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Smartphonefreie Schule„Es geht auch ohne, aber mit ist besser“

Der mögliche nächste rot-grün-rote Senat in Berlin will Smartphones aus Grundschulen verbannen. An einer Oberschule lernen Schü­le­r:in­nen den bewussteren Umgang mit dem Handy.

Die Antwort fällt eindeutig aus. Als Workshopleiter Jacob Weizman fragt: „Wer hat schon mal erlebt, dass es zu viel wird mit dem Smartphone?“, zeigen alle 26 Schü­le­r*in­nen einer 9. Klasse an der Vincent-van-Gogh-Schule in Hohenschönhausen auf. „Wer hat schon mal das Telefon genommen, um einem Freund eine Nachricht zu schicken, und nach einer halben Stunde Instagram gemerkt, dass ihr die Nachricht immer noch nicht geschickt habt?“, schiebt Weizman hinterher. Auch hier melden sich alle. Einstimmig ist es auch bei der dritten Frage: Als er fragt, wer von den 15- bis 16-Jährigen sei­n*ihr Smartphone wegwerfen würde, meldet sich – niemand.

An dieser Stelle setzt Weizman an. In Workshops will er Schü­le­r*in­nen wenigstens ein bisschen mehr Autonomie im Umgang mit ihrem Smartphone vermitteln. Ganz banal geht es etwa darum, das Gerät fünfmal weniger pro Stunde in die Hand zu nehmen und zu aktivieren. Oder dass die Schü­le­r*in­nen tatsächlich gezielt das machen, was sie beim Aktivieren geplant hatten. Ein Ziel ist auch, die Zeit, die sie vor dem Bildschirm verbringen, etwas zu reduzieren.

An der Vincent-van-Gogh-Schule sind Smartphones seit dem vergangenen Schuljahr verboten. Die Schü­le­r*in­nen dürfen die Handys auf dem Schulgelände und während der Schulzeit nicht anmachen und nicht nutzen. Werden sie erwischt, zieht die Schule das Telefon ein. Nun sollen alle 750 Schü­le­r*in­nen durch das von Weizman entwickelte mehrwöchige Programm auch einen bewussteren Umgang mit Social Media im Alltag einüben.

In Berlin ist es Schulen freigestellt, eine Regelung zum Umgang mit Smartphones zu finden. Zu einem pauschalen Verbot mochte sich die Bildungsverwaltung bisher nicht durchringen. Dagegen drängten SPD-Stadträte für Jugend und Gesundheit aus Marzahn-Hellersdorf, Steglitz-Zehlendorf und Tempelhof-Schöneberg vor rund einem Jahr auf ein allgemeines Verbot von Handys an Schulen. Im Sondierungspapier haben Linke, Grüne und SPD sich nun auf ein Smartphoneverbot an Grundschulen verständigt, „damit Kinder in Ruhe lernen und spielen können“.

Die Technik zum eigenen Vorteil nutzen

Im Auftaktworkshop fordert Weizman die Schü­le­r*in­nen auf, zwei weitere Fragen zu beantworten. „Bitte schreibt einmal auf: Was findet ihr super an Smartphones? Und was nervt euch am meisten?“; fragt er. Kontakt, Spaß, alles nachgucken zu können, Ablenkung gegen Langeweile und Bilder sehen die Schü­le­r*in­nen als große Vorteile. „Man hängt meistens zu viel am Handy“, sagt ein Schüler. „Man kann Druck verspüren, immer online sein zu müssen und kriegt gar nicht mit, wie viel Zeit man mit dem Gerät verbringt“, sagt ein anderer.

Jugendliche aktivieren ihr Telefon laut Studien 180 Mal am Tag und verbringen rund 7 Stunden täglich am Handy

„In den kommenden vier Wochen werdet ihr üben, wie ihr die Technik zu eurem Vorteil nutzen könnt, ohne dass sie der Mittelpunkt von eurem Leben ist“, sagt Weizman. Am Ende dieser Zeit, so hofft er, werden die Jugendlichen ihr Leben bewusster gestalten können und mehr selbst entscheiden, wie sie ihr Smartphone nutzen, wie oft sie es anmachen und letztlich auch, wie viele Stunden am Tag sie den Apps, Algorithmen und Social-Media-Kanälen schenken. „Wir bezahlen mit unserer Zeit und Aufmerksamkeit“, sagt Weizman den Schü­le­r*in­nen und lässt sie schätzen, wie viele Stunden junge Menschen im Schnitt pro Tag am Smartphone verbringen.

Deren Antworten sind nahe dran an dem, was Studien sagen: 7 Stunden täglich seien es im Schnitt in dieser Altersgruppe, sagt Weizman, Jugendliche würden demnach ihr Telefon 180 Mal am Tag aktivieren. „Umgerechnet heißt das: Alle fünf Minuten greifen wir nach dem Ding“, sagt er und hält sein Telefon dabei hoch. „Wenn wir es nur alle 30 Minuten aktivieren, wären wir bei 32 Aktivierungen pro Tag“. Und er sagt, warum er die 7 Stunden und die vielen Aktivierungen problematisch findet. „In dieser Zeit passiert nicht viel. Vor allem nichts, was wir später als wichtige Erfahrung oder tolles Erlebnis erinnern“, sagt Weizman. „Und Erinnerungen sind wichtig, sie sind das, was unser Leben am Ende ausmacht“, betont er.

