Birte Opitz in ihrem Studio Berlin Neukölln

Tanzperformerin ohne Publikum: Birte Opitz in ihrem Studio Berlin Neukölln Foto: Amélie Losier

Selbstständigkeit während Corona:Eine Frage der Wertschätzung

2,2 Millionen Soloselbstständige arbeiteten vor Corona in Deutschland. Nun sind viele Existenzen bedroht. taz hat drei Freischaffende wiedergetroffen.

11.2.2021, 16:05  Uhr

Eigentlich steht die Nähmaschine direkt neben dem Schreibtisch. Tisch und Zimmer sind normalerweise chao­tischer organisiert. Doch was ist schon normal in Zeiten von Corona? Gleich während des ersten Lockdowns räumte Dora Müller, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, ihr Schlafzimmer um: Privates und Berufliches trennen. Die Nähmaschine wanderte auf die andere Seite des Raumes. Sie schaffte Weinkisten als zusätzlichen Stauraum an. Für mehr Ordnung. Mehr Arbeitsfläche. Mehr Konzentration. Als Ausstellungsgestalterin und Guide für historische Führungen in Berlin ist sie freischaffend tätig.

Normalerweise arbeitet die Historikerin in Bibliotheken, Archiven, Museen. Nun ist ihr Schlafzimmer in einer 2er-WG in Berlin gleichzeitig ihr Arbeitsplatz. Dora Müller steckt ihre Hände in die Hosentaschen ihrer blauen Cordhose, an den Handgelenken blitzen Strickstulpen hervor. Die braunen Haare mit türkisfarbenen Strähnen trägt sie zusammengebunden. Viele Aufträge seien seit letztem März weggebrochen, sagt sie. Sie verdiente nur die Hälfte des Vorjahres – um die 16.000 statt 30.000 Euro brutto aus der Freiberuflichkeit. Dank Laptop im Schlafzimmer könne sie wenigstens teilweise weiterarbeiten, erzählt die 30-Jährige. Auf dem Schreibtisch liegt eine aufgeschlagene Broschüre vom Friedhof der Märzgefallenen, dem Gedenkort an die Revolution 1848. Führungen finden momentan natürlich nicht statt. Konzipiert werden können sie allemal im Homeoffice. Müller will die Touren pädagogisch aufarbeiten, interaktiver gestalten. „Meine verschiedenen Standbeine retten mich in der Pandemie“, sagt sie.

Im März 2020 titelte die taz „Kreative Lösungen gefragt“. Drei Selbstständige berichteten, wie ihnen die Aufträge wegbrachen, von Unsicherheit und Existenzangst im ersten Lockdown. In Deutschland gibt es laut Statistischem Bundesamt etwa 4 Millionen Selbstständige, darunter 2,2 Millionen Soloselbstständige – zumindest vor der Krise. Die Auswirkungen der Coronakrise treffen sie besonders hart. Viele sind existenzbedroht.

Knapp ein Jahr später hat die taz die drei erneut getroffen: Historikerin Dora Müller, Birte Opitz, Performerin und Lehrerin für Tanz und Zirkus, sowie Agraringenieurin Sabine Jürß. Ein Jahr voller absurder Wendungen liegt hinter den Frauen. Alle drei haben beruflich überlebt. Staatliche Hilfen zu bekommen war kompliziert, oft nicht an ihre Situation angepasst oder sie fielen sogar durchs Raster. Es war und ist eine unsichere Lage.

7.000 Euro Soforthilfe für die Aufzucht ihrer Lämmer

Vor einem Jahr bangte Sabine Jürß um ihre Existenz. Die 62-jährige Agraringenieurin hält seit 1988 Ziegen und verkauft Bio-Rohmilchkäse auf dem Markt in Münster. Der erste Lockdown habe sie hart getroffen. Im März sagte sie der taz: Die Auswirkungen von Corona „sind für mich wirklich existenzbedrohend. Nach dem Winter habe ich keine Rücklagen mehr.“ Als Grundversorgerin konnte sie zwar weiterhin Käse verkaufen, aber es seien weniger Kunden gekommen. Sie hatte Angst, ihren studentischen Aushilfen nur noch Käsepäckchen packen, ihnen aber nicht mehr die Miete bezahlen zu können. Jetzt, ein knappes Jahr später, ist sie positiv gestimmt: Ihr gehe es „blendend“ im Vergleich zu anderen Branchen. Existenzbedrohend sei die Situation für sie dann zum Glück doch nicht gewesen. „Ich habe teilweise sogar profitiert. Zu klagen wäre vermessen.“ Ihre Aushilfen konnte sie alle weiterbeschäftigen. Auf dem Markt machte sie 25 Prozent mehr Umsatz, obwohl viele Kunden aus der Gastronomie weggebrochen seien. „Es gab einen Run auf regionale Produkte“, freut sie sich. „Die Leute haben sich gutes Essen gegönnt und mehr gekocht.“ Eine gute Fügung: Ein Radio-Koch entdeckte sie – gute PR.

