Sommerliches Festival made in Berlin: Bewegung im Stillstand

Anstelle der „Wassermusik“ bringt das HKW in diesem Jahr mit „20 Sunsets“ Künstler*innen aus Berlin zusammen. Das Programm kann sich sehen lassen.

Robert Lippok am Mischpult

Robert Lippok war am Samstagabend im Haus der Kulturen der Welt Foto: Silke Briel / HKW

Hach, wie schön, wieder auf der Dachterrasse des Hauses der Kulturen der Welt zu sitzen, wie immer um diese Jahreszeit: ein bisschen Kontinuität in seltsamen Zeiten. Normalerweise findet hier allsommerlich die Wassermusik statt, ein Festival, das sich dadurch auszeichnet, dass wechselnde regionale Schwerpunkte global interpretiert werden.

Letztes Jahr widmete man sich dem „Black Atlantic“, dieses Jahr wären die Traditionen des Mississippi dran gewesen, aber das muss nun warten. Reisen ist bekanntermaßen schwierig, für US-amerikanische Künstler gar unmöglich, und sowieso ist lokal das neue Global.

Und so freut man sich diesmal eben an dem Gewässer, das hinter dem HKW entlang fließt, und an dem Umstand, dass dieser interdisziplinär aufgestellte Ort spontan ein Programm aus dem Ärmel geschüttelt hat, für das niemand reisen musste, das sich aber sehen lassen kann. Die im Rahmen der „20 Sunsets“ auftretenden Künstler sind allesamt in Berlin beheimatet.

An den beiden vergangenen Wochenenden wurde da unter anderem arabischer Pop neu interpretiert, von dem Violinisten Ashraf Kateb und seinen Mitstreitern; Christian Naujoks sang sehnsuchtsvoll über verwaberte Tracks, die irgendwo zwischen Neuer Musik und klassischem Songwriting angesiedelt waren.

20 Sunsets läuft bis 23. 8. im HKW, unter anderem noch mit Lisa Bassenge, Christiane Rösinger und Masha Qrealla, weitere Infos: www.hkw.de

Die stets sehenswerte Musikerin Mary Ocher stellte ein paar neue Songs vor – allerdings ohne Unterstützung von „Your Government“, den beiden Schlagzeugern, mit denen sie oft auftritt. Es war ein vergleichsweise leiser Auftritt, bei dem mehr als nur eine Prise Brecht-Weill in der Luft lag.

Zum Ambiente passt das, denn bewegen darf man sich in diesem Jahr ja allenfalls verhalten, Ekstase und Entgrenzung gilt es zu vermeiden. Auf den Boden ist gesprüht, wo die Stühle zu stehen haben, einzeln und in Zweiergruppen, und als jemand seinen Stuhl neben die beiden seiner Freunde stellt, also eine Dreiergruppe bildet, guckt er sich tatsächlich ganz verstohlen um. Auch sonst wirkt das Publikum recht popkonzertuntypisch. So ist eher der Typus „älterer Museumsgänger“ hier vertreten, doch die Leute lassen sich mitreißen. Große Dankbarkeit, dass überhaupt etwas passiert!

Da die Kulturbeilage taz Plan in unserer Printausgabe derzeit pausiert, erscheinen Texte nun vermehrt an dieser Stelle. Mehr Empfehlungen vom taz plan: www.taz.de/tazplan.

Ocher bestritt den musikalischen Eröffnungsabend zusammen mit der Brasilianerin Monica Besser, die sich doomsday-mäßig selbst als „Troubadourin am Ende des Anthropozäns“ bezeichnet. Mit ihrem Pop, in dem Música Popular Brasileira und Samba ebenso wie Tracy Chapman steckt, klang sie jedoch eher sommerlich fluffig als endzeitlich.

Der darauf folgende Abend stand dann ganz im Zeichen der Instrumente. Im Fall des Dänen Rolf Hansen eine sehr klar gespielte Gitarre, mit der ihm ein Spagat zwischen minimalistisch und eklektizistisch gelingt; im Fall von Stella Chiweshe – zur Hälfte ist die 74-Jährige in Berlin zu Hause, zur Hälfte in Simbabwe – ist das die Mbira, einer Art Lamellofon.

Ornithologen im Publikum

Dem traditionellen Instrument, das in ihrer Heimat von nur wenigen Frauen gespielt wird – schon gar in den 1960ern, als Chiweshe in diese Männerdomäne vorstieß –, entlockt sie Perkussives, Ambient und Minimal Music. Und wenn sie nicht selbst singt, lässt sie das Publikum Vogelstimmen imitieren. Es scheinen ein paar Ornithologen im Publikum zu sitzen: Das Gezwitscher ist bemerkenswert vielfältig; hoffentlich löst das im benachbarten Tiergarten keine Verwirrung aus.

Mehr Spannung zwischen Ambiente und Sound, mehr Verstörung im positiven Sinne tat sich dann am vergangenen Samstag auf, als Robert Lippok seinen avancierten Techno auf die Terrasse brachte. In dem stecken Stillstand und Bewegung zugleich, im Museum funktioniert er wohl ebenso gut wie auf der Tanzfläche. Lippoks Soloalbum „Applied Autonomy“ (2018) basiert auf Skizzen, die für eine Club-Performance entstanden sind – und weckt tatsächlich Sehnsüchte nach dunklen engen Räumen.

Wann man wohl da wieder Musik hören wird? Rätsel gibt auch das seltsame Gestrüpp auf, das neben dem knöpfchendrehenden Lippok auf der Bühne steht und das eigentlich wie ein Dekoelement wirkt. Allerdings scheint Lippok in den Strauch manchmal hineinzugreifen. Täuscht der Schein oder dient das Gewächs tatsächlich der Klangerzeugung?

Ausklingen tun die Sunset-Abende übrigens immer mit einem Film. Das Programm ist in Zusammenarbeit mit dem Arsenal entstanden, hat Schwerpunkte wie „Tiere beobachten“ oder „In die Wüste“ und bietet Filme, die vom Crowdpleaser-Repertoire der Freiluftkinos weit entfernt sind. Und den Auftakt zu den Wochenenden, über die man sich noch vier Wochen freuen darf, macht donnerstags immer eine Lesung.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Mit der taz Bewegung bleibst Du auf dem Laufenden über Demos, Diskussionen und Aktionen in Berlin & Brandenburg. Erfahre mehr

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de