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Studie über Schlaf und Fake NewsEndlich Schlafschaf

Valérie Catil
Kommentar von Valérie Catil

Eine Studie beweist einen Zusammenhang zwischen schlechtem Schlaf und der Neigung, an Verschwörungstheorien zu glauben. Schlaftabletten für Schwurbler!

Alle möchten Schlafschaf sein Foto: Jacob King/dpa

W er blind den Massenmedien glaubt, ist ein Schlafschaf. Ein Mitläufer, der brav denkt, was alle denken, und nicht wagt, der Realität ins Auge zu blicken. Das Schlafschaf ist unwissend, naiv, angepasst – das denken zumindest Verschwörungstheoretiker_innen.

Lange glaubte man, dass der Begriff „Schlafschaf“ von der Passivität dieses Herdentiers rührt, das niemals aus der sicheren Masse heraustreten würde und das einen Hirten braucht, der ihm sagt, wo es langgeht. Es könnte jedoch auch ein Zeichen des Neides sein, denn: Eine neue Studie sieht einen Zusammenhang zwischen schlechtem Schlaf und der Neigung, an Verschwörungstheorien und Fake News zu glauben.

Wissenschaftler_innen der Uni Nottingham wollten herausfinden, welche Faktoren, abgesehen davon, verschwörerischen Erzählungen ausgesetzt zu sein, dazu führen können, dass man an sie glaubt. Die Hypothese: Schlechter Schlaf macht anfällig.

Noch keine Kausalität

Die Studie verlief so: Die Teil­nehmer_innen mussten angeben, ob sie Schwierigkeiten haben, einzuschlafen. Dann wurden sie, egal ob Gut- oder Schlechtschläfer_in, mit Fake News konfrontiert. In diesem Fall handelte es sich um die verschwörerische Erzählung, dass die Pariser Notre-Dame-Kathedrale 2019 mit Absicht in Brand gesteckt und diese Tatsache vor der Öffentlichkeit verschwiegen wurde. Danach wurden die Teilnehmer_innen unter anderem gefragt, ob sie glauben, dass die Notre-Dame „absichtlich von einer mächtigen Gruppe in Brand gesetzt wurde.“

Tatsächlich konnten die Wissenschaftler_innen feststellen, dass diejenigen, die zuvor angegeben hatten, schlecht zu schlafen, später eher an die Verschwörung glaubten als die anderen.

Die Lösung scheint einfach: QAnon-Anhänger_innen, Reichs­bürger und Flatearther mit Schlafmitteln versorgen, damit sie aus ihrer paranoiden Traumwelt geweckt werden. Ganz so einfach ist es jedoch nicht. Denn was festgestellt wurde, bleibt zunächst ein Zusammenhang, keine Kausalität.

Es könnte beispielsweise auch andersherum sein: Man schläft schlecht, weil man die ganze Nacht darüber nachdenkt, welchen Plan die freimaurerischen Eliten als Nächstes schmieden, ob Bill Gates an einem neuen Impf-Chip tüftelt oder ob ein satanischer Kult die Popmusik dominiert.

Schlaflied für Verschwörungstheoretiker

Um eine tatsächliche Kausalität herzustellen, das heißt zu beweisen, dass schlechter Schlaf zu verschwörungstheoretischem Denken führt, müsste man untersuchen, ob die Teilnehmer_innen auf einmal weniger anfällig für Fake News wären, würden sie schlafen wie Babys. Auch die Wissenschaftler_innen der University of Nottingham wünschen sich, dass die Materie, vielleicht auch die Frage nach der Kausalität, tiefer ergründet wird.

Dass gut zu schlafen nicht schaden kann, stimmt allerdings auch. Schlechter Schlaf macht erwiesenermaßen krank.

Auch wenn die Kausalität nicht bewiesen wurde, ist die Idee irgendwie nett: Man möchte beinahe einen Verschwörungstheoretiker an der Hand nehmen, ihn zu Bett bringen und warm zudecken. Ihm dann vielleicht ein Lied vorsingen und einen Kuss auf die Stirn geben, bis er sanft zu schlummern beginnt, sodass sich die so akut wirkenden Gefahren der Geheimeliten im Traum zu harmlosen Wölkchen auflösen.

Dann könnte auch er endlich Schlafschaf sein.

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Valérie Catil
Gesellschaftsredakteurin
Redakteurin bei taz zwei, dem Ressort für Gesellschaft und Medien. Studierte Philosophie und Französisch in Berlin. Seit 2023 bei der taz.
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