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Sechster Jahrestag des Hanau-Anschlags„Mein Sohn ist tot – und es wird nicht aufgeklärt“

Hamza Kurtović wurde am 19. Februar 2020 beim Terroranschlag in Hanau ermordet. Sein Vater Armin kämpft seit Jahren vor Gerichten für Gerechtigkeit.

Armin Kurtović am ersten Jahrestag des Anschlags in Hanau-Kesselstadt Foto: Alex Kraus/laif
Yağmur Ekim Çay

Interview von

Yağmur Ekim Çay

taz: Herr Kurtović, wie geht es Ihnen zurzeit?

Armin Kurtović: Wie soll's mir gehen? Gesundheitlich nicht gut. Ich hatte mehrere Schlaganfälle seit dem Anschlag, und sie haben ihre Spuren hinterlassen. Und innerlich kommt man einfach nicht zur Ruhe. Es hört nicht auf.

taz: Was meinen Sie damit, warum kommen Sie nicht zur Ruhe?

Kurtović: Das beschäftigt dich jeden Tag. Das liegt alles noch auf dem Tisch. Das ist nicht so wie: Einer hat dir den Seitenspiegel abgefahren, sagt „Entschuldigung“ und du sagst „passt“. Mein Sohn ist tot – und es wird nicht aufgeklärt. Und dann der Kampf. Der geht weiter und immer wieder kommt was Neues. Und dazu noch: Wir wohnen immer noch hier in Hanau, in der Nähe vom Tatort.

Im Interview: Armin Kurtović

Armin Kurtović ist der Vater von Hamza Kurtović, einem der neun Menschen, die am 19. Februar 2020 in Hanau von einem 40-jährigen Deutschen aus rassistischen Motiven ermordet wurden. Der 51-jährige Kurtović fordert die vollständige Aufklärung des Anschlags und strafrechtliche Konsequenzen.

taz: Haben Sie nie darüber nachgedacht, umzuziehen?

Kurtović: Wir wollten direkt nach dem Anschlag umziehen. Wir haben uns ein paar Wohnungen angeschaut, es hat alles nicht so ganz gepasst, wie wir uns das vorgestellt haben. Wir gucken hier jeden Tag auf das Täterhaus, ob wir wollen oder nicht. Und dann sind wir hier am Kurt-Schumacher-Platz, wo mein Sohn erschossen wurde, wo die einzige Einkaufsmöglichkeit hier in der Gegend ist. Du gehst da hin, du siehst alles wieder und es lässt dich nicht los.

taz: Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen eingestellt, Ihre Beschwerde wurde von der Generalstaatsanwaltschaft zurückgewiesen, auch das Klageerzwingungsverfahren vor dem Oberlandesgericht hatte keinen Erfolg. Zuletzt haben Sie Verfassungsbeschwerde eingelegt. Welche Belastungen bringt dieser juristische Weg mit sich?

Kurtović: Die Verfahren in Karlsruhe laufen noch, wir haben davor Gutachten erstellen lassen. Wenn es in Karlsruhe nicht weitergeht, dann geht es eben nach Straßburg (zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte; d. Red.). Das alles kostet unfassbar viel Geld, Energie und Zeit. Das sind natürlich auch Baustellen, die einem sehr viele Sorgen bereiten. Man muss Spenden sammeln, um das alles finanzieren zu können, und ich danke jedem einzelnen Menschen, der das unterstützt. Ich muss es für meinen Sohn und unsere Gesellschaft machen. Ich glaube an den Rechtsstaat.

taz: Was erwarten Sie konkret?

Kurtović: Der Staat hat die Bringschuld, Sicherheit zu gewährleisten. Dass der Notausgang verschlossen war, war seit Jahren bekannt. Dass der Notruf nicht funktioniert hat, war mindestens seit 15 Jahren aktenkundig. All das war den Behörden seit Langem bekannt. Ich suche keinen Ersatz-Sündenbock. Und ich habe nie nach Geld gefragt – darum geht es nicht. Es geht darum, dass Behörden und Politiker Verantwortung übernehmen. Und dass es Konsequenzen gibt.

taz: Wie hätte diese Verantwortung aus Ihrer Sicht aussehen müssen?

