Trauerbegleiterin über Abschiede: „Gefühle erzeugen Nähe zum Toten“

Trauerbegleiterin Ute Arndt hilft Hinterbliebenen, ihre Emotionen „normal“ zu finden. Denn viele glauben, sie müssten schnell wieder funktionieren.

Trauernder Mann sizt im Schatten am Fenster

Haben oft das Gefühl, „falsch“ zu sein: Trauernde fühlen sich oft unverstandnen Foto: Sina Schuldt/dpa

taz: Frau Arndt, wer kommt zu einer Trauerbegleiterin?

Ute Arndt: Zu mir kommen Trauernde, die das Gefühl haben, dass sie in ihrem Umfeld nicht gesehen werden, sich nicht äußern dürfen und deshalb einen Außenstehenden brauchen.

Ist das der einzige Grund?

Nein. Viele haben auch das Gefühl, die Trauer belastet sie so sehr, dass sie nicht wissen, wie sie in ihrem Alltag damit umgehen sollen. Sie haben das Gefühl, „falsch“ zu sein und denken: „Das muss jetzt verschwinden. Wie kann ich daran arbeiten, dass ich wieder im Beruf funktionstüchtig und auch sozial wieder anerkannt werde?“

Kommen auch Menschen mit einer Depression zu Ihnen?

In der Tat wird Trauer oft mit depressiven Stimmungen verwechselt, und es fühlt sich auch ganz ähnlich an. Aber man kann ziemlich schnell herausarbeiten, ob jemand an der Krankheit Depression leidet oder ob er sich aufgrund seiner Trauer so depressiv fühlt.

Wo liegt der Unterschied?

Die Depressiven haben oft diese Grundstimmung von „Alles ist schwarz, nichts wird sich ändern“. Nicht depressionskranke Trauernde dagegen nehmen wahr, dass das ihre momentane Situation ist. Sie sagen: „Ich hatte früher Ideen, Ziele – aber momentan fehlen sie mir.“ Bei ihnen gibt es immer Bezüge zum Alltag und dazu, dass früher etwas möglich war, das momentan versperrt ist, weil sie so viel Energie für ihre Trauer brauchen.

Wie können Sie helfen?

Begleiten. Die Trauernden darin bestärken, dass sie so richtig sind, wie sie sind. Dass alles, was sie fühlen, in Ordnung ist und nicht von heute auf morgen „repariert“ werden muss.

62, Germanistin, Autorin und Lektorin, arbeitet als Trauerbeglei­terin, Trauerrednerin und Sterbebegleiterin in Hamburg und Umgebung.

Empfinden viele den Druck, nicht trauern zu dürfen?

Dieser gesellschaftliche Druck ist natürlich da. Diese ständige Aufforderung zur Selbst­optimierung, um hundertprozentig leistungsfähig zu sein. Und genau das geht nicht in Trauerphasen. Da merken die Menschen oft, wie viel Anstrengung ihnen ihr sonstiges Leben bereitet. Wie viel sie an sich herumdoktern – und für welches Ziel? Trauernde fangen oft an, ihre Lebensentwürfe infrage zu stellen. Und wenn sie das dürfen, ist es oft ein erster Schritt aus dem Gefängnis, das man sich auch selbst geschaffen hat.

Kommen Trauernde leichter von der Fixierung auf sich selbst weg?

Auch. Einerseits ist es ein Genauer-Hingucken, um sich der Wertigkeit seines Lebens bewusst zu werden. Andererseits ist da das Bedürfnis, etwas weiterzugeben von den tiefen Erfahrungen, die sie gemacht haben. Zu Trauern bedeutet ja nicht nur, jemanden zu verabschieden, sondern auch, eine elementare Erfahrung zu machen. Wer das wirklich an sich heran lässt, kann nicht weiterleben, ohne das zu integrieren. Oft wird das auch praktisch umgesetzt nach dem Motto: „Ich wollte schon immer eine Katze haben, und bevor ich morgen überfahren werde wie mein Mann, schaffe ich mir eine an.“

Erleben Sie, dass Menschen mit ihrer schlechten Beziehung zum Verstorbenen hadern?

Zum Teil. Es gibt sehr viel Aufarbeitung von Konflikten, Nichtgesagtem, aufgespartem Streit. Das muss alles erst einmal formuliert und gesagt werden. Erst dann kann es mit bestimmten Ritualen oder psychologischen Methoden nochmals zum Gespräch kommen.

In welcher Form?

Ich als Begleiterin würde zum Beispiel ein Setting organisieren, in dem der Lebende mit dem Verstorbenen – für den Figuren oder Symbole stehen können – spricht. Auch der Tote wird dann sprechen – aus dem Mund des Hinterbliebenen, nicht aus meinem. Der Tote wird vielleicht vergeben, vielleicht vergibt der Hinterbliebene auch sich selbst. Ich bin dabei nur Zeugin.

Haben Trauernde oft Schuldgefühle?

