Sexismus auf Berlins Straßen: Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!
Die Logos des Mietwagenanbieters Miles werden nahezu flächendeckend sexistisch abgewandelt. Das Unternehmen sieht darin kein Problem. Gehts noch?
W as wiegt schwerer: Sexismus oder Sachbeschädigung? Für die Berliner Carsharing-Firma Miles scheint die Antwort klar zu sein – es ist Letzteres.
Das Phänomen ist nicht neu. Seit Jahren wird bei „MILES“-Autos der untere Strich des „E“ entfernt und zack: schon steht da „MILFS“, kurz für „Mother I’d like to fuck“, hier im Plural. In Berlin ist das Phänomen inzwischen allgegenwärtig, einen MILFS-freien Transport zu finden, nahezu unmöglich. „Miles? Dachte, die Firma heißt Milfs“, scherzt ein Nutzer im Internetforum Reddit.
Zum Schreien komisch finden den sexistischen Running Gag anscheinend auch die Berliner*innen: „95 Prozent der Leute finden es unterhaltsam“, sagte eine Unternehmenssprecherin der Berliner Zeitung. „Da schmunzeln wir gerne mit.“ Denn: „Das Schöne ist ja, dass es keine von uns initiierte Aktion ist, sondern eine Bewegung, die aus der Community heraus entstanden ist.“
Nur ist das kein hippes „Community“-Projekt von spätpubertären Berliner*innen, sondern Ausdruck eines tief verwurzelten Sexismus. Es ist eine der vielen alltäglichen geschlechtsspezifischen Mikroaggressionen, die der Konzern mit seiner gleichgültigen Haltung legitimiert und normalisiert.
Akronym aus der Pornoindustrie
Das Akronym „MILF“ stammt schließlich aus der Pornoindustrie und dient dazu, Flinta* über 30, die im patriarchalen System aus dem öffentlichen Blick verschwinden, weiterhin eine Daseinsberechtigung zu verleihen. Vorausgesetzt, sie entsprechen einer spezifischen männlichen Fantasie und haben eine hohe „fuckability“.
Sie sollen sexy sein, aber auch fürsorgliche Mutter, erfolgreich, aber auch begehrenswert – und zwar nicht für sich selbst, sondern als Objekt männlicher Begierde. Aufgedrückt bekommen Flinta* dieses Gütesiegel von cis-hetero Männern wie ein Vanillepudding von Stiftung Warentest: lecker, schmeckt.
Dass der Begriff „nicht ganz unproblematisch“ ist, räumt auch die Sprecherin ein: „Auch wenn die meisten drüber lachen, bleibt er sexistisch.“ Das Hauptproblem sieht der Mietwagenanbieter jedoch nicht im Sexismus, sondern – na klar – im Vandalismus. Diesen beklagte Miles schon im vergangenen Jahr lautstark.
Damals wurden die abgewandelten Logos noch korrigiert. Inzwischen sei das nicht mehr abbildbar, findet die Sprecherin. Nun werde das Logo erst in die Ursprungsform gebracht, wenn ein Auto ohnehin in die Werkstatt muss.
Voll entspannt bei Misogynie
Das sexistische Witzchen kann das Unternehmen auch deshalb inzwischen so entspannt sehen, weil es massenhaft Aufmerksamkeit erzeugt. Es werden Fotos auf Social Media geteilt, in Podcasts darüber gescherzt, Influencer*innen und Marken wollen kooperieren.
Eine Agentur habe ihnen vorgeschlagen, mit Fotos von den MILFS-Autos auf Pornhub zu werben, so die Sprecherin. „Damit ist der Druck derzeit für uns nicht so groß, etwas daran zu ändern.“ Die MILFS kommerzialisieren würden sie jedoch nicht, das sei aus Sicht des Konzerns „unauthentisch“. „Ich persönlich finde das auch viel sympathischer, es einfach laufen zu lassen.“
Ach, wie sympathisch, Misogynie einfach ihren Lauf nehmen zu lassen.
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