„Ich würde mehr Zeit mit meinen Großeltern verbringen“, sagt eine Schülerin auf die Frage, was sie machen würde, wenn sie durch weniger Smartphone-Zeit zwei Stunden mehr am Tag frei verfügbar hätte. „Ich würde mit meinen Freunden rausgehen“, sagt ein Schüler. Dessen Sitznachbarin sagt, sie würde mit Freunden malen und zeichnen, eine andere meint, mehr Sport.

Um das zu schaffen, dafür bräuchten die Schü­le­r*in­nen konkretes Handwerkszeug: 30 Minuten vor dem Einschlafen und nach dem Aufstehen ohne Smartphone; Push-Nachrichten ausstellen, Offline-Zeiten schaffen oder smartphonefreies Schlafzimmer steht auf einer Liste, die Weizman im Workshop einblendet.

Vier Wochen lang werden die Leh­re­r*in­nen der Schule die ersten 10 bis 15 Minuten ihres Unterrichts darauf verwenden, mit den Schü­le­r*in­nen anhand von Filmen oder Fragen den eigenen Umgang mit dem Smartphone zu reflektieren, um ihn schrittweise zu ändern. Die Leh­re­r*in­nen seien ausdrücklich eingeladen, diese Fragen für sich ebenfalls zu beantworten und das eigene Nutzungsverhalten zu reflektieren.

Auf den Plattformen hängenbleiben

Er nutze das Smartphone vor allem, um mit Freun­d*in­nen zu schreiben, sagt der 14-jährige Jakob, verbringe aber auch Zeit auf Snapchat und anderen sozialen Medien. „Beim Videos schauen bleibe ich auch schon mal länger auf der Plattform hängen“, sagt er. „Einmal wollte ich eigentlich zum Sport gehen und habe es nur genommen, um eine kurze Pause zu haben“, erzählt er. „Und eine Dreiviertelstunde später habe ich erst gemerkt, wie viel Zeit vergangen war, da war es für den Sport dann zu spät“, sagt er.

Die 14-jährge Alicia sagt, dass sie das Handy vor allem nutze, wenn sie unterwegs sei. Um Freun­d*in­nen zu schreiben, wo sie sei, um sich zu verabreden, oder um sich die Wartezeit auf den Bus zu vertreiben. „Ich finde es auch gut, das zu haben auf dem Weg zur Schule, falls ich mal Hilfe brauche“, sagt sie. Als ihr Smartphone in den Sommerferien kaputt war, hätte sie mehr Zeit mit Freun­d*in­ne und mit ihrer Mutter verbracht.

Eine Lehrerin der Schule erzählt, dass es die Schü­le­r*in­nen waren, die sogar eine härtere Strafe eingefordert hatten bei Verstößen gegen das an der Schule geltende Handyverbot

Zeiten, zu denen das Smartphone bewusst aus ist, die fände er an sich gut, sagt er. „Süchtig würde ich jetzt nicht sagen, aber kurz vor süchtig“, sagt er. Sein Telefon sei auch mal eine Woche kaputt gewesen. „Es geht auch ohne, aber mit ist besser“, findet er. In der Schule würde er durchaus auch mal zwischendurch auf der Toilette auf das Handy schauen. „Das machen viele, da bin ich nicht der Einzige. Das können Sie ruhig schreiben“, meint er. Seine Mutter könne sehen, wie viele Stunden er pro Tag am Handy verbringe. „Sie spricht mich dann auch mal darauf an“, sagt er.

Eine Lehrerin der Schule erzählt, dass es die Schü­le­r*in­nen waren, die sogar eine härtere Strafe eingefordert hatten bei Verstößen gegen das an der Schule geltende Handyverbot. „Wer das dritte Mal erwischt wird, dessen Smartphone behalten wir über das kommende Wochenende in der Schule“, sagt sie. Die Schule entschied sich parallel zu dem kompletten Verbot von Smartphones dafür, den Schulhof mit mehr Spiel- und Sportgeräten auszustatten. Inzwischen würden Schü­le­r*in­nen in den Pausen oft in größeren Runden zusammensitzen und diskutieren oder auch Karten spielen. Bei den Nachmittagsangeboten gibt es jetzt auch gemeinsames Filmgucken oder Rollenspielnachmittage – Dinge, die die Jugendlichen vorher teils allein zu Hause gemacht haben.

