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Sternbrückenbaustelle in HamburgEs ist die Zeit der Monsterbrücke

Die 100 Jahre alte Sternbrücke in Altona, einst Heim von Subkultur, ist abgerissen. Jetzt schleicht die Tausende Tonnen schwere Neue Richtung Kreuzung.

Amira Klute

Aus Hamburg-Altona

Amira Klute

Das Monster erwacht. Langsam und synchron drehen Dutzende kleine Räder unter der riesigen neuen Sternbrücke sich am Mittwochmittag in Richtung Straße. Gebannt kneifen rund 50 Menschen, viele grauhaarig, aber nicht alle, auf dem Gehweg hinter der Absperrung ihre Augen zusammen. Sie schirmen sie ab vor der Sonne und fixieren den Koloss. Noch bewegt die Brücke sich nicht.

Um 12 Uhr soll sie auf die Straße gefahren werden, wo sie aufgebockt werden wird auf sechs Meter über Straßenniveau, um dann ihren ersten und letzten Weg anzutreten: 400 Meter zu ihrem Einsatzort an der Kreuzung Max-Brauer-Allee/Stresemannstraße. Hier wurde sie montiert.

Dort soll sie die frisch abgerissene 100 Jahre alte Sternbrücke ersetzen. Um dahin zu kommen, liegt die neue Brücke auf mehreren sogenannten Tausendfüßlern, hydraulischen Spezialfahrzeugen mit vielen, vielen einzeln lenkbaren Rädern.

Es ist eine historische Baustelle. Jahrelang hatten An­woh­ne­r*in­nen und Initiativen sich gegen den Abriss der alten, denkmalgeschützten Brücke und den Bau der neuen gewehrt. Sie gaben der neuen den Namen Monsterbrücke, wegen ihrer Ausmaße. Sie ist 108 Meter lang, über 20 Meter breit, über 26 Meter hoch und wiegt rund 3.700 Tonnen!

Die umstrittene Sternbrücke

Seit 2005 will die Deutsche Bahn die Sternbrücke in Hamburg-Altona abreißen und durch einen Neubau ersetzen.

Die Initiative Sternbrücke hat sich bis zuletzt gegen Abriss und Neubau der Brücke eingesetzt. 2020 sammelte sie 20.000 Unterschriften und klagte 2024 vor Gericht. Zuletzt lehnte das Oberverwaltungsgericht eine Klage der Initiative im Herbst 2025 endgültig ab.

Wegen des Abrisses mussten vier Clubs – die Astra Stube, das Fundbureau, die Beat Boutique, der Wagenbau – Ende 2023 schließen. Anfang 2024 begannen die ersten Abrissarbeiten.

Erst die folgenden Stunden werden zeigen, ob der Transport und das Einsetzen klappt wie geplant. Die Brücke ist so groß und schwer, dass, damit sie vom Ort ihrer Montage zur Kreuzung transportiert werden kann, 36 Bäume abgeholzt, das Dach einer Tankstelle zum Teil abgeflext und die Straße aufgeschüttet werden mussten.

Vierhundert Meter weiter räumen Bagger Schutt von der Kreuzung, die bis vor wenigen Tagen die alte Brücke überspannte. Über der sternförmigen Kreuzung, die der Brücke ihren Namen gab, klafft eine Lücke. Staub liegt in der Luft.

Ein Abbruchhammerbagger zerkleinert mit seinem Arm einen Schutthaufen. Dr, dr, dr, dr, dr. Er ist durch die Füße am Boden zu spüren. Mit einem Kreischen fährt ein Schaufelbagger ein Stück über Asphaltbrocken und räumt fleißig klein gesprengte Stücke zur Seite. Im Hintergrund lässt ein Kran lautlos Stahlstangen zu Boden. Ein Security-Mann, der wie seine zahlreichen Kollegen einen Baustelleneingang bewacht, sitzt unter einem Sonnenschirm mit Kopfhörern auf den Ohren.

