piwik no script img

Selenskyj warnt vor Flügen über RusslandWie die Ukraine ihre Drohnenangriffe ausweiten will

Der ukrainische Präsident Selenskyj deutet kommende Angriffe auf die zivile Luftfahrtinfrastruktur an. Reagieren ausländische Airlines darauf, trifft das Russlands Wirtschaft.

Die taz panterstiftung präsentiert unter taz.de/unserfenster jeden Mittwoch eine wöchentliche Auswahl aktueller Berichte aus russischen kritischen Medien. Mit diesem Projekt stärkt die taz panterstiftung unabhängigen Journalismus und ermöglicht es kritischen Redaktionen, ihre Arbeit auch unter schwierigen Bedingungen fortzuführen.

Meduza öffnet mit dem folgenden Beitrag ein Fenster nach Russland. Den ganzen Beitrag finden Sie hier auf Russisch.

Die Ukraine setzt ihre Angriffe auf das russische Hinterland fort. Neben Ölraffinerien und Lagerhallen geraten dabei zunehmend auch Militärstützpunkte und Energieanlagen ins Visier. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat zudem Angriffe auf die zivile Luftfahrtinfrastruktur angedeutet. Doch wie wirksam ist diese Strategie und welche Ziele könnten als Nächstes folgen? „Meduza“ analysiert die Logik hinter den Angriffen.

Bisher hat die Ukraine vor allem Raffinerien, Treibstofftanks und Warenlager angegriffen. Sie sind leicht entflammbar, großflächig und nur schwer zu schützen. Bereits wenige Treffer können erhebliche Schäden verursachen.

Zugleich lassen sich solche Anlagen nur schwer ersetzen oder dauerhaft reparieren. Die Angriffe zerstören somit nicht nur teure Infrastruktur, sondern stören auch ganze Produktions- und Lieferketten. Dies kann Unternehmen, andere Wirtschaftszweige und den Staatshaushalt beeinträchtigen.

Das gilt vor allem für Ölraffinerien. Ukrainische Drohnenattacken lösten im August bereits die zweite Benzinkrise aus. Die saisonbedingt hohe Nachfrage (wegen Ferienzeit und Ernte) verschärfte die Engpässe zusätzlich. Ihr volles Ausmaß ist schwer abzuschätzen, die Auswirkungen auf die Stimmung in der Bevölkerung sind jedoch bereits jetzt deutlich spürbar.

Putin mal wieder am Drohen

Nun brachte Selenskyj die zivile Luftfahrtinfrastruktur ins Spiel und deutete Angriffe darauf an. Er erklärte, die Ukraine bedrohe nicht den zivilen Flugverkehr selbst, doch die Menge russischer Drohnenangriffe könnte dazu führen, dass sich der russische Luftraum „de facto schließt“. Putin bezeichnete diese Aussage als „Ankündigung von Staatsterrorismus“ und drohte mit einem Abbruch der Verhandlungen.

Die Erfahrung mit Angriffen auf die Luftfahrtinfrastruktur in anderen Ländern zeigt: Flughäfen sind keine leichten Ziele. So griff der Iran wiederholt Flughäfen in den Golfstaaten und im Nahen Osten an. Dadurch wurden weder Flughäfen noch der Luftraum dauerhaft lahmgelegt, es kam meist lediglich zu kurzen Unterbrechungen. Selbst nach direkten Drohnentreffern konnten die Flughäfen den Betrieb nach wenigen Tagen wieder aufnehmen.

Im Mai griff die Ukraine auch einen wichtigen Knotenpunkt der russischen Luftfahrtinfrastruktur in der Region Rostow an. Von dort aus koordinieren Fluglotsen den Luftverkehr über weite Teilen Südrusslands. Mehrere Flughäfen mussten daraufhin für einige Stunden schließen. Der Effekt war somit kaum größer als bei den regelmäßigen vorsorglichen Sperrungen während Drohnenangriffen. Für nachhaltige Störungen wären längerfristige Angriffe nötig.

Selenskyj setzt möglicherweise darauf, dass bereits die Drohung den Flugverkehr nach und über Russland einschränkt. Ob ausländische Airlines – vor allem chinesische, arabische und indische – darauf reagieren werden, ist jedoch unklar. Bislang profitieren sie erheblich vom russischen Luftraum, der ihren Konkurrenten aus der EU und den USA weitgehend verschlossen ist.

Moskau schützt die Energieinfrastruktur

Ein weiteres mögliches Ziel ist die Stromversorgung, von der sowohl der Alltag der Bevölkerung als auch weite Teile der Wirtschaft abhängen. Russland greift seit Jahren vor allem im Herbst und Winter gezielt ukrainische Kraftwerke und Stromnetze an.

Die bisherigen Angriffe zeigen, dass Drohnen Umspannwerke und Transformatoren vorübergehend außer Betrieb setzen können. Um jedoch größere Stromausfälle zu verursachen, müssten zahlreiche Anlagen gleichzeitig getroffen werden. Die Schäden lassen sich vergleichsweise schnell beheben, wenn Ersatzteile verfügbar sind.

Kraftwerke und Wärmeerzeugungsanlagen sind mit kleineren Drohnen nur schwer zu beschädigen, Raketen wären dafür deutlich effektiver. Russland bereitet sich offenbar bereits auf mögliche ukrainische Gegenangriffe vor. In Moskau werden Umspannwerke mit physischen Schutzkonstruktionen gegen Drohnen gesichert.

Für Angriffe auf militärische Ziele eignen sich die derzeitigen ukrainischen Drohnen noch weniger, weil ihre Sprengkraft begrenzt ist und sie mobile Ziele kaum bekämpfen können. Eine Ausnahme bilden Gebiete, die von der russischen Armee besetzt sind. Dort haben ukrainische Terminals Zugang zu Starlink.