Birte Opitz tanzt in ihrem Studio Berlin Neukölln

Hands up, auch wenn es an den Kräften zehrt: Tanzperformerin Birte Opitz Foto: Amélie Losier

Sie beantragte 7.000 Euro Soforthilfe im Frühjahr und steckte diese in die Aufzucht ihrer Lämmer. „Ich musste aber alles zurückzahlen, weil es ein landwirtschaftlicher Verlust war, der nicht von den Hilfen gedeckt wurde. Das hat ein Riesenloch in meinen Finanzen gerissen und war nicht leicht für mich.“ Die Tiere konnte sie – wegen des Lockdowns – nicht wie geplant an ein Biohotel verkaufen. Stattdessen: „Die Lämmer sind für null Euro ins Hundefutter gewandert. Das kann ich auch nicht ersetzen.“ Der Verkauf der Lämmer sei sowieso immer schwierig, nie ein großer Gewinn, aber zumindest kostendeckend. Jetzt im Winter gebe sie normalerweise auch Käsekurse – diesen „Zubrot“ falle auch weg. Trotz allem: Unterm Strich sei es okay.

Die staatlichen Hilfen für Soloselbstständige empfand sie als „blanken Hohn.“ Auch ein KfW-Kredit wurde ihr nicht bewilligt. „Dieser Beihilfe-Wust war echt zum Abgewöhnen, so kompliziert. Eine Zumutung. Ich habe mich wahnsinnig geärgert und war verunsichert. Ich habe mich nicht vom Staat unterstützt gefühlt. Wir Selbstständigen wurden nicht wertgeschätzt.“ In Zukunft, sagt Jürß, verlasse sie sich lieber auf sich und ihr Netzwerk.

Sabine Jürß, Käseproduzentin

„Dieser Beihilfe-Wust war eine Zumutung. Wir Selbstständigen wurden nicht wertgeschätzt“

Ein Jahr ohne Performances. Ohne kreatives künstlerisches Schaffen. Ein Jahr ohne Sicherheit. So resümiert Performerin und Tanzlehrerin Birte Opitz ihr Coronajahr. Sie sitzt in ihrem Studio in Berlin-Neukölln, das sie gemeinsam mit dem queer-feministischen Kollektiv „Altes Finanzamt“ gemietet hat. Normalerweise sei es hochfrequentiert. Nun ist es still. Zwei große Lautsprecherboxen, Scheinwerfer und Theatersessel aus Holz lassen erahnen, dass hier Kunst eingeübt und aufgeführt wird.

„Meine Wohnungsmiete, Versicherung und Miete für das Studio laufen ja weiter“ berichtete sie der taz im März 2020 verzweifelt. Bis Ende April letzten Jahres betrugen ihre Einbußen allein 3.000 Euro. „Wenn dann noch mehr Ausfall kommt, brauche ich eine Notfalllösung“, so Opitz damals. Rückblickend sagt die 31-Jährige: „Ich bin stolz, das Jahr irgendwie überlebt zu haben, finanziell und emotional.“ Zwei Drittel habe sie weniger verdient.

Große Sicherheit gaben Freunde und Familie

Die ökonomische Lage sei „ganz unterschiedlich“ für Selbstständige, „abhängig vom Grad der Digitalisierbarkeit des Geschäftsmodells“, erklärt Andreas Lutz, Vorstandsvorsitzender des Verbands der Gründer und Selbstständigen Deutschland. „In den besonders hart betroffenen Branchen mussten viele mangels Hilfe ihre betrieblichen Rücklagen und privaten Ersparnisse aufbrauchen und stehen vor dem Aus.“ Da die meisten keine Kredite aufgenommen hätten, würden viele ihre Tätigkeit ohne Insolvenz, aber mit großem persönlichem Schaden beenden. Marcus Pohl, Vorstandsvorsitzender der Interessengemeinschaft der selbständigen DienstleisterInnen in der Veranstaltungswirtschaft, berichtet, dass Selbstständige nur mühsam und ständig von Existenzangst bedroht durch das Coronajahr gekommen seien. Sie kämpften jeden Tag ums Überleben. „Manche geben die Selbstständigkeit auf und werden wohl auch nicht mehr in die Branche zurückkommen.“

