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Tagebuch aus ArmenienDie fehlende Trauer um Aishat Baimuradova

In einer Totenhalle in Jerewan liegt die Leiche einer 23-jährigen Frau aus Tschetschenien. Sie war geflohen und wurde ermordet. Nun wird sie beerdigt.

Für Aishat Baimuradova ist dies kein Ort des Gedenkens: Friedhof in Jerewan Foto: Imago/Middle East Images

D utzende kleine Kühlfächer gibt es in der Leichenhalle von Jerewan. Nur offizielle Ermittler haben die Erlaubnis, die eiserne Tür zu öffnen und hineinzugehen. Um die Toten, die an diesem Ort der armenischen Hauptstadt liegen, weint niemand. Kein Trauernder hat je ihren Namen laut ausgesprochen.

In einem dieser Fächer liegt die Leiche von Aishat Baimuradova aus Tschetschenien. Mehr als drei Monate sind seit dem brutalen Mord an der 23-jährigen Frau in Jerewan vergangen. Aishats Leiche befindet sich weiterhin in der Totenhalle, und die armenischen Strafverfolgungsbehörden lassen ihre Beerdigung nicht zu.

Nach dem Mord und dem Fund der Leiche hatten armenische Behörden Anfragen nach Tschetschenien geschickt, um die Familie der ermordeten Aishat Baimuradova ausfindig zu machen und ihre Leiche zu übergeben. Aber die Fragen blieben unbeantwortet. Niemand will Aishat.

Aishat Baimuradova war mit Hilfe des SK SOS Krisenzentrums aus Tschetschenien nach Armenien geflohen. Nach Angaben von Men­schen­rechts­ak­ti­vis­t:in­nen war sie seit ihrem vierten Lebensjahr körperlicher und sexueller Gewalt durch ihren Vater und ihren Großvater ausgesetzt. Später wurde sie gegen ihren Willen zur Heirat gezwungen.

Flucht, ohne je anzukommen

Über den Mord an Aishat sind bislang nur wenige Details bekannt. Als Tatverdächtige werden von den armenischen Strafverfolgungsbehörden zwei Personen genannt: eine Frau aus Kirgistan und ein Mann aus Tschetschenien. Die beiden waren aus der Wohnung gekommen, in der die Leiche der jungen Frau gefunden worden war. Es heißt, dass die Verdächtigen wenige Tage nach dem Mord Armenien verlassen haben. Men­schen­rechts­ak­ti­vis­t:in­nen sprechen von einem „Ehrenmord“, eine im Kaukasus weit verbreitete Praxis.

Aishat hatte bei der deutschen Botschaft einen Antrag gestellt, der jedoch abgelehnt wurde.

Aishat ist nicht die einzige tschetschenische Frau, die nach Armenien gekommen ist. Vor allem Frauen, die vor häuslicher Gewalt fliehen, gelangen nach Armenien, da es hier für In­ha­be­r:in­nen russischer Pässe kein Visumverfahren gibt. In der Regel ziehen diese Frauen nach kurzer Zeit in ein anderes Land, um dort vorübergehend oder dauerhaft zu leben. Aishat hatte bei der deutschen Botschaft einen Antrag gestellt, der jedoch abgelehnt wurde.

Formell gesehen war die Republik Armenien nicht verpflichtet, die Sicherheit der Tschetschenin zu gewährleisten, da Aishat Baimuradova weder Asyl noch einen anderen Schutzstatus in Armenien beantragt hatte. Russische Menschenrechtsgruppen vermuten, dass die armenischen Strafverfolgungsbehörden diesen Mord mit einer gewissen Nachsicht behandeln und die Sache nach einiger Zeit an ihre russischen Kollegen übergeben werden.

Wann sich die kleine Eisentür der Leichenhalle von Eriwan das nächste Mal öffnen wird, weiß niemand. Vermutlich wird die Frau als nicht abgeholte Leiche in Armenien beerdigt werden. Die städtischen Behörden werden sie beisetzen – ganz still, ohne Tränen, Blumen oder Gebete. Und ohne Aufsehen.

Sona Martirosyan ist Journalistin und lebt in Jerewan (Armenien). Sie war Teilnehmerin eines Osteuropa-Workshops der taz Panter Stiftung.

Aus dem Armenischen von Tigran Petrosyan.

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