Selbstbestimmte Trauer-Rituale: Würde der Bestattung ist antastbar

Die Zeit zwischen Tod und Bestattung ist wichtiger, als viele glauben. Und die Wahl der richtigen Bestatter*in ist existenziell.

Sargträger tragen Sarg aus rotstichigem Holz mit rotem Blumenschmuck

Gute Bestatter*innen machen (fast) alles möglich Foto: Kzenon/Panthermedia/imago

Manchmal werde ich gefragt, was ich vom Tod gelernt habe. Meistens überfordert mich diese Frage, weil: Wie viel Zeit haben Sie mitgebracht, liebe*r Fragesteller*in?

Wenn ich mich allerdings auf eine Erkenntnis festnageln lassen wollte, dann diese: Niemand weiß, wie existenziell wichtig die Wahl der richtigen Bestatter*in ist. Eigentlich ist es die wichtigste Entscheidung, die Sie treffen werden, wenn ein Mensch in Ihrem nächsten Umfeld gestorben ist.

Bevor ich selbst etwas mit dem Tod zu tun hatte, wusste ich nicht, was diese Leute machen. Sarg verkaufen und am Grab rumstehen? Wenn Sie die falsche Telefonnummer erwischt haben: ja. Sie aber brauchen jemanden, der sich aktiv für Sie und Ihre Bedürfnisse einsetzt. Akute Trauer ist eine Ausnahmesituation, in der Sie im Zweifelsfall machen, was man Ihnen sagt – dafür braucht es gute Berater*innen. In Zeiten von Corona, in denen man flexibel auf viele Beschränkungen reagieren muss, gilt das besonders.

Zum Glück hat sich vor rund 20 Jahren eine neue Generation von Bestatter*innen aufgemacht, die Angehörigen in den Mittelpunkt ihrer Arbeit zu stellen. Stichwort: selbstbestimmte Abschiede. Viele von ihnen waren Quereinsteiger*innen und hatten als Trauernde selbst schlechte Erfahrungen gemacht.

Heute gibt es diese Kolleg*innen fast überall. Sie erkennt man daran, dass sie Fragen stellen: Wer war dieser Mensch, der gestorben ist? Wer sind die, die um ihn trauern? Welche Art von Abschied fühlt sich richtig an? Die Beantwortung braucht Zeit – und das Aufzeigen von Möglichkeiten.

„Wir verlangen keine Wahrung von ­Pietät“

Wollen Sie Ihre verstorbene Person nochmal sehen? Das Grab selbst ausheben? Die Gitarre mit in den Sarg legen? Die Asche in ihren Lieblingssee streuen oder etwas davon nach Hause nehmen? Gute Bestatter*innnen machen (fast) alles möglich – selbst wenn ein wenig getrickst werden muss.

Das Problem ist, dass sie nicht leicht zu finden sind. Es gibt keinen Namen für sie. Manche nennen sich „alternative Bestatter*innnen“ – ein Begriff, der sich nie wirklich durchgesetzt hat. Fragen Sie Freund*innen, die gute Erfahrungen mit Bestatter*innen gemacht haben. Die sitzen nicht in Ihrer Stadt? Rufen Sie dort an. Es gibt ein gutes Netzwerk unter diesen mysteriösen Kreaturen – vielleicht wird Ihnen jemanden in der Nähe empfohlen.

Wenn Sie schon am Telefon sind, stellen Sie Fragen. Kommt wer ins Stottern, wenn Sie fragen, ob Sie mit ins Krematorium dürfen, legen Sie lieber wieder auf. Auch Webseiten sind aufschlussreich. Stehen dort Dinge wie: „Wir konfrontieren Sie nicht ungebeten mit schwarzen Anzügen und verlangen keine Wahrung von ­Pietät“ (trostwerk Bestattungen)? Bingo.

Ich weiß, das klingt nach viel Arbeit. Doch wissen Sie was? Die Zeit zwischen Tod und Bestattung ist sehr wertvoll. Sie kommt nie mehr zurück. Nutzen Sie diese Zeit – und lassen Sie sich gut beraten.

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Caroline Kraft schreibt als freie Autorin u.a. für Zeit Online und das Missy Magazine. Ihre Kolumne "Schluss jetzt" erscheint alle drei Wochen in der taz. Sie ist ehrenamtliche Sterbebegleiterin und chronische Bestatterpraktikantin. Zusammen mit Susann Brückner betreibt sie den Podcast "endlich. Wir reden über den Tod"

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