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Seit einem Mofa-Unfall sitzt FaithMC im Rollstuhl – und will nicht, dass ihn das definiert. Im Netz hat sich der Rapper mit seinen sentimental-emotionalen Tracks eine stabile Fan-Gemeinde erarbeitet

Von Dagmar Leischow

„Ende vom Anfang“ hat damals etwas in Gang gebracht: Veröffentlicht vor rund vier Jahren, ging der Rap-Song mit über 100.000 Klicks viral. Was FaithMC darin erzählt, ist krass: In seinen Reimen geht es um die Folgen seines Mofa-Unfalls vor inzwischen 14 Jahren. Der hatte das Leben des damals 16-Jährigen komplett aus den Angeln gehoben: Querschnittlähmung, massive Atemprobleme, Depressionen, Medikamentenabhängigkeit. Im Video machen Bilder aus dem Krankenhaus die Tragik noch greifbarer.

So viel Offenheit schlug im Netz hohe Wellen. Auch Beschämendes und Beleidigungen blieben nicht aus, aber die Un­ter­stüt­ze­r:in­nen waren weit in der Überzahl mit Kommentaren wie: „Gänsehaut, deine Raps gehen unter die Haut!“ FaithMC realisierte ziemlich schnell: Das war ein Wendepunkt. „Zum ersten Mal hatte ich einen richtig deepen Track gemacht“, erklärt er. „Danach habe ich angefangen, in meiner Musik sehr viel aus meiner Vergangenheit zu verarbeiten.“

Geboren in der Nähe von Kiel, wohnt FaithMC inzwischen in Hamburg. Ihm ist wichtig, sein Herz auszuschütten, in seinen Titeln steckt oft eine Portion Schwermut, Absturz und Kummer. Aber Aufgeben sei keine Option. Am wohlsten fühlt sich der 30-Jährige in sentimental-emotionalem Rap. Er verpackt seine Worte trotzdem gerne in treibende Kopfnicker-Beats.

Seine wohl größte Inspiration ist die Saarbrücker HipHop-Band Genetikk. Anfangs habe er deren Songs einfach gecovert, erzählt er. Dann eigene Texte auf ihre Beats geschrieben. Darin blitzt ein Drang nach Ehrlichkeit auf, wie er ihn auch an seinen Vorbildern erkennt: „Genetikk waren für mich die Ersten, bei denen es irgendwie cool war, dass sie selbst dann die Wahrheit gesagt haben, wenn sie dabei nicht so gut dagestanden haben“, sagt er. Das habe ihn „total abgeholt“. Ob er damit auch die teils hart am Verschwörungsgläubigen entlangschrammenden Aussagen Genetikks wider die Corona-Bekämpfungsmaßnahmen meint?

Anstatt sich weiter von irgendwelchen Schamgefühlen triezen zu lassen und sich in seiner Wohnung zu verschanzen, habe er endlich wieder die Kontrolle über sein Leben übernommen, erzählt FaithMC. Das nach dem Abi begonnene Studium habe er sich nicht mehr leisten können – und den Plan gefasst, sich ganz auf seine Musik zu konzentrieren.

Auch auf die Gefahr hin, zu scheitern: „Sollte es nicht klappen, kann ich stolz sagen: Ich hab‘s versucht.“, heißt es in „Stacheldraht“. Ein Akt der Selbstermächtigung, durchdrungen von dem Wunsch, andere zu motivieren: „Ich möchte jedem Menschen mit Einschränkung nahebringen: Was ich geschafft habe, kannst du auch erreichen.“

Tatsächlich hat FaithMC eine erstaunliche Energie. Ob Lungenembolie, Herzstillstand oder Nierenprobleme: Mit enormer Willenskraft ringt er mit seinen gesundheitlichen Problemen. 2024 konnte er nach vier Entziehungskuren seine Medikamentensucht besiegen. „Das war ein Kampf“, sagt er. In seinen Tracks rückt er aber lieber das Positive in den Vordergrund: „Es ist möglich, sich aus einer Abhängigkeit zu lösen.“

Ich würde jetzt nicht behaupten, für die Rollstuhl-Community zu stehen

FaithMC, Rapper

So arbeitet sich FaithMC an seinen (Sehn-)Süchten ab. Ein Leitmotiv ist der Drang, kreativ zu sein; keine Kohle, aber Ambitionen. „Langsam wird es ernst, ich schreib schnell einen Text“, rappt er in „Dragonball Z“. Musikalisch spielen harte, schnelle Beats die Hauptrolle in dieser ziemlich neuen Nummer. Überhaupt, Nummern: Etwa einmal im Monat legt FaithMC einen Track vor.

„In der heutigen Musikszene ist die Konkurrenz riesig“, führt er aus. „Wenn man sichtbar bleiben will, muss man konstant liefern.“ Den Vier-Wochen-Rhythmus nennt er den „perfekten Mittelweg“: „Häufig genug, damit die Menschen dranbleiben. Aber mit Zeit genug, damit jeder Song die Qualität bekommt, die ich mir wünsche.“

Ein anderer Punkt: Seine Lieder seien wie Kapitel seines Lebens. „Wenn man alle Veröffentlichungen hintereinander hört, entsteht fast so etwas wie ein musikalisches Tagebuch.“ Auszüge daraus bringt FaithMC inzwischen sogar auf die Bühne. Er gastierte bei der Millerntor Gallery in Hamburg oder im St. Pauli Shop auf der Reeperbahn, das Unpluggedival Festival in Berlin buchte ihn ebenfalls.

Eigentlich tritt er gerne vor Publikum, nur ist es für ihn schon eine Herausforderung, überhaupt auf die Bühne zu kommen. Ohne Rampe hätte er keine Chance, das soll sich aber in näherer Zukunft ändern: „Mir wurde nach meinem dritten Widerspruch endlich ein Treppensteiger-Rollstuhl bewilligt.“

Damit hat er wieder eine Hürde genommen. Würde man ihn für einen Aktivisten halten, ginge ihm das ein bisschen zu weit, sagt er. „Ich würde jetzt nicht behaupten, für die Rollstuhl-Community zu stehen“, sagt er. „Dennoch würde ich mir wünschen, dass mal ein Rapper mit hundertprozentigen Einschränkungen in den Mainstream vorstößt – einfach um Barrieren abzubauen.“

FaithMC wirkt wie jemand, der seine innere Balance gefunden hat. Aus seiner Sicht stimmt das aber nur bedingt. „Aktuell gibt es in meinem Leben mehr helle als dunkle Tage“, resümiert er. Zudem habe er für die dunklen Tage Bewältigungsstrategien, allen voran: stets ein Ziel vor Augen zu haben: „Dadurch habe ich das Gefühl, selbst eine Krise kontrollieren zu können.“ Man merkt im Gespräch auf seiner Terrasse, wie er oft hippelig wird. „Mein Motto ist: Stillstand ist der Tod“, räumt er ein. „Wenn ich nichts mache, holen mich nämlich die negativen Gedanken ein.“ Darum strebt FaithMC bloß in eine Richtung – vorwärts!

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