Streik bei der Bahn: Nerven sägen ist das Mittel

Ein Bahnstreik ausgerechnet in der Urlaubszeit schmerzt die Reisenden besonders. Doch der Streik ist legitim und die Forderungen sind nicht überzogen.

Reisende ziehen Rollkoffer im Berliner Hauptbahnhof hinter sich her

Streik! Mitten in den Sommerferien! Foto: Carsten Koall/dpa

Streik bei der Deutschen Bahn – muss das wirklich sein? Claus Weselsky sorgt mal wieder für Empörung: Zwischen Coro­napandemie und Klimakatastrophe legen der GDL-Chef und seine unbotmäßige Lok­füh­re­r:in­nen­trup­pe doch tatsächlich jetzt einfach den Zugverkehr bis zum frühen Freitagmorgen lahm. Mitten in der Sommerferienzeit!

Als „unnötig und völlig überzogen“ bezeichnet der Bahnvorstand den Ausstand – und viele Bahn­kun­d:in­nen dürften zustimmen. Nun ja, ein Streik ist immer blöd für die, die von ihm betroffen sind. Aber deswegen ist er noch nicht unstatthaft. Wer jetzt gegen Weselsky polemisiert, macht es sich zu einfach. Zum einen sind die Forderungen der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) absolut legitim.

Ein Tarifabschluss, der der Vereinbarung im öffentlichen Dienst des Bundes und der Kommunen im vergangenen Jahr entspricht, ist keineswegs ein überzogener Anspruch. Selbst in der Hochphase der Coronapandemie sind die Züge rund um die Uhr gefahren, da sind eine moderate Lohnsteigerung und ein Coronabonus in Höhe von 600 Euro nichts Unverschämtes. Wenn der Bahnvorstand demgegenüber eine Nullrunde für dieses Jahr anbietet, kann das kaum als seriöses Angebot betrachtet werden.Nicht einmal zu einem Inflationsausgleich bereit zu sein, zeugt nicht von einer ernsthaften Verhandlungsbereitschaft.

Zum anderen gibt es wie bei jedem Tarifkonflikt auch bei diesem zwei Seiten. Um genau zu sein, sind es bei der Bahn sogar drei. Denn da ist noch die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), mit der der Bahnvorstand bereits im vergangenen Jahr ohne größeres Federlesen handelseinig geworden ist – auf Kosten der Beschäftigten, die einen Reallohnverlust präsentiert bekommen haben.

Jedes Zugeständnis gegenüber der GDL birgt daher die Gefahr, die handzahmere EVG zu brüskieren. Daran hat der Bahnvorstand verständlicherweise kein Interesse. Nur: Der bescheidene Abschluss der größeren Konkurrenz ist nicht die Schuld der GDL. Warum sollte sie sich also damit abspeisen lassen? „Deutschlands größte Nervensäge“, „Größen-Bahnsinniger“ oder „Chaos-Claus“ – mit welchen Bezeichnungen ist der streitbare GDL-Chef nicht schon überzogen worden.

Mit dem aktuellen Streik dürfen noch ein paar weitere Beschimpfungen hinzukommen. Trotzdem ändert das nichts: Dass die Lok­füh­re­r:in­nen nun ihre Muskeln spielen lassen, ist mehr als nachvollziehbar. Nein, Weselsky muss einem nicht sympathisch sein. Aber es sollte anerkannt werden, dass es das gute Recht der GDL ist, für die Interessen der bei ihr organisierten Beschäftigten zu kämpfen. Es liegt nun am Bahnvorstand, den gordischen Knoten zu durchschlagen.

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Jahrgang 1966. Arbeitet seit 2014 als Redakteur im Inlandsressort der taz. Zuvor fünfzehn Jahre taz-Korrespondent in Nordrhein-Westfalen. Mehrere Buchveröffentlichungen (u.a. „Endstation Rücktritt!? Warum deutsche Politiker einpacken“, Bouvier Verlag, 2011). Seit 2018 Mitglied im Vorstand der taz-Genossenschaft.

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