, für die wäre das ein Grund zur Panik: Jüngst hatte eine Frau, die nach längerer Abwesenheit nach Kyjiw zurückkehrte, in ihrer Wohnung 381 Fledermäuse entdeckt. Sie hatte die Fenster offen gelassen, und die Tiere waren so in ihre Wohnung gelangt. Tierschützer:innen wurden sofort aktiv. 347 noch lebende Fledermäuse sammelten sie in der Wohnung ein, 9 weitere Tiere fanden sie tot auf.
In einer anderen Wohnung in Charkiw, deren Bewohner:innen wegen des Krieges die Stadt verlassen hatten, wurden 120 Fledermäuse entdeckt. Dort waren 46 bereits verendet, die übrigen konnten gerettet werden.
In Charkiw ist das kein neues Phänomen. Schon im März 2026 hatten Fachleute in einem Haus mehr als 900 Fledermäuse gefunden, die den Hohlraum hinter der Balkonverkleidung mehrere Jahre lang als Winterquartier genutzt hatten.
Umweltschützer weisen darauf hin, dass Urbanisierung und die Zerstörung natürlicher Lebensräume Fledermäuse dazu zwingen, sich in die Nähe von Menschen zu begeben und sich ihnen anzupassen. Verschärft wird die Situation durch den Krieg: Häuser, die wegen Beschuss oder Evakuierungen leer stehen, werden zu idealen Ersatzhöhlen für Fledermauskolonien, die Dunkelheit, Ruhe und Schutz vor Kälte suchen.
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In der Ukraine gibt es 28 Fledermausarten
Alle 28 in der Ukraine vorkommenden Fledermausarten stehen unter Schutz und sind im Roten Buch der Ukraine verzeichnet. Dabei leisten diese kleinen nachtaktiven Säugetiere eine enorme Arbeit, die wir kaum wahrnehmen: Sie vernichten Insekten und tragen dazu bei, das natürliche Gleichgewicht zu erhalten.
Für ihre Rettung ist das Ukrainische Zentrum für die Rehabilitation von Fledermäusen, Bats Ukraine, zuständig. Das Zentrum arbeitet seit 2013 und hat seither in 218 Orten des Landes bereits mehr als 34.000 Fledermäuse gerettet.
Meldungen über gefundene Tiere erreichen das Zentrum über soziale Netzwerke, über freiwillige Helfer:innen oder über eine spezielle Hotline. Jede Fledermaus wird untersucht, Art, Geschlecht und Alter werden bestimmt, und das Tier wird gewogen. Bei Bedarf erhält es Wasser und Futter.
Ein Fest zu Befreiung der Fledermäuse in Odessa
In meiner Heimatstadt Odessa nahm eine Mitarbeiterin des Zentrums im vergangenen Winter 28 Fledermäuse, die Bewohner in Hauseingängen und Wohnungen gefunden hatten, vorübergehend bei sich auf. Im Frühjahr 2026 wurden in einem Park in Odessa 27 gesund gepflegte Tiere wieder in die Freiheit entlassen.
Zu dem Ereignis der Freilassung kamen mehrere Hundert Menschen. Zunächst hält man eine Fledermaus vorsichtig in den Händen. Sie ist klein, leicht und hat überhaupt nichts mit dem furchteinflößenden Wesen gemein, das die menschliche Fantasie aus ihr gemacht hat. Dann kommt der Moment, in dem sich die Hände öffnen. Und sie fliegt davon. Eine nach der anderen. In den Abendhimmel über Odessa.
Vielleicht liegt genau darin das große Paradox: Der Krieg zwingt Menschen, ihre Häuser zu verlassen – während andere Lebewesen gerade in diesen verlassenen Häusern Zuflucht finden.
Tatjana Milimko ist Chefredakteurin des ukrainischen Onlinenachrichtenportals USI.online und Alumna der taz panterstiftung (Workshops für Journalist:innen aus Osteuropa)
Aus dem Russischen von Tigran Petrosyan.
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