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Serie „Ein mächtiger Gegner“ auf ArteKeine Zeit für einen Quickie

Eine junge Anwältin löst sich in der Serie „Ein mächtiger Gegner“ (Arte) von Karriereträumen und kämpft gegen einen skrupellosen Bergbau-Konzern – ohne Subtilität.

Ein mächtiger Gegner: Sarah gibt ihre Aussage zu Protokoll Foto: Lou Scamble/ARTE

Eine junge Frau liegt im Bett und wacht auf, weil von der Decke Blut auf sie, ausgerechnet auf ihr Dekolleté, tropft … Die nächste Szene spielt 24 Stunden zuvor. Dieselbe junge Frau, jetzt in einem durchgestylten Hochhaus-Apartment, hat gerade ihr morgendliches Fitness-Programm absolviert, für einen Quickie mit dem gut gebauten Freund auf der Kücheninsel bleibt wirklich keine Zeit mehr, die karrierebewusste Wirtschaftsanwältin (Caroline Dhavernas) ist gerade dabei, einen 200-Millionen-Deal einzufädeln. Splatter-Horror oder Anwalts-Soap? Weder noch.

„Vor dem Hintergrund kollidierender ökonomischer Interessen und ökologischer Notwendigkeiten gerät die Anwältin eines kanadischen Bergbauunternehmens in ein Geflecht aus Betrug und Verrat“, bewirbt der Sender Arte die kanadische Serie (Regie: Sophie Deraspe). Im französischsprachigen Original heißt sie „Ravages“, was so viel heißt wie „Verwüstungen“, und nicht ganz so lieblos-beliebig klingt wie der deutsche Titel: „Ein mächtiger Gegner“.Und grundsätzlich will man sich ja schon freuen, wenn eine Serie mal nicht aus den USA kommt.

Die kleinen Länder Dänemark und Israel haben mit ihren Serien-Wundern Geschichte geschrieben. Nun hat Kanada immerhin halb so viele Einwohner wie Deutschland, von der Fläche ganz zu schweigen. Aber serienmäßig ist das Land, das der amtierende amerikanische Präsident sich einzuverleiben auch schon einmal angekündigt hatte, bevor dann Grönland in seinen Fokus geriet, noch ein Sympathie-Punkt – doch eher ein Zwerg. In den 1990ern gab es da die charmante Jugendserie „Amanda und Betsy“ – jüngere Erfolge wie „Orphan Black“ und „Vikings“ waren schon keine rein kanadischen Produktionen mehr.

Die Serie

„Ein mächtiger Gegner“, sechs Episoden in der Arte-Mediathek schon jetzt verfügbar, linear ab dem 22.1.26 auf Arte

Jetzt also „Ravages“, Verwüstungen. Die hinterlässt der Konzern Minexore überall, wo er in seinen Minen Lithium abbaut und dabei die Umwelt mit Zyanid verseucht. Die Menschen sterben an Krebs oder werden, wenn sie protestieren, ermordet. Nicht nur im fernen Guatemala, sondern nun auch in Kanada, in Montreal, wo sich eine der Anführerinnen des Protests ausgerechnet über der Wohnung einquartiert hat, in der die Mutter der Junganwältin ihr Zuhause hat. In deren Bett also die Tochter liegt, als das Blut aus dem aufgeschlitzten Hals der Aktivistin durch die Decke tropft, siehe oben.

Der mächtige Gegner aus dem deutschen Titel ist ein Fiesling, wie er im (schlechten) Buche steht: großkotzig, skrupellos, einfach nur böse

Damit ist schon gleich einmal klargestellt, dass diese Serie auf nichts weniger Wert legt als auf Subtilität und Zwischentöne. Der „mächtige Gegner“ aus dem deutschen Titel ist ein Fiesling, wie er im (schlechten) Buche steht: großkotzig, skrupellos, einfach nur böse. Der Chef der Wirtschaftskanzlei in seinen Diensten (es ist natürlich die Kanzlei, in der die Heldin Karriere machen will) tritt konzilianter auf – und wirkt dadurch nur um so schmieriger.Auf der (guten) Gegenseite: ein Mordermittler (Robin Aubert), der äußerlich – mit langen, Haaren, Zottelbart und Strickjacke – nach dem Dude aus „The Big Lebowski“ kommt, sich seine Methodik jedoch bei Inspektor Columbo abgeguckt zu haben scheint. Mit dem trotteligen Auftreten überspielt er nur seinen Scharfsinn.

An seiner Seite wandelt sich die junge Anwältin bald vom Saulus zum Paulus, sie wechselt aus der noblen Kanzlei in das Lager der Umweltaktivisten – und damit auch den Duktus: „Jetzt lasst uns scheiß Minexore ordentlich ein paar aufs Maul hau’n! Los geht’s!“ Die mäßig gelungene Synchronisation (von Studio Hamburg Synchron GmbH) macht ihre Entwicklung nicht eben glaubwürdiger.Schön wär’s, aber „Ravages“ läutet leider kein kanadisches Serienwunder ein.

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