Sexismus bei Computerspielern

Rache des Gamer-Stars

Frauen zu diskriminieren ist in der Computerspielszene Alltag. Wer darauf hinweist, wird schnell zum Ziel von Hasskampagnen.

Ein Mensch mit Kapuze vor einem Computer

In der Gamingszene gibt es ein Problem mit misogyner Kultur Foto: imago-images/Westend 61/JRFF02019

BERLIN taz | Sobald sie sich einloggt, geht es los. Jedes Mal, wenn die Studentin ihre sozialen Netzwerke öffnet, blöken ihr Beleidigungen und Drohungen entgegen – nicht selten in Großbuchstaben. Für sie ist das längst Alltag, sie kann nichts dagegen tun. „NeueSappho“ ist das Pseudonym der Frau, um die es geht. Mit der taz spricht sie nur unter der Bedingung, dass wir ihren Klarnamen nicht nennen – aus Furcht vor weiteren Anfeindungen. Denn dass immer mehr Menschen im Netz sie kennen, ist der Kern ihres Problems.

„Ekelhaftes Stück Dreck“ muss sie lesen, wenn sie online geht. Sie sei eine „Nutte“, „Möchtegernfeministin“. Die Absender sind Computerspielfans, genauer: Fans eines Computerspielers, den „Sappho“ kritisiert hat, und die nun ihr Idol verteidigen – und die dabei keine Grenzen zu kennen scheinen. So etwas wie Sappho kann im Grund allen passieren, die Kritik an Idolen aus der Gamer-Community üben.

Der Computerspieler, über den sich „Sappho“ geäußert hat, heißt Erik Range und hat als Spiele-Influencer „Gronkh“ über fünf Millionen Fans auf YouTube, wo er Games ausprobiert und dabei über die fiktiven Welten in diesen Spielen sinniert. „Sappho“, selbst Gamerin, störte sich an einigen seiner grobhumorigen Einlagen: Beim Vorspielen der Abenteuersimulation „The Forest“ deute „Gronkh“ mit seinem Avatar, also seiner Spielfigur, sexuelle Handlungen an Gegnern an, wirft sie ihm vor.

Besonders bei besiegten (sprich: gemetzelten) weiblichen Zombies. Die Geschichte beginnt, als „Sappho“ auf Twitter erklärt, warum sie derartige „Vergewaltigungswitze“ verletzend findet. Diese verharmlosten Gewalttaten könnten außerdem Missbrauchsopfer triggern, also an die Tat erinnern und starke negative Gefühle hervorrufen. „Das ist nicht akzeptabel. Nicht für mich und nicht für andere Opfer“, schreibt Sappho abschließend.

Gronkh reagiert, indem er seine Kritikerin in einem Kommentar als „Furie“ bezeichnet. Eine einzelne sexistische Beleidigung – das hätte es gewesen sein können. Doch Gronkh folgen auf Twitter knapp 1,3 Millionen Fans, von denen einige sich zur Ehrenrettung des YouTubers bestellt sehen. Über sechshundert Nachrichten, über 2.000 Kommentare erhält Sappho in den folgenden Wochen. Viele herabwürdigend, einige noch schlimmer, mehrere wünschen ihr eine echte Vergewaltigung.

Weit über dreihundert Folgen gibt es, in denen Gronkh „The Forest“ spielt, Hunderttausende schauen zu. Greift man sich nur stichprobenartig einige Folgen heraus, kommt man zu folgendem Ergebnis: In mehreren der halbstündigen Videos wird die Misshandlung untoter Frauen zumindest angedeutet.

In der Folge „Achtung, Polizei! Wände hoch!“ spielt Gronkh auf so etwas wie Fellatio mit einem Leichnam an, durch ruckartige Bewegungen des Cursors; in der Folge „Smalltalk, Schlachten, Häuslebau“ steigt die Figur von Gronkhs Mitspieler auf einen leblosen Körper und bewegt sich mehrfach auf und ab.

Vergewaltigend durch die Stadt

Längst ist klar, dass es in der Gamingszene ein Problem mit frauenverachtenden Gewaltfantasien, mit misogyner Kultur gibt. Erst im letzten Herbst war der Spieler „Shirrako“ mit frauenverachtenden Aktionen innerhalb der Pixelwelt des Westernspiels „Red Dead Redemption 2“ aufgefallen, zwischenzeitlich löschte YouTube sein Konto. Im Februar 2019 sorgte ein Teaser für das Spiel „Rape Day“ auf der Plattform Steam für Empörung das Spielkonzept sah vor, als Glatzkopf vergewaltigend durch die Stadt zu ziehen.

