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Selbstbezeichnung von MigrantenDurch die Brille der Mehrheitsgesellschaft

Einwanderer tendieren dazu, einander aus der Perspektive der Mehrheitsgesellschaft zu betrachten. Das sollten sie bleiben lassen.

E ines Samstagnachmittags war ich auf einem Kinderspielplatz. Dort war auch eine ukrainische Mutter mit ihren beiden Kindern. Diese Begegnung brachte mich auf eine Frage, die mich bis heute beschäftigt: Warum betrachten wir uns als Mi­gran­t*in­nen so häufig durch den Blick der Mehrheitsgesellschaft?

Immer wieder höre ich Sätze wie: „Wir Syrer sind anders als die Ukrainer.“ Früher hieß es: „Wir sind anders als die Libanesen.“ Auch innerhalb derselben Gruppe entstehen solche Abgrenzungen: Menschen, die mit einem Visum nach Deutschland gekommen sind, betonen, dass sie anders seien als diejenigen, die über Fluchtwege gekommen sind.

Wir unterscheiden zwischen den „legal“ und „illegal“ Eingereisten, den „alten“ und „neuen“ Geflüchteten, den „gut“ und „schlecht“ Integrierten. Damit übernehmen wir Kategorien, die darüber entscheiden sollen, wer dazugehört, wer erwünscht ist und wer nicht.

Vielleicht tun wir das aus Angst. Wir möchten beweisen, dass wir nicht zu dem negativen Bild gehören, das über Geflüchtete und Mi­gran­t*in­nen verbreitet wird. Also sagen wir: Wir sind anders. Wir sind die Guten.

Stolz auf die eigene Fluchtgeschichte

Doch genau damit übernehmen wir den Blick der Mehrheitsgesellschaft. Wir beginnen, andere Menschen mit Migrationsgeschichte zu bewerten, zu sortieren und in eine Hierarchie zu stellen.

Auch ich war lange Teil dieses Mechanismus. Mit dem Flüchtlingsmagazin Kohero wollte ich bewusst ein anderes Bild von Menschen mit Fluchtgeschichte zeigen. Ich war stolz auf meine eigene Fluchtgeschichte und wollte sichtbar machen, dass Menschen mit Fluchterfahrung nicht nur als Opfer erzählt werden dürfen. Wir zeigten Journalist*innen, Un­ter­neh­me­r*in­nen und engagierte Menschen mit Fluchtgeschichte.

Erst später verstand ich, dass auch darin eine Gefahr liegt: die Figur des „guten Geflüchteten“. Eine Kollegin sagte einmal zu mir: „Du bist ein Luxus-Geflüchteter.“ Sie meinte es als Kompliment. Ich hatte schnell Deutsch gelernt, Netzwerke aufgebaut, Kohero gegründet und einen Beruf gefunden. Ich galt plötzlich als positives Beispiel Aber wer entscheidet eigentlich, was einen „guten Geflüchteten“ ausmacht?

Am Anfang reicht es, Deutsch zu lernen. Dann soll man arbeiten und Steuern zahlen. Später kommen neue Erwartungen hinzu: Wie äußert man sich politisch? Welche Position vertritt man zu gesellschaftlichen Konflikten? Mit jeder Debatte entstehen neue Bedingungen dafür, wer als „gut integriert“ oder „vorbildlich“ gilt.

Als die Blumen überreicht wurden, bekam sie meine Kollegin ohne Migrationsgeschichte.

Besonders deutlich wurde mir das, als ich mit Kohero einen Preis gewann. Für mich war selbstverständlich, dass dieser Preis der gesamten Community und unserem Team gehört. Deshalb standen wir gemeinsam auf der Bühne. Als die Blumen überreicht wurden, bekam sie jedoch meine Kollegin ohne Migrationsgeschichte. Dazu fiel der Satz: „Du siehst aus, als hättest du diese Idee gehabt.“

Es war nicht böse gemeint. Die Person entschuldigte sich später sehr emotional bei mir. Trotzdem blieb der Moment hängen. Denn er zeigte mir, wie tief die Vorstellung sitzt, dass Menschen mit Fluchtgeschichte zwar mitarbeiten können – aber nicht unbedingt selbst gründen, führen oder eine Vision entwickeln.

Deshalb reicht es nicht, nur über Rassismus und Diskriminierung durch die Mehrheitsgesellschaft zu sprechen. Wir müssen auch darüber reden, wie wir ihre Kategorien selbst übernehmen und gegeneinander verwenden. Vielleicht beginnt Solidarität genau dort: wenn wir aufhören, beweisen zu wollen, wer der „bessere“, „nützlichere“ oder „integriertere“ Migrant ist. Denn unsere Fluchtwege mögen unterschiedlich gewesen sein. Unsere Würde ist es nicht.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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3 Kommentare

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  • Astrid Sehnefeld

    "Ich hatte schnell Deutsch gelernt, Netzwerke aufgebaut, Kohero gegründet und einen Beruf gefunden. Ich galt plötzlich als positives Beispiel Aber wer entscheidet eigentlich, was einen „guten Geflüchteten“ ausmacht?"



    Der gesunde Menschenverstand entscheidet das.



    Ein Migrant ist wie ein hierzulande Geborener dann ein gutes Mitglied der Gesellschaft, wenn er sich bestmöglich nach seinen Fähigkeiten einbringt, um die Solidargemeinschaft, die ihm sein Auskommen finanziert so lange er noch nicht Teil der erwirtschaftenden Gruppe ist, zu entlasten und selbst Teil dieser Gruppe zu werden.



    So funktioniert der Sozialstaat.

  • Cornelia Gliem

    Ok, klar sowas kommt leider vor.



    Allerdings: spielt hier nicht auch Sexismus rein? Dass die Frau eher die Blumen bekommt und nicht der männliche Reporter (=zumindest laut Google mit männlichem Vornamen)?

  • Diogeno

    Menschen wollen sich immer zu einer Gruppe zugehörig fühlen. Leider geht damit Abgrenzung einher. Leider werden dann auch andere Gruppen abgewertet, um sich selbst aufzuwerten.



    Gut, dass die Kolumne auf das Problem hinweist und mehr Solidarität unter den Geflüchteten befürwortet.