Sozialdrama „Oleg“: Ein Außenseiter im Eis

Überlebenskampf im Kapitalismus: Der Spielfilm „Oleg“ erzählt mit nüchterner Distanz vom Abgleiten eines Menschen.

Oleg gespielt von Valentin Novopolskij

Oleg gespielt von Valentin Novopolskij Foto: Mub

Oleg (Valentin Novopolskij) ist ein Alien. Rund 1.500 Kilometer Luftlinie sind es von Lettland nach Belgien, doch dazwischen liegen Welten. In seiner Heimat sieht der junge Mann keine Zukunft für sich, er hat Schulden, die er kaum abbezahlen kann, und so macht er sich auf den Weg nach Westeuropa, in der Hoffnung auf Arbeit und ein besseres Leben.

In Brüssel, dem multikulturellen Herzen der EU, malocht er in einem Schlachthof, Schweine und Rinder zerteilen, ein Knochenjob. Der karge Lohn wird am Ende der Woche in braunen Papierumschlägen bar ausgezahlt. Ausbeutung in der globalen Marktwirtschaft. Er ist ein Fremder, kann die Sprache nicht, versteht auch viele der anderen, meist polnischen Arbeiter kaum. Als er in gebrochenem Englisch sagt, er habe einen „Alien-Passport“, lachen die anderen.

Er ist ein Geduldeter, allenfalls, seine Aufenthaltserlaubnis ist an das bestehende Arbeitsverhältnis gekoppelt. Und das bleibt ihm nicht lange. Als sich ein Schlachterkollege an der elektrischen Fleischsäge den Finger abschneidet, beschuldigt er Oleg, ihn geschubst zu haben, der deswegen gefeuert wird.

In seiner Verzweiflung nimmt Oleg leichtgläubig das Hilfsangebot von Andrzej (Dawid Ogrodnik) und dessen Lebenspartnerin Malgosia (Anna Próchniak) an, ihm nicht nur einen neuen Job zu besorgen, sondern auch gleich einen polnischen EU-Ausweis und einen Schlafplatz in ihrem Gemeinschaftshaus mit anderen Migranten.

Unbezahlte Leiharbeit

Oleg lässt sich einlullen, arbeitet bald in Andrzejs Auftrag als Dachdecker, doch mit der Entlohnung wird er hingehalten. Und warum wohnt auch der Typ, der ihn schuldlos verpfiffen hatte, in der Unterkunft?

Als Oleg schließlich begreift, dass er mit Andrzej an einen skrupellosen Leiharbeitskriminellen geraten ist, packt er seine Sachen und haut ab. Doch auf einen wie ihn hat niemand gewartet und auf Hilfe und Solidarität kann er nicht hoffen, weder bei wohlhabenden Belgiern und schon gar nicht unter anderen Migranten. Oleg muss sich allein durchschlagen, ein Außenseiter in einer feindlichen Welt.

Dass es nicht gut gehen wird, künden schon die ersten alptraumhaften Bilder zu Beginn des Films an, in denen er in einer einsamen Eislandschaft leblos auf dem Boden liegt und sich an die Geschichte vom heiligen Lamm erinnert, die ihm seine Großmutter erzählte und die ihm Angst machte, weil er darin sein eigenes Schicksal sah.

Er öffnet die Augen, weil ein dumpfes Knacken unter der Schneedecke zu hören ist. Er versucht zu fliehen, bricht im Eis ein und wird vom Wasser verschluckt. Das biblische Motiv taucht später wieder auf, wenn Oleg nach einer weiteren Abfuhr frustriert durch die winterliche Genter Altstadt läuft und schließlich in der Kathedrale vor dem berühmten Altargemälde der flämischen Gebrüder van Eyck steht, das die Anbetung des blutenden Lamm Gottes zeigt, das sich den Schmerz nicht anmerken lässt.

Sklaverei im 21. Jahrhundert

Der über Lautsprecher ertönende Audioguide wirkt für Oleg wie ein Kommentar auf seine eigene desolate Situation, die zugleich symptomatisch ist für Millionen Migranten in Europa, die sich in dieser Gig Economy von Job zu Job hangeln, unterbezahlt und überarbeitet. Sklaverei im 21. Jahrhundert.

Der lettische Filmemacher Juris Kursietis inszeniert Olegs Geschichte im 4:3-Format und findet so zwingende Bilder für die Enge und die Verhältnisse, denen er ausgeliefert ist. Die Kamera rückt dabei immer wieder sehr nah, verstärkt in ihrer steten Unruhe das Fahrige und Nervöse in Olegs prekärer Lage. Etliche Szenen sind improvisiert, was ihnen etwas Raues, fast Dokumentarisches, jedenfalls nicht perfekt Inszeniertes verleiht.

„Oleg“. Regie: Juris Kursietis. Mit Valentin Novopolskij u. a. Lettland/Litauen 2019, 108 Min. Läuft auf Mubi

Das Sujet erinnert nicht von ungefähr an die Sozialdramen des Briten Ken Loach („Sorry We Missed You“) und wegen des Schauplatzes vielleicht noch mehr an Belgiens Regie-Brüderpaar Jean-Pierre und Luc Dardenne („Das Versprechen“), weil sich Kursietis in seinem zweiten Spielfilm, der auf wahren Begebenheiten basiert, auf die Stärken seiner Geschichte verlässt und diese geradezu klassisch erzählt. In seiner bitteren Konsequenz gibt es auch Parallelen zu Rainer Werner Fassbinders Ausbeutungsstudie „Faustrecht der Freiheit“.

Aufsehen bei Filmfestspielen in Cannes

2019 sorgte „Oleg“ in der Cannes-Nebensektion Quinzaine des Réalisateurs für Aufsehen und fügt sich nun in seiner etwas sperrigen Ästhetik gut ins kuratierte Portfolio des Arthouse-Streamingdienstes Mubi. Was ihn jedoch von seinen großen Vorbildern abhebt, ist die nüchterne Distanz, mit der er vom Abgleiten eines Menschen erzählt, der am Überlebenskampf in kapitalistischen Strukturen zu zerbrechen droht.

Der Film gibt sich kaum Mühe, seinen Protagonisten als Sympathieträger zu zeichnen: Es fällt schwer, Verständnis für seine passive, oft unbeholfene Art aufzubringen und sich mit ihm zu identifizieren. Doch gerade dadurch schärft sich der unvoreingenommene Blick auf das soziale Ungleichgewicht inmitten einer Gesellschaft, die auf dem ökonomischen Ausschluss vieler fußt.

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