Segler starten Finale des America’s Cup: Krasse Krakenfoiler

Duell der Trimmer und Kurbler: Neuseeland und Italien segeln beim Finale des America’s Cup mit futuristischen Yachten um die älteste Sporttrophäe.

Segelyacht, die so schnell ist, dass sie kaum das Wasser berührt

Fliegende Herausforderer: die italienische Yacht „Luna Rossa“nimmt Fahrt auf Foto: Michael Craig/NZ Herald/ap

„City of Sails“ nennt sich Neuseelands größte Stadt Auckland. Entsprechend stolz ist man dort, dass ab Mittwoch auf dem Hauraki-Golf östlich der Stadt um die älteste Sporttrophäe der Welt gesegelt wird. Im Finale um den protzig-hässlichen America’s Cup, gern als bodenlose Kanne bespottet, wird bereits seit 1851 gekämpft. Jetzt stehen Neuseeland und Italien im Finale des 36. Cups. Die Italiener setzten sich als Herausforderer gegen die USA und zuletzt gegen die Briten durch. Deren Boot wurde immerhin vom besten Olympiasegler aller Zeiten gesteuert. Sir Ben Ainslie gewann viermal Gold und einmal Silber.

Jetzt stehen zwar die Italiener bereits zum dritten Mal im Finale dieser Regatta verrückter Superlative – und nun schon zum zweiten Mal gegen Neuseeland. Doch vor 21 Jahren wurden sie von den Kiwis mit 0:5 düpiert. Die Neuseeländer sind auch jetzt die Favoriten. Die Azurri gelten nur als ebenbürtig bei leichteren Winden und hatten bisher eine bessere Starttaktik. Das ist die Schwäche der Kiwis, die aber dafür das schnellere Boot haben.

Gesegelt wird nicht mehr wie vor vier Jahren auf Katamaranen, sondern auf den jetzt eigens entwickelten Krakenfoilern vom Typ AC75. Das sind knapp 23 Meter lange und 5 Meter breite Einrumpfboote, die jeweils ausschwenkbare Tragfläche in Lee heben, keinen Kiel und kein Schwert haben. Die Tragfläche hebt das Boot komplett aus dem Wasser und verhindert zugleich die seitliche Abdrift. Doch können die futuristischen Geschosse von der Tragfläche stürzen und dabei kentern, wie es in der Qualifikation dem US-Team passierte.

Die Boote mit elf Mann – wirklich nur Männer – Besatzung erreichen eine Geschwindigkeit von bis zu 50 Knoten und damit mehr als die jeweilige Windgeschwindigkeit. Entscheidend für den Erfolg ist, das Boot die ganze Zeit mit Höchstgeschwindigkeit auf den Tragflächen zu halten, von denen es auch bei Manövern nicht runterfallen und damit bremsend eintauchen darf. Dazu müssen Wenden und Halsen sowie Steuern und Taktik fehlerlos sein. Denn taucht der Rumpf einmal ins Wasser ein, während der Gegner auf den Tragflächen davonfliegt, ist dies nicht mehr aufzuholen, es sei denn, dem Gegner passiert das auch noch.

„Pitbull“ am Steuer

Um die Boote zu bedienen, besteht mehr als die Hälfte der Mannschaft aus „Kurblern“, die permanent mechanisch Druck im Hydrauliksystem aufbauen. Das dient der Einstellung der Karbonsegel und der Tragflächen durch die Trimmer. Lässt der Druck im System nach, droht der Verlust der Kontrolle über das Boot.

Steuermann der Neuseeländer ist der Olympiasieger Peter Burling. Er holte 2017 den Cup für Neuseeland, den er jetzt verteidigen darf. Die Italiener dagegen treten mit zwei gleichberechtigten Steuerleuten auf jeder Seite des Bootes an. Sie müssen dann bei den Manövern nicht mehr die Seite wechseln. Es sind der dreifache italienische Olympiasegler Francesco Bruni und der Australier Jimmy Spithill. Der gilt als einer der erfahrensten und aggressivsten America’s-Cup-Steuerleute, weshalb er „Pitbull“ genannt wird. Er steuerte bereits dreimal im America’s Cup zum Sieg.

Der Kampf um die wichtigste Trophäe des internationalen Segelsports setzt gigantische Investitionen voraus, die nur milliardenschwere Industriekapitäne oder Industriesyndikate aufbringen. Die eigens für die Rennen entworfenen Boote sowie die Mobilisierung der besten Profisegler und Konstrukteure eines Landes über Jahre verschlingt Dutzende Millionen. Bei einem Sieg winkt nationales Prestige.

Als Neuseeland den Pokal erstmals 1995 gewann, stand das Land am Ende der Welt Kopf. Hunderttausende bereiteten der siegreichen Crew in Auckland einen triumphalen Empfang, den dort allenfalls ein Rugby-Weltmeistertitel für die All Blacks übertreffen kann. Der 1995 und 2000 für Neuseeland siegreiche Teamschef Peter Blake wurde zum Nationalhelden.

Als das neuseeländische Team 2013 nach dem Stand von 8:1 noch mit 8:9 in San Francisco verlor, litt das halbe Land nicht nur unter der tragischen Niederlage, sondern auch an tagelangem Schlafdefizit. Denn die Liveübertragungen hatten zu nächtlicher Zeit stattgefunden. Die Bedeutung des Cups für Neuseeland zeigt auch, dass die Regierung der Sozialdemokratin Jacinda Ardern die Veranstaltung aus Steuermitteln bezuschusst. Noch 1999 hatte eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne mit den roten Socken des Segelidols Peter Blake dafür gesorgt, dass Neuseeland überhaupt den Cup verteidigen konnte.

Die genauen Summen des America’s Cup sind nicht bekannt. Berichten zufolge soll allein die gescheiterte Kampagne der Briten die Sponsoren 100 Millionen Dollar gekostet haben. Doch dürfte die Coronapandemie jetzt auch in Neuseeland unabhängig vom Abschneiden zu einem Defizit führen. Lockdowns ließen bereits zwei der drei internationalen Vorregatten ausfallen und sorgten jetzt für eine Startverschiebung auf den 10. März. An Land darf es kein Public Viewing geben und die Segler und ihr jeweils rund 90-köpfiges Expertenteams leben schon seit Monaten in einer Bubble.

Sieger ist übrigens das Team, das bis zum 15. März als erstes sieben Rennen gewonnen hat oder an diesem Tag die meisten Siege hat.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de