Erfolgreiche Angriffe auf Glasfaserwerk

Doch einige Drohnenangriffe waren auch erfolgreich. So trafen sie in der Stadt Saransk Russlands einziges Werk zur Herstellung von Glasfasern. Wegen der Beschädigungen soll die Produktion mindestens bis 2027 ruhen. Das Material wird unter anderem für glasfasergesteuerte Drohnen benötigt, die eine wichtige Rolle in der russischen Kriegsführung an der Front spielen.

Laut Selenskyj will die Ukraine ihre täglichen Drohnenangriffe auf Ziele tief in Russland deutlich verstärken – von derzeit durchschnittlich 300 auf bis zu 1.000 Drohnen. Diese Steigerung um das Zwei- bis Dreifache würde der ukrainischen Armee mehr Spielraum bei der Auswahl ihrer Ziele geben und den Druck auf Russlands Wirtschaft und Gesellschaft erhöhen.

Eine solche Ausweitung wäre jedoch mit erheblichen finanziellen und organisatorischen Problemen verbunden, wie auch Kyjiw einräumt. Spielraum für Fehlentscheidungen gibt es kaum, denn die Produktion von Langstreckendrohnen bindet einen beträchtlichen Teil des ohnehin begrenzten ukrainischen Militärbudgets, das wiederum maßgeblich von westlicher Unterstützung abhängt.

Mit Ihrer Spende an die taz panterstiftung helfen Sie, kritischen Journalismus zu stärken und auch unter schwierigen Bedingungen zu ermöglichen.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

5 Kommentare

 / 
  • Hans - Friedrich Bär

    Die Skepsis gegenüber den ukrainischen Vorhaben kann man teilen, die unübersehbaren Defizite der ukrainischen Defensive besichtigen.



    www.tagesschau.de/...e-ukraine-108.html

    Gegen FPV Übungsflüge russischer Drohnenpiloten am Dnipro werden Fischernetze gespannt,



    www.tagesschau.de/...e-cherson-130.html



    statt ihre Stellungen mit konventioneller Artillerie zuzudecken, was auch die Ukraine sich leisten kann.

    Man kann bei der Verteidigung eines Landes nicht viel mehr daneben liegen als die ukrainische Regierung seit langem.

    • Machiavelli

      @Hans - Friedrich Bär:

      Die stillness aber wissen wo die Ziele sind. Natürlich greift die Ukraine dronenpiloten an wen man sie kann. Aber dauerhafte Lösung gibt es nur wenn Russland



      Besiegt wird und dafür muss man Russlands Wirtschaft zerstören.

      • Hans - Friedrich Bär

        @Machiavelli:

        Danke für die Zuschrift .

        Was " stillness" ist weiß ich nicht.

        Die primäre Aufgabe einer Landesverteidigung ist die Verteidigung des Lebensrechts der Menschen eines Landes.

        Dass es in Russland etwas weniger Benzin gibt , der Rubel unter Druck gerät (wer auf den fallenden Rubel gewettet hat, hat jetzt gute Tage) ... ist dazu sekundär.







        Wenn man schon so redet : eine dauerhafte Lösung gibt es nur wenn sich in Russland über mehrere Generationen die Überzeugung durchsetzt, dass es mit Angriffskriegen nichts wird, weil die Angegriffenen überall auf der Welt sich so wehren, dass sie dabei nicht untergehen, man sich zusätzlich bei jedem Angriff mehr als eine blutige Nase holt, und zwar in dieser Reihenfolge.







        Mustafa Kemal hat über Deutschland nach dem Versailler Vertrag sinngemäß gesagt: "Eine Nation von 70 Mio lässt sich nicht demütigen sondern wird eine Armee aufstellen, die in der Lage ist ganz Europa mit Ausnahme von England und Russland zu besetzen und den nächsten Krieg anfangen....

        So ist das mit "Russland besiegen".

        Ich bin der Meinung :



        Das muss man sich gar nicht erst vornehmen.



        Wer Russland auf seinem Territorium angreift weiß nicht was er tut.

    • Suryo

      @Hans - Friedrich Bär:

      Seltsam, dafür verteidigt sich die Ukraine aber seit vier Jahren ausgesprochen erfolgreich gegen einen der monströsesten Militärapparate der Welt.

      • Hans - Friedrich Bär

        @Suryo:

        Danke für die Zuschrift.

        "ausgesprochen" erfolgreich ist das nicht. Dazu gibt es zu viele zivile und millitärische Opfer.

        Die großen, d.h. unerwarteten Erfolge waren bis 2024. Darauf konnte die ukrainische Führung seither aber nicht konstruktiv aufbauen, es ist ein permanenter Aderlass um den status quo zu halten.

        DIe territoriale Übermacht Russlands ist der Grund warum die große , aber dennoch wesentliche kleinere Ukraine sich mit ihren Gegenangriffen verschwendet. Bei gegebenen Mitteln und bekannter Kriminalität / Aggressivität des Gegners ist es logisch ein kleineres Territorium konsequent zu verteidigen als ein wesentlich größeres anzugreifen und sich dort für eine unbekannte Zeit in der Fläche zu verlieren (und die Bevölkerung leiden zu lassen weil man sie nicht richtig schützen kann).

        "Monströser Militärapparat" würde ich formulieren wenn ich meine, dass Russland keine Hemmungen hat die völkerrechlichen Regeln der Kriegführung zu missachten. Russland ist Atommacht und hat enorme wirtschaftliche Ressourcen für die Kriegswirtschaft.

        Das Monströse liegt im Denken dieser Armee. Syrskyi war auch davon geprägt, d.h. vom geistig unbeweglichen und erfolglosen.