Sozialer Aufstieg: Zu Besuch in der Mittelschicht

Aus kurzen Stippvisiten in der Mittelschicht wurde ein permanenter Besuch. Doch seine Klasse kann man nicht wechseln, wie es einem beliebt.

Flammen über der Holzkohle einer Grillschale im Garten

Mittelschicht ist, wenn es Salate zum Grillfleisch gibt Foto: Panthermedia/imago images

Ich bin heute Mittelschicht und Mittelschicht sind immer noch die anderen.

Mittelschicht war als Kind der Besuch bei Schulfreunden: das matte Wildledersofa, die Plattensammlung des Vaters, mächtige Massivholztische. Als Teenager waren es die Besuche bei meiner Freundin: das Grillen mit vielen verschiedenen Salaten, der Tatort, den man sonntags zusammen geschaut hat.

Bei uns zu Hause stand ein Couchtisch, den jemand zur Sperrmüllzeit vor den Toren seines wohl gepflegten Gartens entsorgt hatte. Weil er noch vier Beine und eine Platte hatte, qualifizierte er sich für unser Wohnzimmer. Wenn wir grillten, gab es keine Salate, sondern ein paar Kilo Hähnchenflügel mit Fladenbrot. Meine Mutter, die das Fleisch marinierte, und mein Vater, der es grillte, hatten eine Priorität: Hauptsache, die Kinder werden satt.

Gemeinsam aßen wir selten. Vielleicht gab es keine Zeit für schönes Beisammensein. Vielleicht deshalb, weil alle permanent für ein besseres Leben gearbeitet haben – für den Aufstieg in die Mittelschicht. Ohne Fleiß kein Preis. Schaffe, schaffe, Häusle baue: Was die Arbeitsethik anging, waren wir Anatolier schwäbischer als die Schwaben, die uns umgaben.

Es gibt kein Zurück

Nach dem Abitur wurde der Besuch in der Mittelschicht permanent. Ich studierte mit Kindern von Anwälten und Lehrern. Ich zog mit ihnen zusammen und sie stellten stilvolle Kommoden auf und bestellten Fairtrade-Kaffee von einem anarchistischen Kollektiv in Mexiko. Wir lasen Bücher, diskutierten, demonstrierten gegen den Kapitalismus. Über dessen Resultat, unsere unterschiedliche Herkunft, sprachen wir kaum.

Das hat mich damals nicht gestört. Es hat vieles sogar einfacher gemacht. Heute kann ich darüber schreiben, dass ich aus der Arbeiterklasse mit funktionalen Möbeln und funktionalem Grillen komme.

In der Mittelschicht bin ich gelandet, weil ich viel Glück hatte. Aber es ist auch die Belohnung für die harte Arbeit meiner Eltern. Das Ergebnis familiärer Anstrengung, Disziplin, Anpassung. Trotzdem ist mir diese Mittelschicht noch kein Zuhause, ökonomisch und kulturell. Mal abgesehen davon, dass ich ihre moralische Erhabenheit oft abstoßend finde. Während manche hier beschäftigt, wie viel Geld sie noch von ihren Eltern bekommen, beschäftigt mich, wie viel Geld ich meinen Eltern zurückgeben kann.

Vor zwei Jahren bin ich aus meiner Kreuzberger WG in den Wedding gezogen. Die Frauen hier mit den Einkaufstüten und Sonnenblumenkernen sehen aus wie meine Mutter früher; die Männer mit den Kaffeebechern und Arbeitskleidung wie mein Vater früher; die Jungs, die nach der Schule auf der Straße Fußball spielen, wie meine Brüder und ich früher. Aber es gibt kein Zurück in dieses Früher. Der Wedding ist keine schwäbische Kleinstadt und seine Klasse kann man nicht wechseln, wie es einem beliebt.

Ich bin immer noch nicht Mittelschicht, aber Mittelschicht sind nicht mehr nur die anderen.

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Kolumnist ("Postprolet") und Redakteur im Ressort taz2: Gesellschaft & Medien. Bei der taz seit 2016. Schreibt über Soziales, Randständiges und Abgründiges.

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