Schuldgefühle sind ein großes Thema in der Trauerbegleitung. Die begleiten die Trauernden eine ganze Zeitlang – auch deshalb, weil das Gefühl von Schuld die Nähe zum Verstorbenen intensiviert. Schuldgefühle stellen eine Nähe her, sodass ich mich getröstet fühle. Eine Mutter, die ihren Sohn verloren hatte, wurde in der Trauerbegleitung gefragt: „Was wäre, wenn Sie keine Schuldgefühle mehr hätten?“ Die Antwort: „Dann wäre ich ja von ihm getrennt.“

Wie gehen Sie mit Schuldgefühlen von Suizid-Hinterbliebenen um?

Da gibt es bei jedem erst mal die Überlegung: „Ich stamme aus dem sozialen Gefüge desjenigen, wie viel Anteil habe ich?“ Das muss so lange besprochen, angeschaut und durchgehalten werden, bis die Menschen selbst sagen: „Ja, ich hatte an bestimmten Dingen einen Anteil. Aber nicht daran, dass derjenige diese Entscheidung gefällt hat. Und nicht daran, dass er die Krankheit Depression bekam.“ Was ich als Trauerbegleiterin nie tun darf – das ist meine tiefste, aus Erfahrung gespeiste Überzeugung: den Menschen die Schuldgefühle absprechen. Das Schuldgefühl muss so lange Raum haben, bis es sich verändert.

Dazu kommen derzeit coronabedingte Schuldgefühle.

Ja. Die Menschen kommen und sagen: „Ich durfte ihn in seinen letzten Tagen nicht im Krankenhaus begleiten. Hätte ich rein gedurft und mit ihm sprechen können, wäre mein Vater nicht so aufgeregt gewesen und nicht gestorben.“ Das ist dieses Moment von „jeder Trauernde organisiert“ sich seine „Schuld“, um in Verbindung zu bleiben und noch mal abzuleuchten: Habe ich für den Verstorbenen alles richtig gemacht?

Bei Corona käme dazu: Habe ich ihn angesteckt?

Ich selbst hatte den Fall noch nicht, aber das kommt sicher vor. Aber wir werden noch ein paar Monate warten müssen, bevor wir die Corona-Erfahrungen auswerten. Menschen, die in dieser Zeit – unabhängig von der Todesursache – jemanden verloren haben, sind noch in diesem Ausnahmezustand des Ausharrens nach dem Motto: „Wir müssen das alles erst mal überstehen. Auch die Coronakrise. Danach dürfen wir zugeben, dass wir als Trauernde vielleicht Hilfe brauchen.“

Bieten Sie derzeit überhaupt Vor-Ort-Gespräche an?

Ja. Es gibt aber auch gute Erfahrungen mit der Videoberatung. Im Zuge unseres „Netzwerks Trauerkultur“ biete ich gemeinsam mit der Urnengestalterin Ina Hattebier seit 2016 regelmäßig „Death Cafés“ in Hamburg an. Seit sie coronabedingt online stattfinden, haben wir deutlich mehr Zulauf. Besonders die Jüngeren sagen: „Mir fällt es hier leichter, über meine Trauer, Schuldgefühle, Verzweiflung zu sprechen, als wenn ich euch in der realen Gruppe gegenüber säße.“ Das ist erstaunlich, denn auch in der Vor-Ort-Trauergruppe könnte man dasitzen und nichts sagen. Aber in der Videokonferenz fühlen sie sich wohl geschützter.

Erzwingt die Coronakrise auch neue Trauerrituale?

Für die Trauerbegleitung nicht. Aber bei Bestattungen, Trauer- und Erinnerungsfeiern durchaus. Und da ich auch Trauerrednerin bin, ist mir das vertraut. Da stellen zum Beispiel alle – auch die Bestatter – mehr Zeit und Raum zur Verfügung. Wir dürfen ja nicht mit so vielen Leuten da sein. Also organisiert der Bestatter, dass immer nur fünf gleichzeitig kommen, ein kleines Ritual machen und wieder gehen. Oder: Es dürfen nicht 50 Leute gemeinsam die Urne ins Grab begleiten. Dann organisiert man eben, dass die Leute vorweg ihre Blumen ablegen und der Blumenberg immer höher wird. Zum Schluss kommt die engste Familie und gibt die Urne ins Grab.

Betrachten Sie die Coronakrise als gesamtgesellschaftliche Trauersituation?

Ja. Wir alle befinden uns in einer Krise, in der uns Alltägliches weggenommen wurde. Daraufhin fängt der Mensch an zu trauern. Was die Corona­situation so schwer macht, ist das, was Trauernde auch empfinden: Wir wissen nicht, wann es endet, und niemand kann es uns sagen. Wir fühlen uns machtlos und im Stich gelassen. Als Trauerbegleiterin kann ich dazu nur sagen: Du bist mutig, wenn du diesen Weg der Wandlung gehst und versuchst, dich zu öffnen, das nicht runterzuschlucken. Es geht darum, die Resilienz zu stärken. Das gilt auch für uns Coronatrauernde.

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