Schulproteste in Berlin: Solidarität über Grenzen hinweg
Schüler:innen des Französischen Gymnasiums protestieren gegen Stellenstreichungen an Frankreichs Schulen und fordern auch in Berlin mehr Geld für Bildung.
Auf dem Pausenhof des Französischen Gymnasiums Berlins ist am Dienstagmittag wenig los. Der Schulhof wirkt sauber. Während auf der Hauptstraße einige Meter weiter der alltägliche Trubel herrscht, ist von den Schüler:innen nichts zu sehen. Ein starker Gegensatz zum Montag, an dem sich eine Gruppe von rund 150 Schüler:innen vor dem Gebäude versammelt hatten, um sich für bessere Schulbedingungen in Frankreich auszusprechen und sich mit den demonstrierenden Schüler:innen zu solidarisieren.
Seit September gehen dort Schüler:innen auf die Straßen. Auslöser dafür waren weitere vom französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron veranlasste Stellenstreichungen an Schulen, statt die geforderten Modernisierung des Bildungssystems durchzusetzen und gegen den anhaltenden Lehrkräftemangel anzukämpfen.
Laut mehreren Organisator:innen des Protestes in Berlin begannen die Streikenden schon um 6.15 Uhr die Eingänge des Gymnasiums mit Fahrradschlössern, Müllcontainern und E-Scootern zu verbarrikadieren. Bereits letzte Woche bildeten sich, laut eigenen Angaben, vage Pläne unter den Schüler:innen der Oberstufe, einen Protest zu organisieren. Hintergrund sei neben der Solidarität mit Frankreich auch die Unzufriedenheit mit dem Berliner Schulsystem, sagen einige Schüler:innen, die am Dienstagmittag schließlich doch noch auf dem Pausenhof auftauchen. An der eigenen Schule gehe es zum Beispiel seit vielen Jahren mit einer Baustelle kaum voran.
Die Schulleiterin rief, nach Angaben des Tagesspiegels, kurz nach Beginn des Protestes die Polizei, um die Sicherheit der Schüler:innen gewährleisten zu können. Schnell traten die Schüler:innen, laut eigenen Angaben, selbst mit der Polizei in Kontakt und meldeten eine Abschlusskundgebung an, die vorsah, zur französischen Botschaft am Pariser Platz zu laufen. Dort sprach eine Delegation von Schüler:innen direkt mit dem Verantwortlichen für Kultur und Bildung der Botschaft. Sie überbrachten die Anliegen der streikenden Schüler:innen, wie die Forderung, keine weiteren Mittel im französischen Bildungssystem zu streichen. Die Anliegen wurde laut der Protestorganisator:innen der französischen Botschaft weitergeleitet.
Auf taz-Anfrage äußerte sich das Französische Gymnasium nicht zu dem Protest oder möglichen Konsequenzen für die Teilnehmenden. Schüler:innen berichteten jedoch, dass am Dienstag eine Versammlung für die Oberstufe stattgefunden habe, bei der die Schülerschaft in Anwesenheit von Schulleiterin Nikola Dzembritzki und Lehrkräften ihre Meinungen und Fragen zur Situation in Frankreich äußern konnten. Auch die für Montag geplanten Klausuren wurden von der Schulleiterin auf Freitag vertagt.
Die Vorsitzende des Landesschülerausschusses Berlin Jennifer Mariella Rosin berichtet, sie verstehe die Frustration der Schüler:innen: „Der Protest spiegelt die Frustration der jahrelangen Vernachlässigung der Berliner Schulen wider.“
Sie sieht das Geschehene als Warnsignal an die Politik, mehr Geld in Bildung zu investieren und das Bildungssystem zu modernisieren. Trotzdem glaubt sie nicht, dass eine Protestwelle, wie sie in Frankreich vorherrscht, in Deutschland stattfinden wird, da in Frankreich eine grundsätzlich andere Protestkultur herrsche. Doch auch in Deutschland seien Protestaktionen von Schüler:innen geplant – zahlreiche Aufrufe kursieren in sozialen Medien mit dem Ziel, am 31. Oktober bundesweit auf die Straße zu gehen.
Nach Aussagen der Schülerschaft sind zu diesem Zeitpunkt keine neuen Proteste geplant. Trotzdem sagen sie: „Gerade jetzt ist es wichtig, die Demokratie zu schützen und sich mit Gleichaltrigen zu solidarisieren, um zu zeigen, dass auch junge Leute eine Stimme haben.“
Gemeinsam für freie Presse
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen
meistkommentiert