Birte Opitz in ihrem Studio Berlin Neukölln

Die Motivation ist schon mal da: Tanzperformerin Birte Opitz Foto: Amélie Losier

Im März bekam Performerin Birte Opitz 5.000 Euro Berliner Soforthilfe. „Mit dem Geld lebte ich knapp sechs Monate. Ich habe es richtig gebraucht. Es war meine letzte Rettung – abgesehen von Hartz IV. Ich habe ja keinen Cent eingenommen.“ Neben der Soforthilfe beantragte sie auch die Novemberhilfen: „Das war sehr kompliziert. Ich weiß bis heute nicht, ob ich alles richtig gemacht habe“, bangt sie. Auch habe sie vor Monaten einen Wohngeldantrag gestellt und bis heute nichts zurückbekommen. „Jetzt überlege ich mir gut, wann ich einen Antrag stelle.“

Zurück zu Dora Müller in die 2er-WG: Die Situation fühlte sich „surreal an. Einfach absurd“, sagte sie der taz letzten März. Dieses Gefühl sei das Jahr über geblieben. „Ich bin zum Glück gut über die Runden gekommen.“ Sie wisse, dass es anderen schlechter ergangen sei. „Ich bin sehr privilegiert. Muss keine Familie versorgen, hatte Rücklagen, die ich aufbrauchen konnte, und ein Erbe von meinem Opa.“ Auch wenn das eigentlich ihre Altersvorsorge sei. Ihre Ausgaben konnte sie an den geringeren Verdienst anpassen. Sie mache Foodsharing und konnte den Krankenkassenbeitrag reduzieren. Große Sicherheit habe ihr gegeben, dass sie Freunde und Familie habe, die ihr finanziell unter die Arme hätten greifen können.

Während Führungen für Touristen und Workshops mit Schulklassen für Müller wegbrachen, liefen Ausstellungsprojekte weiter. „Die Projekte waren ja bereits bewilligt, wurden verlängert oder verschoben.“ Mehr Geld gab es nicht, trotz größeren Arbeitsaufwands: ständig umplanen, mehrere Anläufe, schwierige Koordination. So verschob sich ein Zeitzeugeninterview mit einer ehemaligen DDR-Rechtsanwältin mehrmals. Im Dezember schließlich führte sie es digital. Nur der Kameramann war vor Ort, die Interviewfragen stellte sie online. Bei einem anderen Projekt konzipierte sie Kinderstationen für ein Museum mit, geplant für den Monat Mai, verschoben auf August, durchgeführt im Januar.

Im März beantragte auch Müller 5.000 Euro Berliner Soforthilfe. „Das ging sehr unkompliziert und schnell. Ich hab mich über das Geld gefreut – wusste ja nicht, wie es weitergeht.“ Lange sei sie jedoch unsicher gewesen, ob sie die Soforthilfe wirklich behalten dürfe. Weitere Hilfen beantragte sie nicht. Sie wolle nicht vom Staat abhängig sein. Deshalb habe sie die Soforthilfe mittlerweile auch freiwillig teilweise zurückgezahlt.

Ein Lichtblick für Soloselbstständige ist die Neustarthilfe

Dass bei der Soforthilfe „plötzlich die Vergabekriterien verändert wurden – Lebenshaltungskosten nicht mehr gedeckt waren – führte zu Unsicherheit“, sagt Veronika Mirschel, Leiterin des Referats Selbstständige bei Verdi. Die Berliner hätten Glück gehabt: „Sie durften die Landessoforthilfe auch für Lebenshaltungskosten verwenden.“ Für viele Selbstständige hätten auch weitere Hilfen für Verunsicherung und Unverständnis ob der bürokratischen Hürden und Intransparenz gesorgt. „Die finanziellen Hilfen sind ein ziemlicher Verhau“, fasst sie die staatlichen Angebote zusammen. Oft seien Soloselbstständige schlicht nicht mitgedacht worden. „Soloselbstständige sind ja der Betrieb in sich.“ Sie hätten meist keine Betriebskosten – an die die meisten Hilfen aber gebunden seien.

