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Täterarbeit gegen häusliche GewaltGewaltkreislauf mit Stuhlkreis durchbrechen

Mit einem neuen Angebot nimmt Bremen Tä­te­r*in­nen in den Blick. Hier sollen sie sich in der Gruppe mit ihren Taten auseinandersetzen.

Am Anfang muss die Einsicht stehen: Die neue Beratungsstelle in Bremen richtet sich an jene, die Gewalt ausüben Foto: dts Nachrichtenagentur/imago

„Täterarbeit ist Opferschutz“, sagt die Sozialarbeiterin im Vorgespräch. „Täterarbeit ist Opferschutz!“, sagt auch die Geschäftsführerin in ihrer Einführungsrede. „Täterarbeit ist Opferschutz“, das fällt auch zwischen Schnittchen und Flipchart, beim gemeinsamen Rumstehen vor der Eröffnung von Bremens neuer Beratungseinrichtung für Tä­te­r*in­nen häuslicher Gewalt.

Der Satz ist einfach zu prägnant: In drei Wörtern fasst er die ganze Daseinsberechtigung der Bremer Beratungsstelle Intervention Plus zusammen. Seit Anfang Januar kontaktiert sie gezielt Tä­te­r*in­nen von häuslicher Gewalt – und macht ihnen das Angebot, zu reden.

Die Idee: Dort ansetzen, wo die Gewalt entsteht. Opfer können sich nur trennen. Die Gewalt bewusst beenden, auch für eine mögliche neue Beziehung, können nur die Täter*innen. In sozialtherapeutischen Gruppentreffen sollen sie für ihre Taten Verantwortung übernehmen und lernen, Situationen in Zukunft gewaltfrei zu verlassen – oder Konflikte vielleicht sogar zu lösen.

Selten geht es bei häuslicher Gewalt um einmalige Vorfälle: Die Forschung spricht von einem Gewaltkreislauf aus Spannungsaufbau, Eskalation und Reue, der sich immer wiederholt und dabei tendenziell verschärft. Täter brauchen Hilfe, um ihr Verhalten zu verlernen und den Kreislauf zu durchbrechen.

Gruppenarbeit als Gamechanger

Zum Ausbau der Täterarbeit hat sich Bremen in seinem Landesaktionplan zur Umsetzung der Istanbul-Konvention verschrieben, um Frauen und Kinder vor Gewalt zu schützen. Im Haushalt ist das neue Programm nur ein kleiner Posten: Gerade mal 300.000 Euro steckt das Land in seinen beiden Städten in diesen Bereich, etwa die Hälfte davon geht an das proaktive Beratungsangebot Intervention Plus. Frauenhäuser werden jährlich mit drei Millionen Euro finanziert.

Neu ist Täterarbeit nicht im Land Bremen: Der Verein Männer gegen Männergewalt hat sich hier schon vor 25 Jahren gegründet und bietet gewalttätigen Männern seitdem professionelle Hilfe an; auch die Fachstelle für Gewaltprävention und die systemische Beratungsstelle Praksys arbeiten mit Gewalttäter*innen, für die Teilnehmenden allerdings kostenpflichtig. Im Auftrag und auf Rechnung des Landes hat sich bisher die Beratungsstelle Neue Wege Tä­te­r*in­nen gewidmet.

Trotzdem schreibt das Gesundheitsressort davon, dass es in Bremen nun „erstmals eine dauerhaft verankerte, qualitätsgesicherte Täterarbeit nach bundesweiten Standards“ gebe. Neue Wege hatte offenbar eher nach eigenem Konzept gearbeitet; bei der Neuausschreibung gewann nun der Straffälligen- und Obdachlosenverein Hoppenbank, der sich mit seiner Bewerbung stärker an den Standards der Bundesarbeitsgemeinschaft Täterarbeit Häusliche Gewalt (BAG) orientierte.

Vor allem heißt das: Die Gewaltreflexionskurse finden in Gruppenarbeit statt. Ein bis drei Kennenlerngespräche gibt es für die Teil­neh­me­r*in­nen im Eins-zu-eins-Setting, von da an werden Gewaltauslöser, Biografiearbeit und Impulskontrolle ein halbes Jahr lang in der Gruppe besprochen und eingeübt, mit jeweils sechs bis zehn Teilnehmer*innen. „Die Gruppe“, schreibt die BAG in ihren Standards, sei „die Voraussetzung dafür, dass Männer sich gegenseitig mit ihrem Fehlverhalten konfrontieren und dass sie Gewaltrechtfertigungen untereinander infrage stellen.“

Konzept noch etwas schematisch

Im Januar hat man in Bremen die Arbeit aufgenommen, die Eröffnungsfeier hat wegen des damaligen Schneechaos ein bisschen später stattgefunden. Erfahrungswerte müssen die Beraterinnen erst sammeln, noch klingt das Konzept ein wenig schematisch. Zwei sozialtherapeutische Mitarbeiterinnen hat die Beratungsstelle momentan. Wird das reichen, allein für die rund 3.500 Fälle von häuslicher Gewalt, die 2024 von der Polizei in der Stadt registriert wurden – bei mutmaßlich hoher Dunkelziffer?

Bei Interaktion Plus landen vor allem Menschen, die die Polizei der Beratungsstelle nach Vorfällen häuslicher Gewalt mitsamt Kontaktdaten meldet; möglich ist das dank einer Neuerung im Polizeigesetz. Alle potenziellen Tä­te­r*in­nen werden angerufen, aber die Teilnahme am Gewaltreflexionskurs ist freiwillig – nur die wenigsten nehmen das Angebot an.

„Die geringe Rücklaufrate ist schon etwas frustrierend“, sagt Metzner. Etwa 240 gemeldete Menschen hat Intervention Plus in diesem Jahr kontaktiert; etwa 30 sind bisher zu einem Erstgespräch gekommen, inklusive der Selbstmelder*innen. Realistisch, glaubt Metzner, laufen nicht mehr als drei oder vier Gruppen parallel.

Die Probleme von Täterinnen, sind andere: Manche haben Gegenstände geworfen, ganz überwiegend gehe es aber um Fälle psychischer Gewalt

Etwa 20 bis 25 Prozent der häuslichen Gewalt werden von Frauen verübt. Die Dunkelfeldstudie der Bundesregierung zu häuslicher Gewalt von 2025 legt sogar noch deutlich höhere Raten nahe. Bei Intervention Plus hat sich nun nur wenige Wochen nach der ersten Männergruppe auch die erste Frauengruppe konstituiert.

Die Probleme allerdings sind andere: Fast alle Frauen sind Selbstmelderinnen, wurden also nicht von der Beratungsstelle nach einer Polizeimeldung angerufen, sondern haben sich selbst Probleme mit Gewalt attestiert und suchen Unterstützung. Auch die Qualität der Gewalt sei anders: Manche hätten Gegenstände geworfen, erzählt Metzner, ganz überwiegend gehe es aber um Fälle psychischer Gewalt, etwa um Beleidigung oder Bedrohung.

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1 Kommentar

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  • "Auch die Qualität der Gewalt sei anders: Manche hätten Gegenstände geworfen, erzählt Metzner, ganz überwiegend gehe es aber um Fälle psychischer Gewalt, etwa um Beleidigung oder Bedrohung."

    Psychische Gewalt hat also eine andere Qualität? Hat digitale Gewalt dann auch eine andere Qualität?