Kurtović: Ich hätte mir gewünscht, dass die nach dem Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses des Hessischen Landtags sich hinstellen und sagen: Es tut uns leid, wir haben unseren Job nicht gemacht. Ein echtes „Wir haben versagt“, das gab es so nicht.

taz: Sie sagen, Sie sind gesundheitlich angeschlagen. Gleichzeitig beschäftigen Sie die Verfahren und die Aufklärungsarbeit jeden Tag, seit sechs Jahren. Kommt eine Pause für Sie nicht infrage?

Kurtović: Ich bin es Hamza schuldig. Und wenn ich es nicht machen würde, wer würde es sonst machen? Ich kann diese Last meiner Familie nicht antun. Ich muss es tragen. Ich bin der Vater. Ich kann das nicht einfach liegen lassen. Ich mache das für meinen Sohn und für meine Familie. Und ganz ehrlich: Wenn keiner Verantwortung übernimmt, dann bleibt uns ja nichts anderes übrig, als weiter Druck zu machen.

taz: Sie sind inzwischen Opa geworden. Sie sagten im vergangenen Jahr, das mache Ihnen noch mehr Angst für die Zukunft. Ist das heute noch so?

Kurtović: Wir genießen die Zeit mit ihm. Es ist etwas Wundervolles auf die Welt gekommen und er hat uns ein Stück Freude zurückgegeben. Angst ist vielleicht das falsche Wort – mir macht nichts mehr Angst. Aber: Dass das alles so folgenlos geblieben ist, belastet mich sehr, gerade mit Blick auf die Zukunft unserer Kinder.

taz: In diesem Jahr gibt es keine offizielle Gedenkveranstaltung der Stadt. Enttäuscht Sie das?

Kurtović: Ich war auch letztes Jahr nicht bei der offiziellen Gedenkveranstaltung dabei. Ob die Stadt offiziell gedenkt oder nicht, das ist nicht der Kern. Der Kern ist nicht das einmalige Foto am Jahrestag oder ein paar Worte auf der Bühne. Entscheidend ist: Was passiert danach? Was wird konkret verändert, damit so etwas nicht wieder passiert? Und wenn man das anspricht, wird es schnell umgedreht. Als Emiş Gürbüz (die Mutter des Anschlagopfers Sedat Gürbüz; d. Red.) letztes Jahr Kritik geäußert hat, hieß es sofort, die Gedenkveranstaltung sei „politisch instrumentalisiert“ worden. Dabei geht es nicht um Instrumente. Es geht um Menschenleben. Es geht um unsere Kinder.

taz: Fühlen Sie sich alleingelassen?

Kurtović: Diese Frage ist schwer zu beantworten. Die ist wirklich sehr schwer zu beantworten. Es ist halt so, wie es ist. Ich habe aber meine Familie, die sind da. Es gibt natürlich trotzdem Journalisten, die fragen, und Menschen, die mir schreiben und nachfragen.

taz: An diesem Donnerstag jährt sich der Anschlag zum sechsten Mal. Wie erleben Sie und Ihre Familie diese Tage?

Kurtović: Sehr belastend. In diesen Tagen kommt wieder alles hoch. Am Donnerstag werden wir am Grab unseres Kindes gedenken und an den Gräbern der anderen Opfer. Aber so etwas hat man nicht nur einmal im Jahr. Das ist jeden Tag da. Und „Nicht vergessen“ reicht als Satz nicht aus. Es braucht Aufklärung, es braucht Konsequenzen. Sonst passiert es wieder.

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2 Kommentare

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  • Ja, der Staat hat eine Bringschuld was die Sicherheit seiner Bürger angeht. Doch auf den Druck der Rechtsextremen hin, hat sich die Perspektive des Staates offensichtlich verändert. Man gibt keine Fehler zu, schon gar nicht, wenn Menschen mit dem falschen Hintergrund betroffen sind, "Nicht-Bio-Deutsche" etwa. Viele der Verantwortlichen in den Parteien, den Regierungen in Land und Bund und, ja, auch in Justiz und Polizei schließen fest das rechte Auge wenn's "nötig" scheint. Man will sich weder die Wähler*innen vergraulen, noch seine Karriere gefährden. D ist opportunistisch geworden und alle gucken weg.

    • @Perkele:

      Geworden?

      Ich empfinde zumindest im Südwesten von Deutschland schon immer eine Unterschwellige Intoleranz. Auch das weg gucken wie sie sagen, ist doch Bestandteil seit mindestens 1945, auch damals wußte niemand von nichts...