Veronika Mirschel, Verdi

„Positiv ist, dass die Soloselbstständigen endlich sichtbar sind. Die Lasten müssen besser verteilt werden“

Derweil sollte Hartz IV die Selbstständigen auffangen: „Wir haben uns anfangs gefreut, dass es schnell und unkompliziert einen vereinfachten Zugang zur Grundsicherung gab“, erzählt Mirschel. „Leider mussten viele dann aber den normalen Wahnsinn im Jobcenter durchturnen, weil die neue Regelung dort nicht ankam.“ Außerdem: Das Abschieben in die Grundsicherung sei dann als die Lösung angesehen worden. „Soloselbstständige sind die einzige Gruppe, die man in diese prekären Strukturen drängt. Das ist auch eine Frage der Wertschätzung.“ Sie wünsche sich, dass die Regierung sagt: „Wir greifen für Selbstständige so tief in die Tasche wie für Lufthansa.“ Die Fluggesellschaft hatte staatliche Hilfen in Milliardenhöhe erhalten.

Marcus Pohl von der Interessengemeinschaft der Veranstaltungswirtschaft findet, die Ausgestaltung der bisherigen Hilfen zeige, dass Selbstständigkeit in Deutschland keine Anerkennung bekomme. „Atypisch beschäftigt“, hieße es im Politikjargon. „Die Selbstständigen kämpfen um Anerkennung, um Respekt, um Beteiligung am Sozialstaat. Aber eben nicht als so eine Art Angestellte. Das Sozialsystem hält uns außen vor.“ Sozialbeiträge müssen die meisten Selbstständigen zwar nicht zahlen, dafür sei die „Altersvorsorge zu 100 Prozent privat. Die Krankenversicherung zu zirka zwei Dritteln. Kosten, die von keiner Hilfe gedeckt werden.“

Das Bundeswirtschaftsministerium teilt zu den Hilfen mit, dass es „bei allen Förderprogrammen stets geschaut“ habe, wo es „Verbesserungsbedarf“ gebe, um diesen dann umzusetzen. Das Bundesfinanzministerium betont, dass ihnen die Unterstützung der Kulturbranche wichtig sei. Für eine „wirksame Hilfspolitik“ gelte: „Wir beobachten die Situation genau und nehmen, sofern notwendig, Anpassungen vor.“ Das gelte auch weiterhin.

Ein Lichtblick für Soloselbstständige könnte nun die Neustarthilfe von maximal 7.500 Euro für den Zeitraum bis Juni 2021 sein. Für viele Soloselbstständige sei es die erste Hilfe, die sie behalten dürften, so Andreas Lutz vom Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland. „Angesichts von dann 16 Monaten Krise sind das gerade einmal 469 Euro pro Monat.“

Die Ausnahmesituation schafft auch Vertrauen

Performerin Opitz kennt die normalen Hochs und Tiefs der Selbstständigkeit und Kunstwelt. Sie machte sich bereits während des Studiums selbstständig. Sie studierte Darstellendes Spiel und Performance, machte dann eine Tanzweiterbildung, einen Master in Tanzwissenschaft sowie eine Ausbildung zur feministischen Selbstbehauptung und Selbstverteidigung.

Dass sie nicht nur ein künstlerisches, sondern auch ein pädagogisches Standbein habe, sei ihre Rettung. Bis Juli konnte sie gar nicht, zwischen August und Oktober richtig viel arbeiten. „Da habe ich mir den Arsch aufgerissen. Ich war voll darauf konzentriert, zu überleben.“ Sie machte Vertretungen, hielt Seminare, übernahm Gruppen, die ihr andere übergaben. „Da bin ich dankbar für. Der Support in der Kulturszene war toll. Im Spätherbst brach dann alles nach und nach wieder weg. Momentan laufe nur noch ein Onlinekurs.

Das Jahr 2020 habe sie sehr erschöpft, die ständige Unsicherheit quälte, die Angst, in Quarantäne zu müssen und dann erst recht nicht mehr arbeiten zu können, habe sie stets begleitet. Projekte wurden verschoben. So sei eine Performance von Juni 2020 auf Januar 2021 verschoben worden und jetzt gar auf Herbst 2022. Das schmerze.

