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Stromausfall nach russischem AngriffTöten ohne Blutvergießen

Bernhard Clasen

Kommentar von

Bernhard Clasen

Moskau schickt die Truppen auf gnadenlose Mission gegen die ukrainische Zivilbevölkerung. Die mangelnde Energieversorgung führt immer wieder zu Toten.

Stromausfall in Kyjiv nach einen massiven russischen Angriff auf die Infrastruktur, am 9.1.2026 Foto: Ovsiannikova Yuliia/Ukrinform/ABACA/imago

G laubt man den Verlautbarungen des russischen Verteidigungsministeriums, wurden bei den jüngsten Luftschlägen gegen Kyjiw und andere ukrainische Städte nur Objekte der Energieversorgung und militärische Ziele angegriffen. Und wenn man diesen Verlautbarungen glaubt, ist bei diesen Angriffen kein Mensch zu Schaden gekommen. Lediglich gewisse Unannehmlichkeiten sind zu ertragen. Man sollte solchen Erklärungen besser nicht glauben.

Was ist ein Beschuss von Objekten der Energieversorgung? Im Klartext heißt das: Ältere Menschen oder Menschen mit Behinderungen können ihre Wohnung im elften Stock nicht mehr verlassen, weil der Fahrstuhl nicht funktioniert. Herzkranke Patienten laufen Gefahr, bei einem Infarkt zu sterben, wenn in der Nachbarschaft eine Rakete einschlägt und vom eigenen Fenster, bedingt durch die Druckwelle, nur noch Scherben am Boden liegen. Zwei Elektriker – so jüngst geschehen – sterben vor Erschöpfung, nachdem sie Tag und Nacht Leitungen repariert haben.

Toiletten funktionieren nicht mehr, weil sie eingefroren sind. Kleinkinder werden unterkühlt ins Bett gebracht. Wer sagt, man habe nur militärische Ziele und Objekte der Energieversorgung getroffen, lügt. Angriffe auf Objekte der Energieversorgung töten. Ohne sichtbares Blutvergießen. Mittlerweile berichten auch russische Medien von dieser humanitären Katastrophe, die die russischen Luftangriffe auf Kyjiw anrichten. Niemand in Russland kann also sagen, er oder sie habe das nicht gewusst.

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Es ist tragisch, dass auch die Wahrheit über diese humanitäre Katastrophe bei der Mehrheit der russischen Bevölkerung nicht zu mehr Empathie führt. Wer Objekte der Energieversorgung angreift, und das macht inzwischen auch die ukrainische Seite, tötet Zivilisten. Das darf nicht verharmlost werden. Ein Ende der Angriffe auf die Energieversorgung ist nicht abzusehen. Und es könnte noch schlimmer kommen. Denn ein Nachlassen der russischen Angriffe ist kaum zu erwarten. Die Führung in Moskau ist erbarmungslos.

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Bernhard Clasen
Journalist
Jahrgang 1957 Ukraine-Korrespondent von taz und nd. 1980-1986 Russisch-Studium an der Universität Heidelberg. Gute Ukrainisch-Kenntnisse. Schreibt seit 1993 für die taz.
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