Sappho, Gamerin

„Große YouTuber*innen nutzen ihre Followerzahl öfter aus, um zu zeigen: Wenn du mich kritisierst, schicke ich meine Armee“

Mittlerweile steht das Werk auf dem Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. „Rape Day“, das dürfte fast allen klar sein, ist eine Geschmacklosigkeit. Bei vielen subtileren Sexismen ist es aber notwendig, dass kritische Gamer*innen immer wieder darauf hinweisen. Was aber, wenn sie das nicht mehr wagen, aus Angst vor nicht enden wollenden Attacken einer Armee von Unbekannten, wie sie Sappho erlebt hat und noch immer erlebt?

Das Prinzip heißt „Silencing“ – Ruhigstellen. Und das funktioniert. „Große YouTuber*innen nutzen ihre Followerzahl öfter aus, um zu zeigen: Wenn du mich kritisierst, schicke ich meine Armee“, beschreibt es Sappho gegenüber der taz. Das muss keine Absicht sein. „Diese YouTuber*innen verstehen nicht, dass ihre Fans es sehen, wenn sie beleidigend kommentieren, und sich natürlich auf ihre Seite stellen.“ Sie nennt das, was diesen Stars im Netz fehlt, „Reichweitenverantwortung“. Das Management von Erik Range alias „Gronkh“ reagierte auf unsere Bitte um eine Stellungnahme nicht.

Der Internetsoziologe Stephan Humer beschäftigt sich mit solchen Strategien der Einschüchterung. Humer sieht diejenigen in der Pflicht, die im Besitz einflussreicher Accounts sind: „Wer eine sechs- oder siebenstellige Followerzahl hat, muss sich der Verantwortung auch bewusst werden.“ Wenn so ein Star bei einer offensichtlichen Kampagne der eigenen Fans gegen Dritte nicht eingreife, sei das eine bewusste Entscheidung: „Nichtstun kann nicht als Ausrede gelten“.

Um eine solche Kampagne auszulösen, reicht es oft aus, den oder die Kritiker*in in einem Post zu erwähnen. Das heißt auch „DrüKo“, Abkürzung für „Drüberkommentar“. So kann eine Person, die gerade im Netz noch ein Niemand war, plötzlich ins Fadenkreuz von Millionen User*innen geraten.

„Viele ätzende Nachrichten“

So passiert ist es „Lou“, die aus den gleichen Gründen wie Sappho unerkannt bleiben möchte. Lou bemängelte auf Twitter rechtes Gedankengut in der Gamingszene. Der Gamer Viktor Roth alias „iBlali“ erwähnte sie einem solchen „DrüKo“. Roth, 27, macht seit zehn Jahren Youtube-Videos, 1,4 Millionen Menschen folgen ihm. „Ich bekam extrem viele ätzende Nachrichten“, berichtet Lou. Ihr Postfach sei praktisch eingenommen worden von Fans, die sich misogyn oder behindertenfeindlich äußerten. „Dadurch war meine Möglichkeit, Twitter zu nutzen, sehr stark eingeschränkt.“

Roth, dessen Fans auf Lou losgegangen sind, bedauert das: „Mir tut es leid, dass die betroffene Userin beleidigt wurde“, sagt er auf Nachfrage. Doch auch er selbst sei mit Hunderten generalisierenden und aggressiven „DrüKos“ beleidigt worden, als „Sexist“ und „Antifeminist“ habe man ihn ins falsche Licht gestellt. Dass die entsprechenden Accounts deutlich weniger Reichweite haben als seiner, lässt er nicht gelten: „Jeder von uns ist Influencer, ganz egal ob mit 1.000 oder einer Millionen Follower.“ Wer mit negativen Reaktionen nicht klarkomme, könne sein Profil ja auf „privat“ schalten.

Dann jedoch gibt man die Chance auf, an Netzdebatten teilzunehmen und wichtige Kritik so zu äußern, dass sie wahrgenommen wird. Zwar gibt es Werkzeuge, die nur das Blockieren der Follower eines bestimmten Kontos möglich machen sollen. Diese sind aber in ihren Möglichkeiten begrenzt. Das Problem bleibt: Wer Stellvertreterhelden kritisiert, muss wie Sappho mit der Wut loyaler Anhänger rechnen, und damit, dass die Flut an Herabwürdigungen so schnell nicht mehr aufhört.

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