Das „Skurrile“ sei: Diese unsichere Ausnahmesituation gebe ihr auch Vertrauen, dass es irgendwie weitergehen werde. Auch im privaten Umfeld habe sie tolle Hilfestrukturen erlebt. „Zum Beispiel wurde mir angeboten, die Fahrkarte für eine Reise zu meiner Mutter bezahlt zu bekommen.“ Sie habe abgelehnt, Sicherheit gab es trotzdem. Auch das Studio sei ein „Ort der Geborgenheit. Hier spüre ich, dass ich Künstlerin bin.“

Die Selbstständigenverbände fordern indes weiter eine angemessene Unterstützung des Staates: weniger Bürokratie und höhere Summen. „Wer wird üppig gestützt und wer fällt hintenrunter? Die Lasten müssen endlich besser verteilt werden“, fordert Mirschel. Positiv sei, dass die Soloselbstständigen endlich sichtbar seien. „Ihre ökonomische Situation war teilweise ja auch vor Corona dramatisch. Jetzt ist eine Diskussion entbrannt über die teils beschissene Bezahlung. Es wird über Umverteilung geredet.“ Wirklich geändert habe sich bis jetzt jedoch nichts.

Gemischte Gefühle beim Blick ins Jahr 2021

Kommen da Zweifel an der Selbstständigkeit? Die habe sie immer mal wieder – unabhängig von Corona, meint Historikerin Dora Müller. Vor Kurzem hat sie sich auf eine feste Stelle beworben, das hat nicht geklappt. „Manchmal möchte ich mich fokussieren und nicht an verschiedenen Themen zeitgleich arbeiten. Gleichzeitig befruchtet sich die vielseitige Arbeit: verschiedene Orte, Themen, Menschen. Das geht am besten als Freie.“ Als Selbstständige wisse sie häufig nicht, was die nächsten drei Monate passiere. „Aus dieser Erfahrung heraus konnte ich auch gut durch das Coronajahr kommen, die Lage war nicht komplett neu.“ Aber drastischer. 2020 bleibe ihr „langgezogen und unplanbar“ in Erinnerung mit sehr viel Zeit am Schreibtisch. „Es war ein Auf und Ab. Finanziell okay, aber unglaublich anstrengend.“

Sieben Wochen machte sie eine Elternzeitvertretung – „das war wie eine kurzzeitige Festanstellung“ und gab Planbarkeit. Besonders freue sie sich über die Wertschätzung vieler Einrichtungen: „Sie haben überlegt, wie sie ihre Gelder für Führungen und Workshops anders verteilen können und wie sie Freie beauftragen können.“

Ins Jahr 2021 blicke sie gemischt. Einerseits: „Ich habe Angst, dass die Gelder im Kulturbereich einfach krass gekürzt werden und dieses Jahr für viele Freie finanziell schlimmer wird als 2020. Letztes Jahr waren die Gelder ja schon bewilligt.“ Andererseits: „Ich habe bereits die Verträge für ein großes Zeitzeugenprojekt unterschrieben“, freut sie sich ob dieses Ankers.

Landwirtin Jürß ist positiv gestimmt, auch wenn es für sie bis in den Sommer schwierig bleiben werde. Ob sie diesmal die Lämmer losbekommt? Ob die neuen Kunden und der Run auf Regionales bestehen bleiben? Sie wisse es nicht. Mit der Coronasituation konnte sie sich aber arrangieren. Da müsse man halt durch. Vor allem wünsche sie sich, dass die „wirklichen Probleme“ wieder auf die Agenda kommen: Klimakrise, Flüchtlingskrise, soziale Spaltung.

Wenig Hoffnung auf ein normaleres Jahr hat auch Performerin Opitz. Sie will Onlineworkshops ausbauen. Das Positive an Corona sei, dass in dieser Lage auch Neues entstehe. So produziere sie nun etwa einen Podcast über sexualisierte Gewalt. Auch wenn die vielen Projektförderanträge im Kulturbereich kräftezehrend gewesen seien, wolle sie nach wie vor selbstständig sein. „Wenn ich die Selbstständigkeit in der Pandemie überlebt habe, kann alles kommen.“ Ende Januar bekam sie sogar die Zusage für eine Projektförderung vom Dis-Tanz-Solo, einem Hilfsprogramm im Rahmen von Neustart Kultur: 9 Monate je 1.500 Euro. Es sei ein „großartiges Gefühl“ gewesen, diese E-Mail zu öffnen. In diesem Projekt möchte sie Tanz und Selbstbehauptung verknüpfen.

Zwei weitere Sorgen aber quälten sie weiter: Das Haus, in dem auch ihre WG drin ist, steht vor dem Verkauf. Zudem eine künstlerische, apokalyptische Sorge: „Überlebt die Kunst die Pandemie?

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