„Ich hatte anfangs extreme Bedenken und die Befürchtung, dass wir ein Smartphoneverbot an der Schule nicht durchsetzen können“, sagt Tobias Bischoff, Klassenlehrer von Alicia und Jakob. „Es ist ja auch sehr bequem, die Jugendlichen vor dem Handy zu parken“, sagt Bischoff. „Wir wussten: Wenn wir es wirklich verbieten, müssen wir ihnen auch etwas anbieten.“ Und: Auch die Leh­re­r*in­nen wollen versuchen, ein Vorbild zu sein und das Handy weniger in der Hand zu haben. „Aber es entstehen Situationen, da sehen sie: Wir dürfen es und sie nicht“, räumt der Klassenlehrer ein, der etwa immer die Anwesenheit übers Handy im digitalen Klassenbuch vermerkt.

Im Wettbewerb um Aufmerksamkeit

„Eigentlich sind wir schon seit 2015 in einem ständigen Wettbewerb um die Aufmerksamkeit der Schüler*innen“, sagt Jens Frehmel, Mittelstufenkoordinator an der Vincent-van-Gogh-Schule. Ab dem Zeitpunkt seien die Algorithmen ausgefeilter geworden, Unternehmen führten den „Gefällt mir“-Knopf ein. Die Schü­le­r*in­nen „erreichen Kompetenzen nicht mehr, die Aufmerksamkeitsspanne nimmt ab, nur weil das Handy in der Nähe ist“, sagt er. „Es gibt ja die starken Verfechter der neuen Medien. Wir erleben das im Schulalltag aber anders: Die neuen Medien verhindern vieles“, sagt er.

Da geht Unterrichtszeit verloren. Aber wir gucken auch auf die langfristigen Auswirkungen. Wir denken, dass das, was wir vorhaben, wichtiger ist als der Fachunterricht, der für diesen Zeitraum im Umfang reduziert stattfindet

Florian Hackmann, Schulleiter er Vincent-van-Gogh-Oberschule in Lichtenberg

Schon nach einem Jahr „Smartphonefreie Schule“ könnten die Schü­le­r*in­nen sich besser konzentrieren, beobachtet Frehmel. Nils Seidel, Psychologe an der Schule, bestätigt das. „Wir haben ein viel größeres Risiko, dass Schü­le­r*in­nen vereinsamen“, sagt er. Er führt auch gesteigerte Selbstzweifel und Ängste auf die übermäßige Nutzung von Smartphones zurück.

„Da geht Unterrichtszeit verloren. Aber wir gucken auch auf die langfristigen Auswirkungen. Wir denken, dass das, was wir vorhaben, wichtiger ist als der Fachunterricht, der für diesen Zeitraum im Umfang reduziert stattfindet“, sagt Schulleiter Florian Hackmann. Dass sie an der Schule eine klare Regelung ohne Ausnahmen gefunden haben, sieht er als Chance. „Aber das war ein langer Prozess. Ich würde mir eigentlich wünschen, dass es eine Regelung aus der Politik gibt“, sagt er.

Schulen, die sich dafür entscheiden, Handys aus dem Unterricht zu verbannen, müssen sich dann auch damit beschäftigen, wie sie das umsetzen. Teils sammeln Leh­re­r*in­nen die Geräte morgens ein und verschließen sie in tragbaren Safes. Doch solche Safes sind teuer. Es ist auch teils unklar, wer haftet, wenn ein Gerät kaputtgeht oder verschwindet.

Keine einheitliche Regelung

Eine einheitliche Regelung für Berlins Schulen hätte ihnen wahrscheinlich Diskussionen mit Eltern erspart, sagt der Schulleiter. „Da hatten einige schon Probleme, zu akzeptieren, dass sie ihre Kinder nicht rund um die Uhr erreichen können“, sagt Hackmann. „Wir haben eine Fast-Totalüberwachung der Kinder und Jugendlichen. Aber was sie sich auf dem Smartphone ansehen, das überwacht keiner“, sagt er. Im Gegenteil: „Die Erwachsenen haben nicht aufgepasst, was sie den Kindern da in die Hand geben und was die auf den Endgeräten ansehen“, sagt Hackmann.

Und der Schulleiter betont: „Wenn die Schü­le­r*in­nen hier einen anderen Umgang mit dem Smartphone einüben und sich angewöhnen, geben wir ihnen eine Kompetenz mit, von der sie ihr ganzes Leben lang profitieren können.“ Eben deshalb habe sich die Schule entschlossen, dafür Fördergelder aus dem Startchancen-Programm zu nutzen und die Workshops für alle geschlossen anzubieten.

Hackmann sieht sich durch die Ergebnisse bestätigt. Die Umfrage nach dem Workshop-Programm haben 670 der Schü­le­r*in­nen beantwortet. Daraus ergibt sich, dass die Schü­le­r*in­nen ihre Bildschirmzeit um knapp 30 Prozent reduziert haben, die Bildschirmaktivierungen haben sie um rund 40 Prozent reduziert. Schü­le­r*in­nen sagen, dass sie mehr Sport machen, mehr Zeit mit Freun­d*in­nen und der Familie verbringen und auch besser schlafen. „Das müssen wir jetzt nur noch verstetigen“, sagt der Schulleiter.

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