Renate Sulzmann, 70, steht an der Absperrung mit leuchtenden Augen. „Sensationell!“, sagt sie. Sie ist schon zum zweiten Mal zum Zugucken vorbeigekommen. Obwohl sie alles vermisse, was einst zur Brücke gehörte, Clubs und Kneipen, die Bands, die da ihr Zuhause hatten, sei sie fasziniert.

„Ich bin hin- und hergerissen“, sagt Sulzmann. Sie bewundere schlicht die Technik, freue sich besonders auf den Anblick der Tausendfüßler, die sie schon einmal auf einer anderen Baustelle habe bewundern können. „Ich schwärme bis heute davon“, sagt sie. Und wendet ihren Blick wieder aufs Geschehen.

Auf einem Poller neben ihr steht ein halbvoller Plastikbecher mit schalem Bier. Er ist Zeuge der letzten Nacht. Seitdem die Abrissarbeiten am vergangenen Freitag begannen, kommen jeden Abend Hunderte Menschen her, um die Baustelle zu beobachten. Die Lokalpresse tickert live, die Deutsche Bahn hat einen Livestream eingerichtet.

Das letzte Brückenteil sah müde aus, als es gestern schräg über der Kreuzung auf dem Boden lag, im grellen Baustrahlerlicht, wie aufgebahrt.

Der Döner an der Ecke mache mehr Umsatz als sonst, sagt ein Mitarbeiter, weil dort die Ar­bei­te­r*in­nen essen. Sie arbeiten fast rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. Sie haben nur wenig Zeit, um die Brücken zu tauschen, und keine, um weit weg essen zu gehen. Der Mitarbeiter im Späti an der Ecke sagt, er mache trotz der Baustellenzaungäste weniger Umsatz. Weil die Kreuzung gesperrt ist, kommen viele gar nicht vorbei. Es sind leider nicht so viele, die Faszinierten.

Sie sind dafür bei überraschend guter Laune. Sie fachsimpeln, einige kennen sich wirklich aus. Am Dienstagabend war zu beobachten, wie die Bau­ar­bei­te­r*in­nen die letzten Teile der historischen Brücke abgeschnitten haben mithilfe von Brennschneidern. Ihr Stahl, rechtfertigt sich die Deutsche Bahn, entsprach nicht mehr den heutigen Standards und war ermüdet.

Rund 900 Züge fuhren jeden Tag über die alte Brücke. Das letzte Brückenteil sah müde aus, als es am Mittwoch schräg über der Kreuzung auf dem Boden lag, im grellen Baustrahlerlicht, wie aufgebahrt.

Die Initiative Sternbrücke, die lange gegen den Abriss gekämpft hat, trauert auf Instagram. „Damit ihr nicht vergesst, wie es an der Sternbrücke einmal ausgesehen hat. Und damit ihr seht, wie es dort jetzt gerade aussieht“, schreiben sie.

Menschen stehen im sanften Abendlicht unter der alten Brücke Schlange vorm Club. Nächster Slide: Schuttberge. Die alte Sternbrücke in wattigem Schnee. Nächster Slide: die zerschnittenen Stahlteile. Die Dramatik ist ihnen nicht neu. Die Initiative hat 2021 Sticker verklebt mit der Aufschrift „Mordfall Sternbrücke“. Es ging um die Brücke.

An der Max-Brauer-Alle kommt Wind auf. Um acht nach zwölf heulen die Motoren der Tausendfüßler auf, aber werden wieder leise. Die Sonne drückt. Die Zu­schaue­r*in­nen starren angestrengt. Einige Bau­ar­bei­te­r*in­nen reihen sich auf zum Spalier. Unendlich langsam – ein bis zwei Kilometer pro Stunde – setzt die Neue sich in Bewegung. Am Donnerstagabend soll sie ankommen und eingesetzt werden.

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