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Sexuelle Übergriffe in der JugendhilfeOrganisierte Verantwortungslosigkeit

Die Doku „Das Kentler-Experiment“ erzählt vom größten Jugendhilfeskandal des Landes. Sie zeigt, wie Jugendämter pädosexuelle Pflegeväter deckten.

Über drei Jahrzehnte schicken Berliner Jugendämter schwer erziehbare Minderjährige zu pädophilen Straftätern Foto: Johannes Straub

Ein Mann läuft, das Gesicht mit Kapuze verhüllt, durch Berlin, dazu erklingt dramatische Musik: „Marco, ein 7-jähriger Junge, der in die Mühlen der Jugendhilfe geraten war.“ Das könnte jetzt blöd werden, denkt man kurz. Doch statt Symbolfotos von zerbrochenem Spielzeug oder ominös aufragenden Männerschatten sieht man: ein Kaninchen.

„Marco“ erzählt, wie es ihm als Junge beim Pflegevater ging, an den ihn ein Westberliner Jugendamt 1989 vermittelt hatte. Große Altbauwohnung, Zwergkaninchen, Pflegebrüder – alles „freundlich im ersten halben Jahr. Und dann gings los.“

Sexuelle Übergriffe, beinahe täglich, Schläge, Vernachlässigung. H., ein vorbestrafter Pädosexueller, wurde seit 1973 dafür bezahlt, Kinder aus schwierigen Verhältnissen zu betreuen – im Wissen darum, dass die „Betreuung“ auch sexuelle Übergriffe beinhaltete. Fritz H.s fachliche Supervision besorgte der Sexualwissenschaftler Helmut Kentler. Er schirmte H. vor behördlichen Nachfragen ab. Und tröstete Marco am Telefon, wenn der abends mit einem Messer unterm Bett auf den „Teufel“ wartete.

Die Doku

Das Kentler-Experiment – staatlich finanzierter Kindesmissbrauch“, 4.2., 20.15 Uhr, 3Sat

Mit ihrem Film „Das Kentler-Experiment“ hat sich die Journalistin Katarina Schickling einem der größten Jugendhilfeskandale der Bundesrepublik genähert. Mindestens drei solcher Pflegestellen hatte der 2008 verstorbene Sexualpädagoge Helmut Kentler eingerichtet. Seine Idee, wonach Pädosexuelle, die eine „befriedigende sexuelle Beziehung“ zu ihren Schützlingen lebten, besonders liebevolle Pflegeväter sein könnten, klingt verrückt – stieß damals auf amtliche Zustimmung. Wie kann das sein?

Schickling sucht Antworten bei Ex­per­t:in­nen wie Teresa Nentwig. Sie berichtete darüber erstmals 2013 in der taz, auch über die desaströse Aktenlage. Nicht einmal ein Organigramm der damaligen Senatsverwaltung gebe es.

Als „Chefaufklärer“ profiliert

Der Name der Senatsbeamtin, die das „Experiment“ genehmigte, bleibt unauffindbar. Trotzdem gelang es Forscher:innen, in drei Aufarbeitungsstudien einige Zusammenhänge zu erhellen. Etwa zur Odenwaldschule.

Kentler vermittelte Berliner Jugendamtskinder auch an den pädosexuellen Schulleiter Gerold Becker, oder zu Herbert E. Colla-Müller, der ab 1975 bei Lüneburg ähnliche, von Berlin finanzierte „Sonderpflegestellen“ betrieb, wo er männliche Jugendliche missbrauchte.

Der Erziehungswissenschaftler Jürgen Oelkers erklärt, wie Kentlers pädagogisches „Experiment“ von einer Krise der staatlichen Fürsorge profitierte. Clips aus alten „Abendschau“-Nachrichten zeigen verwahrloste minderjährige „Trebegänger“ am Bahnhof Zoo, die aus knastähnlichen Heimen abgehauen waren.

Kentler, der sich in der Öffentlichkeit zwischen Oswald Kolles Softpornos und antiautoritären Kinderläden als „Chefaufklärer“ profiliert hatte, nutzte die Ratlosigkeit geschickt.

Der Film zeigt anhand vieler TV-Mitschnitte, wie omnipräsent Kentler damals war. Und erklärt damit zumindest teilweise, warum selbst Fachleute seinen Thesen von „befreiter Kindersexualität“ auf den Leim gingen.

Die gründliche Spurensuche und ein Verzicht auf populistische Töne ist ein Verdienst dieser Arbeit, die zwar keine neuen Erkenntnisse liefern kann, aber mit Marco einen der Betroffenen zu Wort kommen lässt. Seine Schilderungen, wie ein behinderter Junge in H.s Obhut starb, machen deutlich, dass kein Gras über dieses grauenhafte „Experiment“ wachsen darf.

Dass am Ende noch die „vielen guten Momente“ gewürdigt werden, die Helmut Kentler – trotz allem – der deutschen Sexualpädagogik beschert habe, ist unverständlich und schadet dem gesamten Film.

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