Berliner Bildungssystem: Jetzt wird abgerechnet
Rund 2 Millionen Stunden Mehrarbeit leisten Berlins Lehrkräfte im Jahr. Nun macht die GEW Druck: mit einer App zur Arbeitszeiterfassung.
Noch sind Sommerferien. Doch am Montag stehen Berlins Lehrkräfte wieder vor ihren Klassen – und neben dem Unterricht warten Vorbereitungen und Korrekturen, Konferenzen, Elterngespräche, Vertretungen und Verwaltungsarbeit. Pünktlich zum Schulstart nimmt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) nun genau diese Arbeit ins Visier.
Am Dienstag stellte sie eine App vor, mit der Lehrkräfte, die Mitglieder bei der GEW sind, ihre gesamte Arbeitszeit erfassen können. Der Stundenplan lässt sich direkt einspielen, alles Weitere wird mit wenigen Klicks dazugebucht. Entwickelt wurde die App gemeinsam mit der GEW Hessen – in Bremen hat das Zählen mit einer ähnlichen App bereits begonnen.
„Millionen Stunden Arbeit bleiben unsichtbar“, sagt der Berliner GEW-Vorsitzende Gökhan Akgün. Nach Berechnungen der Gewerkschaft leisten Berliner Lehrkräfte etwa 2 Millionen Stunden Mehrarbeit im Jahr. Eine Arbeitszeitstudie ermittelte im Schnitt 100 Stunden unbezahlte Mehrarbeit pro Lehrkraft im Jahr. Ein Drittel der Lehrkräfte überschritt zudem regelmäßig die gesetzliche Höchstarbeitszeit von 48 Wochenstunden.
Die GEW wartet nicht länger auf den Senat
Dass es ein Problem gibt, ist also längst bekannt. Neu ist: Die GEW wartet nicht länger auf den Senat. Parallel zur App bereitet sie Musterverfahren vor. In anderen Bundesländern haben Lehrkräfte bereits erfolgreich geklagt. „Wenn nötig, gehen wir vor Gericht“, sagt Akgün. Gesprächsbereit sei man weiterhin – aber nicht „unendlich geduldig“, wie er es formuliert.
Dabei geht es um weit mehr als Überstunden. Berlin braucht auch langfristig mehr engagierte Lehrkräfte – und muss sie nicht nur einstellen, sondern auch halten. Wie schwierig schon die Gewinnung ist, zeigt die Antwort des Senats auf eine Kleine Anfrage der Linken-Abgeordneten Franziska Brychcy: Von 3.678 Neueinstellungen für das Schuljahr 2026/27 waren zum 1. Juli lediglich 773 voll ausgebildete Lehrkräfte, etwa 21 Prozent. Zugleich ist die Fluktuation hoch: Lehrkräfte kündigen oder wechseln frustriert in andere Bundesländer, wo die Bedingungen manchmal nicht ganz so haarig sind.
Umso wichtiger wird die Frage, wie attraktiv der Beruf in Berlin überhaupt ist. Maximilian Tessenow, Lehrer in Neukölln, berichtet von zunehmender Armut und Gewalt bei den Kindern. Lehrkräfte übernähmen Sozialarbeit, für die sie nicht ausgebildet seien. Hinzu kommen neue Aufgaben durch Digitalisierung und KI.
Gerade das, was Schule zusammenhält, braucht Zeit: Gespräche führen, Konflikte lösen, Vertrauen schaffen – Beziehungsarbeit. Bei Personalmangel werde die Arbeit jedoch auf immer weniger Anwesende verteilt, sagt Tessenow. Die Folge: stärkere Durchtaktung und weniger Zeit für einzelne Schüler*innen. „Wenn sich die Arbeitsbedingungen nicht verbessern, dann verbessern sich auch nicht die Lernbedingungen der Schüler.“
Auch Schulleiter Stephan Wahner erlebt das täglich. An seiner Grundschule in Prenzlauer Berg fehlen rechnerisch anderthalb Lehrkräfte in Vollzeit, Erzieher*innen sind ebenfalls knapp. Krankheitsbedingter Ausfall und Vertretungen machen die Organisation zum Kraftakt. Für Schulentwicklung bleibt kaum Zeit. Wahner sieht Rückschritte bei der Inklusion und immer weniger Raum für ganzheitliche Bildung.
Die finanziellen Spielräume bleiben eng
Arbeitszeiterfassung klingt da fast nach einem technischen Detail. Tatsächlich könnte sie Ausgangspunkt einer überfälligen Bildungsreform sein. Berlin muss wissen, wie viel Zeit guter Unterricht, Inklusion und Beziehungsarbeit brauchen – und wie viel Personal dafür tatsächlich nötig ist.
Das wird nach den Wahlen auch eine Haushaltsfrage. Die finanziellen Spielräume bleiben eng. Doch weitere Einsparungen könnten einen Kreislauf verschärfen: Überlastete Lehrkräfte reduzieren ihre Stunden, kündigen oder wechseln das Bundesland, der Personalmangel wächst – und für die Verbliebenen steigt der Druck weiter.
Gute Bildung kostet Geld. Zu wenig davon ganz sicher noch mehr: Eine Stadt, die an ihren Schulen keine guten Lernbedingungen schafft, handelt sich gesellschaftliche Probleme ein, die sie später an anderer Stelle teuer bezahlen muss. Die GEW beginnt nun zu zählen. Damit könnten aus 2 Millionen unsichtbaren Stunden Mehrarbeit schockierend konkrete Anforderungen an die nächste Landesregierung werden.
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